171 —
Heimkehr.
Mrählmrg VAN Hanns Wiohlbold.
Mn einem ttiiben Spätherbstnachmittag kani Frank Wedding Mm. Klein und gebückt schritt der Ulte die schnurgerade Lmrd- straße Lmischerr den Stoppel seldern entlang. Ein kalter Schnee-, jpmib Fing durch, bte kahlen Wipfel der Pappeln, er zauste die dünne Jacke des Wanderers urro bog die Krempe seines breite varrdigen, verwaschenen Hutes empor. JiMmer wieder mußte bec Mann stehen bleiben, um eine Minute fintjj zu verschnaufen. Sein Atem ging schwirr und das Herz tat ihm web. Es kam tvobl van dem angestrengten Marschieren oder vielleicht trug auch die alte «einkat dre Schuld daran. Seit einer Sturrde schon lag sie vor seirrem Blick. Im fahlen Licht des scheidenden Tages türmten sich schwere, blau graue Wolleurnassen über den Kernerr, weißen Häusern mit den roten Tächtern, die als das einzige Zeichen menschlichen Lebens aus einer niedrigen Bodenerhebung lagen Wrd deren Fenster wie tote Augen über die Felder hrnausstarrteu.
Wedding roar scholl über die Sechzig hinaus. Ern grauer Stoppelbart wucherte aus dem imübeit runzetiger: Gesicht und weiße Haarsträhnen hingen unter denr Hut hervor. Vierzig Jahre war es Mln her, seitdem er das letzteium auf dieser Straße ging. Tarnals führte sein Weg in entgsgeng-esetzter Rr-chtung — m die Welt hinaus. Vierzig Jahve sind eine gar lange Zeit und er iivar unter-- desseic weit heruingekonimcn. Oft hatte er keine Stätte, iw er sein Haupt hinlegte. Gvanr und Groll trug er vierzig Jahre lang in der Fremde, sein schwarzes Haar war darüber eisgrau gelviorden. TA,ch nup war seine Stunde gekommen. Das Felleisen, das er damals rnit hinaustrahm, ivar nicht leichter uud nicht schwerer gewesen als das, toas er mit heimbrachte. Nur ein Bündel footffc nu n gen war drinn en getvesen, die hatte er nach und nach alle her- Kegebnr und drMlßen in der weiten Welt begraben. Bis auf du*., eie hing fest an seinen: Zorn und chatte ihn im, ganzen Leben nie 'verlachen.. Jetzt sollte ihr Erfüllung werden. Vierzig Jahre kmg war es ein Lauostreichen gewesen. Er kam heiml, u>n wenigstens als ein Herr auf seinem^eigenen Grund zu sterben. t
Lautes Hundebellen, das plötzlich an sein Ohr schlug, weckte
f m aus seinen Gedanken. Er stand dicht vor d^n .Hof seines Vaters.
m ein großes Wohnhaus in der Mitte hoben sich die Scheunen mch Ställe. Frank Wedding sah. daß man nlianches neu dazu gebaut hatte, seit er fortgewandert war. L L
Eine ältere, behäbige Frau trat aus der Tür und mahnte den Hiund zur Ruhe, der an der klirvendcm Kette zerrte.
Das W iwAhl Lina Wedding — dackste der alte Wanderbursche meines BrnderS Frau. Wer gleich oaranf besann er sich, daß sie ja inzwischen, wie, ihr Mann, längst Zestor-M war. Langsam ging er auf sie zu, quer über den tauberen Hof. Sie sah ihn fragend Mi, rmd als er, in demütiger Haltung, , den schäbigen Filz in der Hand, Abendbrot und Na.lch!therberge erbat, nickte sie freundlich Gewährung und ustes ihn an, ins Hans zu treten. Immer noch hielt er den .Hut, dsc kalte Wind fpmte mit seinMr wirren, weißen Haar, und zögernd trat rr Wer die Schwell-? seines HaufeZ. Sein Haus war es und sollte es wieder werden, wenn ihn auch setzt mich niemand da drinnen kannte.
Eine kleine Lampe brannte sin Hiausgang, uud ein hoch- gewachsener junger Bauer trat aus der Stube. Frank Wedding wich einen -schritt zurück, als er ihn plötzlich vvr sich scch. Ist es möglich — dachte er — daß Tote lebendig werden? Genau soj wie dieser sah sein eigener Bruder vvr vierzig Jahren aus.
Ter Bursche lachte, als er das Erschrecken des JSrremben bemerkte, und als Frank mit ein paar gestammelten Wortm seine Bitte um ein Qiuartier erneuert hatte, wies er ihn mit einer Handbewegung in die Küche. Frank atmete auf, als er gleich darauf allein war. Was für ein Narr war er doch, vor dem jungest Menschen zu erschrecken. Freilich konnte er nicht wissen, daß seines Bruders Sohn, dem er das Erbe nehmen wollte, dem Vater so ähnlich war.
Tas Herdseuer brannte und sein gelber Schein warf eine dämmernde Helle durch den gwßen, niedrigen Raum. Eine wohlige Wärme rieselte dem Greis durch die erstarrten Glieder. Behaglich setzte er sich hinter den breiten Holz, tisch, um auf die aitMreu zu warten. Wie seltsam war e.Z doch, daß er nun wieder daheim nur Herde saß. Etwas schnürte ihm die Kehle zusammen, wie durchs einen Schleier sah er das goldgelbe uw> das silbergraue Metall, das an den Wänden blitzte, die weißen Teller auf dem Eichen tisch und den rußgeschwärzten Kamin. Vierzig Jahre lang hatte er so Heimliches nicht Mehr gesehen, lebte unter freiem Himmel oder in Spelunken und Matwsenkneipen dreier Weltteile. Mer rasch ernannte er sich wieder, und unwillig über sich selbst wischte er mit der knochigen Hand die Alleen. Nichts, gar nichts war anders geworden. Beinahe unheimlich wollte es ihrn zumute werden. Im flackernden LiD des Herdfeuers rvurde die Vergangenheit lebendig. Ihm war, als höre er den schweren schritt des Vaters auf den steinernen Fliesen, uud keichtfMg ging die Mutter ausl und ein. Er selbst war ein Kind, sie tnjtf ihn auf den Armen und fang. Niemals in der langer:, langen Zeit hatte er mehr an das reltsame, schwermütige Lied gedacht. Er begann leise zu summen, tfmr er fss-d wck-sr die WovM, rwch ick? WelM« und» darüber tvchys Kr fast tr«Mric- KKvordsu. Alles mar aus seinem Gedächtnis ge-°
^ !>cht. Wieder ärgerte er sich gleich darauf über sich selbst Wie Wnnte er sich nur von alten Errnnerungen so übernÄltigM lassen!
Als iex er Plötzlich seiner selbst nicht mehr ganz sicher, griff er nach dem Felreffer:, das neben ihm auf der Bank lag, Da drinnen Wtte er >eme Mpiere Aus ihnen konnte er sein R-echjt auf denl väterlichen Hof beweisen. Er galt seit vielen Jahren für tot. sertdern er damals nach dem Streit mit dem Vater in die Welt gegallgeu^ war, hatte niemand hier mehr ein Wort von ihm gehört, sie sollten bald sehen, daß er noch am Leben war. Nichts von allem, was er selbst gelitten hatte, durste den anderen erspart blew-em Tre ©in& des Vaters sollte dem söhn heimgezahlt wertst- Tenr: fern Bruder tr-ra Me Schuld, daß ec damals aus dw Heuuat ^mutzte, u: kühler Berechnung hatte jener Z i Met rächt <*£* <£*• Tas mußten Me, denen er das Erbe hmterlich, nun büßen., ^-.o arm, wie er selost eußgs gewesen war, als er fortging, wollte er sie von der Tur wusen. Noch heute sollten sie alles erfahren. Ter Mnge Bauer kam herein und nvit ihm das Gesinde Das Essen wurde gebracht, jeder griff zu und der Hausherr legte selbst dem Handwerkvouricheu Me Stücke auf den Teller. Es wurde nicht vier gereoet. Kern Mensch fragte Frank Wedding nach dem Weg
änderest knarren
7- vw vMMwawuwi» tu IC UCUIC, hagevtz
Gestalt, Me ein Kmd rm^Arrue trug. Sobald sie in die Küche kam, bLMNn sie halblaut M singen, und gleich darauf trat sie in bcrr Llchrkrsis der Lampe.
.. Kr Alte hob den 5liopf beim ersten Ton der Melodie War's möglich daß man hier immer nvch das gleiche Lied sang mit dem auch ihn einmal die Mutter in den Schlad gefmigen hatte? l'Mch eben, vor wenigen Ndmuten, hatte er sich darauf besonnen, «Qm tottte es rhm entgegen, urrd alles wurde leberrdig, was so lauge Lot gewesen war. Und dann sah Frank Wedding das Kttld — schwarzes Kraushaar über einem kleinen, lachenden Gesicht Mit gvouen, fragenden Angen sah es den Fremden an. Frank Wedding wollte etwas sagen, aber er brachte kein Wort über die Lippen Er hattt twmrn- cm Keines Bildchen mit ,ich> cherumgetvagen, das srellte lyn selbst in ferner frühen Knrdheit dar. Ost hatte er es abgesehen und es seinem Gedächtnis ttef eingeprägt. Der Knabe Wx hatte Zug um Zug das gleiche Gesicht. Das Kind, das vor Mzrg Jahren Fr«lk Wedding gewesen v>ar, schien wiederge- ttyrt zu sem Lachend streckte der Knabe die kleine Hand nach den: AtcLil aus, doch dieser sah sie nicht. Zum zweitenmal au diesem Abeirdlag ein schlemr über allen Dingen und vergebens verbuchte der Alte, sich die Angen klar zu Wischer:.
Ihn: schien es plötzlich, als sei sein ganzes, larrges Lebev mchts werter gewesen als ein schlimmer Traum. Ein Alpdruck chn geqUÄt, häßliche Bilder waren in chm vvrbeig^ogen, Me Machte -hatten um ihn und in ihm gelebt und gewirkt Im ^mde gurg ihn all das gar nichts an, jetzt nickst mehr. Gr \vax vlöÄich aus dein schweren Traum erwachst und wieder er selbst ge° ws^derr, war !wieder der gew'orden, der er einst getvelen DmnalS kam er herein v!uL -einer andewn Welt. Ihre Melodien klangen noch rn ferner Seele nach. Staub und Not hatten seitdem alles verschüttet , Aber -es whr noch v>orhanden, dein alten Landstreicher rnit all temeu bösen INMrkten scksten's, als wolle es loieber erwachen und auferststhM. -Er wurde ein anderer, er fand sich dsckt wieder, wo er ernst stand, ehe die Hstnd des Lehens ihn berührte und ihn ber-^ unter rn die Tiefe zog.
Ein schweres Schweigen lastete auf den: kleinen Kreis. Die Menschen sahen ihn an, sie mertten wohl, daß etwas da war, das ihn überwältigt -hatte, aber sie verstaMn es nicht.
Er stand auf und schnürte an dem Felleisen. Es war ihm unmöglich, letzt noch hier zu bleiben.
Wm-u 'Sie müde Hub — sagte der Bauer langsam — so geyen sie zur 3duhe. Wir.haberr schon ein Nackstlager .hergerichtet.
Frank Wedding schüttelte nur den Kopf. Er hielt ein Päckcken Papier zwischm den zitternden Fingern und trat zum Herd. Bi-erzitz Jahre, lang hatte er sie gehütet wie seinen Angachel. Sein Haß mrd seine Hoffnung hingen an ihnen allein.
Das Herdfeuer loderte auf, als er sie hineinwarf. Dann nickte er den Knechten und Mägden zu. Sie wußten nicht, wie sie sich fern seltsames Verhalten erWren sollten. Ter Hausherr redete ihm-, als er nach dem Hw griff, freundlich zu, doch zu Äeiben. Er schüttelte mir den Kops.
Sie ging-en miteinander hinaus und als sie die Haustür öffneten, peitschte der Nachtwind ihnen die .feuchbön Schneeflocken ins Gesicht.
Wo willst du jetzt hin? — sagte der Bauer nochmals, — du siehst, es will Winter werden. —
Frank Wedding stand einen -Augenblick in der offenen Tür« rmd sah den jungen .Mjann an, als wolle er etwas zu ihm sagen'. Wer dann gab er ihm schweigend die Hand, nickte ihn: zu und ging. Ter Bauer blieb noch eine Weile unter den: Hpstor stehen und sah ihm nach. Tie kleine, dunkle Gestalt griM. geborgt davon, als wenn sie eine s-chjtvere Las; zu tragen Hätte. Me wurde klenM rM Neurer, bis sie anblich hinter den: BDrharT der immer dichter wervenderr Flocken fern in der Nacht versMstmd-
#*** j» i «HMK


