Ausgabe 
29.5.1918
 
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Winke! ihrer Seele scharren ,,dieser HauptMünn Long- ford, den Sie, Mylord, so trefflich vewirtet haben, ist sin deutscher Offizier?"

Die erhoffte Wirkung dieser Worte blieb aus.

Der Zeitungskönig erschrak nicht, sondern sagte einfach,:

Ich dachte mir's doch!"

Entrüstet herrschte ihn der Minister an:

Sie dachten sichs? Und Sie haben keine Mitteilung an amtliche Stelle gelangen lassen?? Das ist in der Tat stark! Ein starkes Stück ist das!"

Aber Lord Southrisfe wehrte den Hieb mit seinem Spott ab:

Mein Verdacht wurde selbstverständlich zerstreut, nach­dem ich gesehen, oaß die Behörde, die doch zunächst alle Ursache hatte, sich mit der Person des Herrn in gründlicher Prüfung zu befassen, keinen Anstand nahm, ihn im Kriegs- «mt unrerzubrtngen."

Soll das vielleicht ein Vorwurf sein?" versetzte der Minister gereizt.

Nichts liegt mir ferner als das! Das wird ja einen ungeheuren Aufruhr in der Presse geben."

Und wieder grollte der andere:

Nein! Das wird es eben nicht! Das Wort der Herren habe ich. Die andere Presse wird keine Silbe darüber« bringen! Hier muffen alle kleinlichen Gegensätze schweigen. Ich ziehe Sie persönlich ins Vertrauen, eben damit aus der Angelegenheit kein Skandal entsteht."

Mit unbeweglicher Miene stand Herr Courtman da.

Der Zeitungskönig lächelte fein.

Nun, Exzellenz, hier ist der Brief. Sie wollen sich von oer Unversehrtheit der Siegel überzeugen!"

Der Minister erbrach mit zitternder Hand die Siegel und entnahm dem Umschlag einen mehrfach zusammen- gesalteten Kauzleibogen. Er reichte ihn.dem bescheiden im Hintergrund harrenden Courtmarl und forderte ihn auf, vorzulesen.

Courtman las mit gleichmäßig ruhiger Stimme die folgenden Sätze:

jMylord,

Wenn Sie diese Zeilen lesen, bin ich entweder ermordet morden oder spurlos verschwunden.

Zn meinem Bedauern muß ich Ihnen gestehen, daß ich Ihre Gastfreundschaft in der schnödesten Weise miß­brauchte: Ich bin nicht der, den Sie in Ihr Haus geladen zu haben wähnten; mein wahrer Name ist Paul Kersten; ich bin ein einfacher deutscher Hauptmann und habe nie eine andere Absicht gehabt, als in Lorrdon meinem Vaterlande durch Kundschafterdienste zu nützen, nachdem ein englischer Granatsplitter es mir leider unmöglich gemacht hatte, dies auf andere Weise m tun. Ich bin also nicht der kanadische Hauptmann, für den Sie mich hielten. Und es tut mir wirklich leid, Sie enttäuschen zu müssen.

Ich weiß nicht, ob es nach Ihrer Auffassung shocking war, me Einladung, die doch dem Captain Longsord und nicht dem Hauptnrann Kersten galt, überhaupt anzunehmen. Aber Sie werden zugeben, daß nicht ich es war, der sich Ihnen ansdrängte . . ."

An dieser Stelle konnte die Exzellenz ein Lächeln der Genugtuung nicht unterdrücken.

. . . Schließlich blieb mir nichts anderes übrig, als die Täuschung auch Ihnen und Lady Edith gegenüber durch- tzuführen, wenn ich nicht den Zweck verfehlen wollte, zu Lessen Erfüllung ich ausgezogen war. Es wäre vielleicht angebracht gewesen, werden Sie meinen, wenn ich mich Ihnen entdeckt hätte. Aber daraus wäre Ihnen zweifellos die unangenehme Pflicht erwachsen, diese Entdeckung der Polizei, dem Attorney General oder einer anderen Behörde zur Kenntnis zu bringen und vor dieser Unannehmlichkeit wollte ich Sie gern bewahren.

Trotzdem muß ich ehrlicherweise zugeben, daß ich mich in Ihrer Schuld stehend fühle. In Ihrem Hause wurde ich als Held gefeiert: Ihre Blätter machten so wundervolle Reklame für mich; Ihre Tochter nahm sich meiner in so liebevoll besorgter Weise an, daß ich Ihnen einen kleinen Gegendienst erweisen muß. Und das ist der. Sie als ersten von diesem unerhörten Skandal in Kenntnis zu setzen.

Bei Ihrer mangelnden Vorliebe für die Regierung, woraus Sie ja nie ein Hehl machten, wird es Ihnen ein Skr* gnügen sein, diesen Skandal mittels Ihrer anderthalb Dutzend Blätter so zu vergrößern, daß die sämtlichen Winistersrühle ins Wanken geraten.

Und dieses Vergnügen wird Sie reichlich für die kleintz Enttäuschung entschädigen, die ich Ihnen leider bereiten mußte.

Es wird vielleicht weiter für Sie von Wichtigkeit sein, zu erfahren, daß ich im Artois nördlich von Arras meinen Schuß erhielt, schließlich ins Reservelazarett Brügge ge­schafft wurde, dort den sterbenden Captain Longsord kennen lernte und so nebenbei erfuhr, daß er keine Angehörigen habe. Dies hat mich dann aus den vorzüglichen Einfall ge* bracht, meiner Vorgesetzten Behörde den Vorschlag zu machen, daß ich, ausgerüstet mit den Papieren des inzwischen seinen Wunden erlegenen Longsord, über die holländische Grenze entfliehen" und im weiteren die Komödie spielen wollte, in der auch Ihnen eine Nebenrolle zugedacht sein sollte.

Seien Sie und Lady Edith dafür bedankt, daß Sie mir den ersten Teil meines Weges'durch Ihr freundliches Ent- z gegenkommen so bedeutend erleichterten!

Meine Aufgabe zu erfüllen, ist mir nicht immer leicht gefallen; aber aufrecht hat mich stets das Bewußtsein ge­halten, daß es ein ganz großartiger Spaß sei, halb England vom Kriegsminister an abwärts an der Nase zu führen."

Nun war es an Lord Southrisfe, ein Lächeln zu unter­drücken.

.... In diesem Sinne

Ihr sehr ergebener

Paul Kersten,

Hauptmann a. D., vormals Longsord, Captain der Ottawafiisiliere."

Ms der Vorleser beendet hatte, sahen sich die beiden alten Herren einen Augenblick stumm an; dann verzog sich ihr Mund zu einen: verlegenen Lächeln. Nur CourtmanS Gesicht verriet keine innere Bewegung.

Es läßt nicht leugnen: Der Herr. fjafc Humor," kielst sich der Lord vernehmen,und mir spielen keine zu glückliche Rolle in seiner Komödie. Was imrb nun mit ihm geschehen? Haben Exzellenz ihn verhaften lasser:?"

Noch, nicht! Ich-werde mir noch überlegen, was ich' mit ihm mache. Vielleicht ist es klüger, einmal beide Augen krampfhaft zuzudrücken mio ihn an einen Ort abzuschieben, wo er und seine Konrödie uns allen nicht mehr schaden kann."

Ich muß gestehen," meinte der Lord nachdenklich,daß ich in seiner Lage diesen Humor nicht aufgebracht hätte. Ich Bat ihm ja ein wenig gram. Aber, alles in allem ge­nommen, hat er seine Sendung nicht ausgezeichnet durch- ge führt?"

Der Minister erhob sich.

Ich brauchte den Herren wohl nicht mehr auseinander- zusetzen, weshalb hier Schweigen geboten erscheint, weshalb um des gairzen Reiches willen von oiesem peinlichen Hoch­verrat kern Sterbenswörtchen in die Oessent lichtet t dringen darf."

Er reichte beiden Herren die Hand und schloß:

Es soll mich von Herzen freuen, wenn eine. Folge dieses Besuches etwas bessere Beziehungen zwischen Downing Street und der führenden Presse wären."

Die Herren gaben der Exzellenz das Geleit bis zum Fahrstuhl.

Den Brief hatte der Minister an sich genommen.

Er ließ den Kraftwagen nach seiner Wohnung fahren, mrd während er sich zum Dinner umkleidete, überdachte er nochmals der: ereignrsreichen Dag. Cr hatte das Gefühl, daß er sich mehr glimpflich als schimpflich aus der Klemme gezogen, und glaubte sogar Ursache zu haben, mit sich und seinem diplomatischen Geschick zufrieden zu sein: Er hatte einen feindlichen Kundschafter überführt, hatte einern ge­fährlichen Gegner eine seiner giftigen Waffen entloimrden Und obendrein bessere Beziehungen für die Zukunft zu ihm angeknüpft.

Er rieb sich die Hcutde.

Der übrige Teil der Arbeit, die geräuschlose Beseitigung des Kundschafters, war die geringste Mühe. Danckt beprÄe er sich grundsätzlich nie. Das konnte er auch dies'nral seinen bewährten Vertrauensleuten überlassen. ,

Die Gäste rühmten an diesem Abend die aufgeräumte Stimmurrg und gute Laune der Exzellenz, und manch einer schloß etwas voreilig ans eine günstige Wendung in Süd­europa . . .

(Fortsetzung stlgt.)