Ausgabe 
15.5.1918
 
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leer; die Reisenden klapperten mit Schuhen und Handkoffern aus den Bahnsteigsließen, in ungewisser, nervöser Stimmjung, der schürfen Grenzkontrolle und der tausenderlei damit verbundenen^ nicht KU vermeidenden Unannehmlichkeiten gedenkend, denen sie sich nun würden unterziehen müssen. Wohin man auch blickte Überall sah man blinkende Uniformknöpfe, die Mühen von Beam­ten, Helme, hier und dort ragte ans dem Gewühl die kalte Stahl- spitze eines Bajonetts empor. Amtliche Tafeln mit doppelsprachigen Unsschriften, Zettel mit Bekanntn.rachungen,, Wappenzeichen, Stem­peln .... Befehle, Verbote, Aufforderungen....Achtung"/ Revision", ,,Passant",Gepäckdurchsuchung",Ans- uiib AN- Üeidezellen". Ein Grenzbahnüof zur Kriegszeit.

Aus dem letzten Wagen des D-Zuges war ein einzelner Herr ausgestiegen. Er kam aus einer Wagenhälfte, die an Wandurig! und Türe mitI. Klasse" bezeichnet war. Es war ein sehr elegantes

a m in einem geschmeidigen, dünnhäutig raschelnden Regenmantel.

in hochgewachseuer Herr unbestimmten Alters, mit jenen nachll lässig.-Uheren Bewegtingen, die sofort den geübten, in allen Lagen erfahrenen Reisenden verraten. Glattrasiert, vornehme energische Gesichtszügp Er liest sein Gepäck aus feinstem Jüchtenleder ab- taben und folgte mit unbekümmert festen, lässig federnden Schrit­ten der Menge, die bunt-gesprächig und einigermaßen zögernd der Untersuchungsabteilurlg zuströmte.

Im Kontrolle-Raum waren alle Laute gedämpft. Unwill­kürlich trat mair mit Zurückhaltung auf, mark unterhielt sich raunend und schob sich von Zeit zu Zeit ein Stiick vorwärts, wenn die vorderste Reihe abgesertigt war. Tie lauten Stimmen der Beamten und das Rollen von Gepäckkarren hinter einer Türe bil­deten hierzu einen mcrkwi'rrdigen, besonders für nervöse Leute fast! akustisch-schmerzhaften Gegensatz.

Ter elegante Herr stand unter den Letzten. Unerschütterlich überschaute er mit von Reisemüdigkeit zwinkernden Augen das Bild ringsum, das ihm im übrigen wenig zu interessieren schien. Wenn gedrängt wurde, schob er sich unmerklich zur Seite, unge-i baldige Damen liest er mit einem Lächeln vor. Er gähnte. Augen­scheinlich ließ er sich Zeit. Vielleicht dachte er auch!, am Schluß rascher abgesertigt zu iverden, da der holländische Zug sofort nach! Beendigung der Untersuchung fahrplanmäßig abfahren sollte.

Endlich kanr auch der Herr im Regenmantel an die Reihe. Als der Beainte ans dem Paß mit Rufstimmen seinen Namen vorlas, trat er gleichmütig hervor, ohne dem Bewachnngssoldaten besorg vere Beachtung zu schenken.

Er antwortete auf alle, in üblicher Folge au ihn gestelltest Fragen rasch, kurz und korrekt. Skandinavier, in englischen Ko-, wnien gelebt, jetzt an der Spitze eines europäischen Exporthauses in Europa. Geschäfte hier im Lande abgewickelt, Reiseziel: Äm- sterdam, Geschästskonferenz und Vertragsabschluß.

Der Beamte nickte dmikend und bat, ihm in die Gepäckabtei- Lrmg zu folgen. Tie Koffer waren bereits untersucht, alles ist Ordnung. Ihr Anhalt wurde dem Besitzer gezeigt zur Kennt­nisnahme, daß jedes Stück an. feinem Platze sei dann, schnapp­ten die süberblitzenden Nickelverfchläae' der Schlösser zu. Wiedep ZriKe Uer Beamte danket; dann sagte er, kühl, aber äußerst höflich:

Sie sind Ausländer, mein Herr. Sie verlasset: unser Land. Wenn Sftc diese Grenze überschritten haben, stehen alle Wege offen. Es tut was leid, Ahnen Unbequenckichkeiten bereiten zu müssen . . . aber Sie haben sich der Leibesvisitation zu unter­riehen. Hier rechts, diese Türe..."

O, bitte, verstet-e vollkommen," meinte der Herr mit einem flüchtigen weltmännischen Lächeln,begreife vollkommen, Krieg ist

t ieg ..." Und er verschwand hinter der Türe, die der Beamte loß. Zehn Minuten später trat der Herr wieder in den ersten V mm. Der Beamte übergab ihm die verschiedenen kleinen Gegen­stände, die er bei sich getragen, Uhr, Brieftasche usw. Ms er ihm das goldene Zigarettenetui reichte, meinte er bedauernd:

Tie Zigaretten müssen Sie aber herausnehmen und hier Lassen, mein Herr. Wollen Sie so liebenswürdig fein . . . .", er­wies auf die Tischplatte.

O," sagte der Herr erstaunt und biß sich ein wenig ungedul­dig auf die Lippe,das ist aber unangenehm. Ich habe dann nichts zum Rauchen bis zur nächsten Stadt."

Sie bekommen im Zug so viel Zigaretten, als sie nur wün­schen können."

So? Nun ja aber nicht meine Marke."

Das tut mir leid."

Ter Herr runzelte die Stirne und zögerte. Dann meinte er, wieder lächelnd:

Aber eine darf ich mir doch nehmen, zum sofortigen Ge­brauch, nicht wahr?"

Bitte."

Der Herr blickte irr das noch immer ausgeklappte Etui, zog Kus ddr Mitte eine Zigarette heraus und warf die andern auf den

Tann wollte er sich mit kurzem Grnß entferrren.

Ter Beamte warf unter den Augenbrauen einen raschen Blick Kuf ihn, trat einen Schritt vor und sagte:

Verzeihung, Sie müssen die Zigarette hier rauchest."

Gut denn, M zünde sie hier an. So." Gr warf das brennende Streichholz auf Estrich und zertrat es.Wer jetzt ist's die höchste

Zeit

Zum zweiten Male trat der Beamte vor:

Sie müssen die Zigarette hier m Ende rauchen," i Jetzt verlor der Herr seine Ruhe: Aber ich ve'rsäume j« den Zug!"

Ter Beamte zuckte die Achseln:Dann werfen Sie sie fort."

Ter Herr stampfte auf. Er mürbe mit einem Male rot vor Zorn.Zum Donnerwetter, das geht denn doch z!u weit. . .!"

Ter Beamte ergriff ihn beim Arm. Seine Stimme klang hart rrstd befehlend, als er sagte:Sie werden die Zigarette hier vop mir zu Ende rauchen, vor meinen Augen, Zug für Zug!"

Ter Herr wehrte sich. Er wollte vernichten, das Zeug fort­werfen. Er versäumte Unsicher den Zug, verflucht noch einmal. Doch nichts half. Soldaten standen an der Türe. Der Beamte starrte ihn an. Er mußte, mußte zu Ende rauchen! . . . Als aber kW Zigarette Wir Hälfte geraucht war, durchlief ein Zucken den robusten Körper des Herrn. Ter Beamte starrte auf das glimmende Ende. Und jetzt jetzt fiel ein kleiner Gegenstand mit hellem, metallischem Aufschlag aus der Zigarette auf die Erde.

Ter Beamte bückte sich blitzschnell, hob die winzige, kurze Aluminiumhülse auf, öffnete sie mit dem Taschenmesser und ent­nahm ihr eine Rolle langen Seidenpapiers, die mit fast mikro­skopischen Schriftzeichen besät war.

Das Gesicht des vornehmen Herrn war sehr bleich) als die Sol­daten ihn wegsührten. Draußen pfiff der äbfahrende Zug. . , .

Aeberwmden.

Von Gustav S ch r ö e r.

Ter Regen klatscht müde und schwer gegen das' Fenster. Frau Lore Andre s-üU sitzt sinnend im weichen Sessel, hat die feinen/ blassen Hände im Schoße gefaltet, das Haupt leicht zurückgeneigt- und es geht dann und wann ein frostiges Schütteln über sie hip. Gott, es ist ja ha eigentlich nicht viel zu llügeln. Die Wahrhell liegt fast nie in einem Labyrinth. Nur» den steckt sie hinter tausend Gäßchen, der nicht den Mut har, Mahr zu sein. Gs ist meist viel, viel einfacher, im großen wie im Keinen, int Kriege, der Hunderttausende in den Krater hinabwiest, wie im Kriege, in dem ein Sein so langsam vermorscht. Ist ja auch längst rein Krieg mehr, den Lore Andresen führt, und das ist das Furchtbare.

Wenn sie neben dem Gatten sitzt, dann weht die schwere Luft, die gemischt ist aus Trauer und? Verachtung. Wie in tausend Häusern, in denen der gute Don verbietet, der Wahrheit letzten Schluß,zu ziehen, wie in tausend Häusern, .in denen eine Frauen^ fdele nvich rni Versinken verlangend die Arme ausbreitet, weil es des Fraueuherzens' allergrößtes Wunder ist, daß selbst die ge­kreuzigte Liebe nicht sterben kann.

Und io muß es geschehen, daß der Stolz eine Eisrinde um das

S ii schlägt, daß die Tränen in den Augen festgefrieren, und das e starr wird und kalt, erschauern läßt, wen es anblickt, und r tausend Menschen Saum einer erkennt, daß da lauter fest­gefrorenes Herzeleid .auf den Osterhauch wartet. Es ist so leicht gesagt:Hochmut, Stolz. Lore Andresen gilt für stolz, ja für hoch­mütig. Sie bestreiten, daß sie ein Herz hat, und der Mann ist so gerne froh, ist ein Mensch, der überall Freunde hat, lustig ist Und gerne lustig macht. Dazu die Frau! Der arme Mann, man kann es ihm wirklich nicht verdenken, wenn. . .

Arme Lore Andresen, arme, frierende, die den Kampf cmf-- geben wollte Md nicht kann und Mn eine einzige, wandelnde Lüge ist! Recht auf Leben? Das wollte sie dem Manne nicht lassen? Nur eines, eines, wenn er nur treu wäre, nur treu!

Nun das Nene. Heute gehört Wohltun znm guten Tone mehr denn je. Und wenn Herr Fried Ach Andresen,. öer kinderlo se, reiche Mann, ein Kriegerwaislein in das Haus nehmen will, ja, warum denn nicht? Er kann ein ganzes Waisenhaus auftnachen, er hat es doch. Ist ja auch furchtbar einfach die Sache. Frau Andresen geht nach der Schreibstube der städtischen Kriegshilfe, läßt sich da die Warnen einer Anzahl Familien aufschreiben, die.mehr Knder als Brot haben und deren Ernährer draußen fiel. Gibt es ja doch»solche Fälle genug. Sie brauchte ja schließlich nur zu telephonieren. Es schien ihr aber doch richtiger, selber hinzugehen. Man konnte sich da gleich nach diesem und jenem erkundigen. Höre Andresen hat auch gar nichts gegen ein Kind. Sie weiß genau, wie das kommen wird. Es wird den lustigen Vater, der gibt, gibt mit vollen Händen, lieb gewinnen und wird die starre Mutter fliehen.

Aber wozu denn sich darüber aufregen? .Das ist ja doch alles längst eingesargt, was da so lebenshungrig lange, lange Jahre gezuckt hat.

Da waren drei Familien, die man ihr empfahl. Lore Andresen hat nur eine ausgesucht, dann ist sie heimgegangen, müde, müde, mit leeren Händen.

Ein sauberes, nettes Stübchen, eine schlichtgekteidete, noch junge Frau. Die hellen Haare erhöhen die Wirkung der ernsten Trauerfarbe. Um den Tisch vier Kinder sittsam, aber nur ebenz in verhaltenem Lnsttgsein, den Schelm in den Augen und nun das große Verwundern darin, als die vornehme Dame etntritt.

Und da war auch nicht viel zu verhandeln. Das Mädchen hätte Frau Lore Andresen gern, das blondlockige, das so gegen drei Jahre alt sein wird. Es ist soweit auch alles abgemacht. Natürlich. Wie sollte die Witwe nicht froh sein, wenn ihr Kind in tag reiche Haus kommt?Also dann heute abend, wenn ich bitten darf," sagte Frau Lore. Genau so. wie sie im Geschäft dir Auswablsrudung bestellt.