1Ö4
weseriden erkläre: Da steht der Mann, der beu deutschen Unterseebooten den Weg nach Kap Matapan gewiesen mrd uns den Verlust einer ganzen Division Wgefügt hat!?"
Fast heiter erwiderte er:
„Das käme auf den Versuch an. Vermutlich wird man Me auslachen, Mylady."
„Und wenn ich an den Richter schreibe?" forschte sie Weiter.
„Dann wird das Ende vom Liede sein, daß Sie sich tzorm Friedensrichter wegen Beleidigung eines ehrenwerten Offiziers zu verantworten haben werden."
„Ich werde also an den Minister selb ist schreiben Müssen."
„Ich stelle anheim," sagte er kurz und legte die Finger her Rechten grüßend an den Fliegerhelm. Keine Muskel Gurkte in seinem Gesicht. Wie eine Bildsäule aus Erz stand er da.
Sie verließ ihr:, ohne den Blick nach! ihm zu wenden.
Atterley trat auf ihn zu.
„Diese Auseinandersetzung scheint keinen friedlichen Abschluß gesunden zu haben," sagte er lauernd. „Nehmen Sre mir meine Neugierde nicht übel! Aber ich kann von diesem dämonischen Weib nicht loskommen."
„Das -st sehr schade um Sie," erwiderte Longford gelassen.
In diesem Augenblick ging ein älterer Herr mit eurem großen Schlapphut an ihnen vorüber. Atterley zuckte zusammen.
„Haben Sie den Kerl gesehen?"'
„Werr? Den Herrn, der eben vorbeiging? Den sah ich fchorr häufig hier. Er scheint gern am Flugplatz zu weilen."
„Das ist der Lurnp!" preßte der andere zwischen den Zähnen hervor.
Der Hauptmann runzelte die Stirn.
„Wollen Sie mir nicht den Gefallen tun und sich einer gesitteten Redeweise befleißigen?"
„Gern! Gern!" pflichtete der andere bei. „Aber erinnern Sie sich denn nicht mehr unseres Abends im Literaturklub, als Sie mich von meinem Begräbnis zurück- hielten? Wissen Sie rricht mehr, daß ich Ihnen von allen meinen Gegnern einen als den niederträchtigsterr Ber- leumder, als einen wirklichen Lumpen schilderte, den Advo- ka.ren Burnham, beit Sachwalter der „Labvur Post" — das ist er! Ich wünsche keinem Menschen etwas Schlechtes. Aber wenn diesen Burschen, dessen Gewerbe die Verleumdung, dessen Lebenszweck die Gemeinheit ist, heute der Schlag träfe, so wäre die Erde urplötzlich von einem ihrer gefährlichsten Iirsekterr befreit, urrd für nrich und nicht wenige andere hätte das Leben dadurch entschieden an Vorzug gewonnen. Verfluchter Hund!" knurrte er hinter dem im Dämmer verschwindenden Advokaten drein.
Longford schlug einen heiteren Don an.
„Darf ich Ihnen einen Vorschlag machen? Wollen Sie mich dem Herrn nicht vorstellen?"
Atterley hielt den Mund vor Staunen offen.
„Ich. . . Sie . . . Kapt'n, Sie dürfe:? viel von mir verlangen. Ich weiß, daß ich Ihnen zu Dank verbunden bin; denn Sie haben mir ganz uneigennützig einen Dienst erwiesen., der mich von viel schlimmen Sorgen erlöst hat... Aber das . . . nein, nein, das dürfen Sie nicht von mir fordern!"
Der junge Offizier besänftigte ihn wieder.
„Nun, mm, es war ja nicht so schlimm gemeint. Ich könnte nämlich den Herrn ganz gut gebrauchen... in einer bestimmten Sache. Er könnte in einer Erbschaftsangelegenheit für mich Ermittelungen anstelle. Er scheint Mir der rechte Mann zu sein. Ein vornehmer Wvokat würde den .Auftrag vielleicht _ nicht annehmen oder nach kurzer Prüfung wegen Aussichtslosigkeit oder aus andern Gründen nieder!egen. Er scheint mir, wenigstens nach Ihrer Schilderung, von irgendwelchen Skrupeln nicht gevlagt zu fern. — Enlschulditzen Sie nnch bitte bei den anderer? Herrsch«sterr! Sagen Sie, ich sei plötzlich abgerufen worden!"
Und er stapfte eilerrds hirrter derrr Advokaten drein.
Trotz seines rwch immer nicht ausgeheilten Beines holte er das Männchen bald ein.
Burrchanr War ein Manrr von reichlich fünfzig Jahren. 'Ln bot eigentlich eine lächerliche Figur. Gr hatte einen großen Kvps, der auf einem viel zu Weinen Leibe saß. Seine ettvas rrach außen gekrümrnten Beine ainger: nicht, sie
Watschelten nach Entenart. Von ferne sah es fast uns, als rollte ^ein aufvechtstzehendes Faß über den Boden dahin.
Ausdruck verriet Witz und Verschlagenheit. Aber sein Gesicht war mißfarben und wies grobe, verschwommene Züge auf; in der Mitte saß ein« Wqbigs Nase gleich einer Birne.
Ihn redete Longford an. Er stellte sich vor.
Der andere nannte ebenfalls seinen Namen.
„Ich sehe Sie täglich! hier. Sie sind wohl ein Freund des Flugsports?"
„Nun, man interessiert sich" gab- der berüchtigte Anwalt zur Antwort. „Meine Praxis läßt mir jetzt genügend Zeit dazu."
„Ja, ich hörte schon," leitete Longford über, „Sie srnd Advokat."
„Hat Ihnen gewiß der Herr erzählt, der gerade bei Ihnen stand ... Guter Freund von mir, der Herr Atter- ley . . . Jim Vertrauen: hat er sehr geschimpft?"
„Sie sind wohl fein Gegner in einem. Prozeß?" fragte Longford ablenkend.
Burnham wieherte.
„Jir einem. Prozeß ist gut. Wird wohl bald ein halbes Dutzend sein . . . Angenehmer Zeitgerloise, der Herr
Longford dachte, das Gespräch mit den: widerwärtigen Menschen möglichst abzukürzen.
„Ich habe nämlich auch so eine knifflige Sache."
„Knifflige Sache?" unterbrach der Anwalt. „Sind Sie an den rechten Mann gekommen. Nun, was haben Sie denn schönes? Lassen Sie hören! Hier ist zwar meine Kanzlei nicht, sondern der Flugplatz. Aber Sie haben Zeit, und ich habe Zeit. Also verschlägt es uns beiderr nichts. Schießen Sie los!"
Longford lachte lautlos in. sich hinein.
.„Ich will Sie nicht lange stören . . . Eine holländische Dame, Ilse Drooy, der ich sehr verbunden bin, lveil sie und ihre Angehörigen mich in Rotterdam herzlich verwiegten, verlor hier irr London vor drei Jahren ihren uro- verehelichten. Orrkel, Walter Dvooy. Der alte Herr muß aber wrn Geld sehr verzettelt angelegt haben. Es ist sehr schwer, dem Nachlaß, dessen alleinige Erbin Fräulein Ilse Drooy r)t, aus die Spur zu kommen. Ein paar kleine Posten habe ich entdeckt: aber bei weitem, nicht alles. Und ich habe der Dame versprochen, Nachforschungen anzustellen. — Wäre es möglich!, daß Sie sich der Sache annäh-men und Ermittlungen pflegten?"
r warum nicht? Mit dem größten Vergnügen
selbstverständlich! Ich habe mir schon ein paar kleine Vormerkungen gemacht. Wenn was rauszuholen ist, hol' ich's Ihnen und üenr Fräulein Ilse Wans."
Longford gab ihm seine Karte.
_ „Hier mein Name und die Wohnungsangabe. Lassen Sie mrch bald weiteres hören! — Guten Abend >"
Und vergnüglich w änderte er, durch die Zähne pfeifend, änm Schuppen zurück.
(Fortsetzung folgt.)
Die Zigarette.
Bon Alfred Bratt.
An dem Knattern der^ Räder, deren bis dahin gleichmäßig pochender Takt plötzlich außer Rand und Band geraten zu sein schien, an dem Rütteln und der? jähen Schwenkungen des Wagens,- an dem Klirren mannigfacher Gleiskreuzungen konnte mau erkennen, daß die Strecke sich verbreiterte, daß Quergleise und Weichen sich den? brausenden O-Zug unterschoben. Es war der Expreß Deutschland—Holland, der die Reisenden aus dem kriegführendes Staat in neutrales Gebiet brachte —, mit der Möglichkeit, sich von da weiterhin in einen feindlichen Staat zu begeben.
Tie Maschine verlangsamte ihr Tempo, man hörte ihr Schnauben brs zum allerletzten Wagen. Wächterhäuschen schoben sich erst! schnell und dann immer langsamer vorbei, in der Dämmerung noch hcnbblinde Signallaternen irr Blau, Rot und Grün sprangen neben der? regenfeuchten Schrvetten empor urrd tauchten gleitend wieder im Nebel unter. Ein Wellblechdach strikte sich herab mrd verdnnkelttz die Aussicht, der Bahnsteig mit Menschen rrnd Gepäckbergen glitt heran — knirschend, unter einer von Glutpünktchen durchflatter- ten Kohlenrauchfahne fuhr der Zug in die Grenzstation ein.
Der übliche Trubel der Anssteigenden war um ein Vielfaches erregter als sonst — denn mau befand sich ja an einer Grenze in doppeltem Sinne, an einer Grenze zwischen Krieg und Frieden... und hinter den? Friedensgebiet lauerte die andere Kriegs Partei, innerhalb verblüffend weniger Minuten war der ganze lange Zug


