Flieger über Ronden,
EHive Fondyner Erzählung aus den Spätherbsttagen 1915.
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
, Hastig griff er nach dem Papiermesser und öffnete den Umschlag. Der Brief war umfangreich. Zwölf engbeschriebene Seiten,' und er las:
„Verehrter Herr!
Es tut mir leid, um gleich das Wichtigste voraufzuschicken, Ihrer Bitte nicht entsprechen zu können: ich kann Ihnen kein Jawort, ich kann Ihnen nicht einmal einen aufschiebenden Bescheid erteilen, ich muß Ihnen mit eitlem unzweideutigen Nein antworten.
Ihr Brief kam mir freilich etwas überraschend: aber sein Inhalt hat mich durchaus 'nicht verblüfft. Wenn ein Mann wie Sie, Herr Hauptmann, fortgesetzt von den „schönen weißen Händen" einer Dame schwärmt, als höchste Gunst sie zil küssen begehrt und sozusagen Fetischismus mit eben diesen Händen treibt, so gehört nicht viel Scharfblick dazu, um die Gefühle zu erraten, die den Mann beseelen.
Ob und inwieweit Ihre Vermutung richtig, daß mir diese Gefühle nicht gleichgültig sind, möchte ich dahingestellt sein 'lassen. Aber selbst wenn Sie recht hätten, selbst wenn mir Ihre Zuneigung erwünscht gewesen wäre oder noch sein könnte, so wäre damit noch nicht der Schluß gerechtfertigt, daß ich nun Ihre Gattin werden will.
Zunächst weiß ich selbst, um Ihnen auch einiges über meine Person zu verraten, noch lauge nicht bestimmt, ob ich jemals heiraten werde. Ich glaube, ich hätte am ehesten noch Talent, die Aspasia eines Perikles zu werden. Ewig mit einem Manne zusammell zu leben und nieinals an einen andern denken, mit einem andern tändeln, spielen, Küsse tauschen dürfen, das stelle ich mir als die langweiligste Geschichte von der Welt vor, und ich habe weiß Gott nicht die Absicht, mit meinen sechsundzwanzig Jahren mich in einen solchen Zustand herabzuwürdigen . . .
Das mag Ihnen etwas frivol erscheinen: aber ganz nackt gesehen, ist jede Wahrheit frivol und jede Frivolib tät wahr. —
Vor einigen Tagen habe ich in der Londoner University einen Vortrag über „Italienische Kultur" zur Zeit der Päpsteherrschaft gehört, und da wurde auch ein Gregor erwähnt, zu dem der berühmte Kanossagang eines deutschen Kaisers führte; im Gefolge jenes Papstes soll sich eine Gräfin oder Herzogin Mathilde von Toskana befunden haben, und diese Dame heiratete mit 44 Jahren einen 19jähriqen wel- fischen Fürsten.
Sehen Sie, wenn ich 44 Jahre alt tväre und es fände sich ein 19jähriger, dann spränge ich vielleicht auch mit beiden Füßen in die Ehe. Vorher'empfände ich den Mangel an Abwechslung in der Ehe zu grausam, und bis ich 44 alt
bin, werden Sie, so etwa 50 sein, also für mich entschieden zu alt. Dies nur nebenbei!
Gewiß achte ich Sie als Tatenmensch. Aber wer tveiß, ob mich morgen nach Tatenmenschen verlangt. Vielleicht zieht es mich morgen Nach einem effeminierten Weichlürg, übermorgen zu einem bluttriefenden Mepgerburschen und dani! gar zu einem Literaturjüngling vom Montmartre drüben. . .
Ja, wenn Sie eine Proteusnatnr, wenn Sie das alles in einer Person wären!
, Denken Sie nicht, ich gebrauchte vielleicht Ausreden, weil ich die Erbin des Loro Southriffe bin und unbedingt einen Gemahl aus dem Hochadel ehelichen müßte! Ich bin von falschen Vorurteilen nicyt angekränkelt und sähe wirren Hindernngsgrund, den bürgerlichen Offizier Longford zu heiraten, um so weniger, als es Mittel und Wege gäbe, dem Bürger zur Lordschaft zu verhelfen.'
Um aber nun zu Ihrer Persönlichkeit zu kommen, so möchte ich doch dem Bedenken Raum geben, daß Sie sich wohl nicht hinreichend geprüft haben. Sie haben vergessen, daß Sie ein Jahr lang ein Leben wie ein Maulwurf führten und nun plötzlich wieder unter gesittete Menschen kamen. Ist es da nicht geradezu selbstverständlich, daß die erste Dame, die Ihnen begegnet, sie mag nun schön oder häßlich, geistreich oder schwachsinnig sein, aus Sie einen unauslöschlichen Eindruck macht? Sie sind des Weibes entwöhnt, verehrter Mister Longford, und verlieben sich daher wie ein Schuljunge ins erste weibliche Geschöpf, das Ihnen in den Weg läuft. —
Verzeihen Sie die harten Worte. Aber ich pflege aufrichtig meine Meinung zu sagen. Ich kann mich der Ueber- zeugung nicht erwehren, daß Sie sich und — mich nicht genügend geprüft haben. Gehen Sie selber einmal ehrlich mit sich ins Gericht! Glauben Sie nicht, daß Sie genau dasselbe für eine unbekannte Miß Miller empfunden hätten, wenn Ihnen diese statt der Lady Southriffe als erste Dame auf Mtenglands Boden entgegengetreten wäre?
Ich habe Ihre Zuneigung zu mir gewiß nicht ungern vermerkt, war aber der Ansicht, daß auch Sie sich darüber im klaren seien, ein aus zufälliger Begegnung entstehender Flirt könne und dürfe nicht ernst genvinmen werden."
Die Züge des jungen Offiziers hatten sich während des Lesens merklich aufgehellt: beim folgenden begann sich aber seine Miene zu umdüstern.
, Und nun zum Schluß etwas jehr Ernstes.-
Sie sprechen davon, daß Sie gestern im Groll von mir gegangen, sprechen von einem vorübergehenden Mißklang und einer unbedachten, ha rmlosen Aeußerung. Ich will Ihnen zugeben, daß Ihr Brief geschickt abgefaßt ist, wenn er den Zweck verfolgt haben sollte, den Eindruck der deutschen Worte von gestern zu verwischen. Aber es gelingt Ihnen nicht! Je länger, ich über Sie nachdenke, desto mehr festigt sich in mir die Gewißheit, daß Sie ein deutscher Spion sind. Und wenn Sie wirklich so große Zuneigung zu mir empfin-


