Ausgabe 
20.4.1918
 
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Verkehrt beim dieser Herr Burnham in den Kreisen der Loseren Gesellschaft?"

Manche Kreise dulden ihn aus Angst .Denn Advokat und Zugleich Sachverwalter derLabvur Post^', das heißt d-och Satan und Beelzebub in einer Person sein!- Leute, die keine Angst vor ihn: zu haben brauchen, meiden unN verachten den Lumpen, dessen Gewerbe darin besteht, KU lügen und zu verleumden."

Der Hauptmann nickte befriedigt. Aber er sah, daß das Gespräch ins Uferlose geriet. Gr mußte einzudämmen suchen.

Nehmen Sie es mir nicht übel; aber diese zahlreichen persönlicher Einzelheiten kann ich mir doch kaum merken. Ich glaube Ihnen, Mister Atterley! So wie Sie spricht, kein Lügner! Sie mögen manches von ihrem Standpunkt aus besonders scharf ausdrücken, aber ich bin überzeugt, daß Sie die Wahrheit sagen, (und es war mir ganz allgemein, wie ich Ihnen offen verraten will, von bleibenden: Werte, einmal einen kleinen Blick hinter die Kulissei: der berühmten siebenten Großmacht zu tun. Wie viele andere Dinge bat eben auch die Presse rhre Schattenseiten . . . Und was die Advokaten anlangt, von denen habe ich nie sonderlich

ltterley ließ sich durch die ruhigen Worte ablenken. Da haben Sie übrigens das Geheimnis', weshalb die französisch« Republik auf keinen grünen Zweig kommt!

führen!"

Longford forschte weiter.

Und was sind eigentlich Ihre Pläne für die Zukunft, Wenn ich fragen darf?"

Der Dichter setzte wieder seine Schauspielermiene auf.

Ich sagte Ihnen doch: ich bin es satt, meinen Leichnam Weiter spazieren zu führen. Ich bringe ihn in die Begräonis- anstalt. Ich will mich beerdigen lassen. Man hat das in London von 1915 sehr beauem: man braucht sich bloß von Lord Derby arüverben zu lassen!"

.Der Offizier fuhr aus seiner nachlässigen Haltung hoch.

Sie wollen-aber ich bitte Sie, übereilen Sie doch

einen solchen Schritt nicht! Sie sind doch verheiratet, haben Familie!"

Da erzLÄte Atterley seine ganze Leidensgeschichte. Er Verschwieg nichts und beschönigte nichts. Ergriffen lauschte der H a uptmann.

Nun, sagen Sie selbst," schloß Atterley,ist da mein Entschluß nicht das allerbeste? Bin ich. nicht allen zur Last, allen Feind? Wird irgend jemand mich vermissen?"

Longford stützte den Kopf in die Hand und sann nach. Bergessen hatte er für eine kurze Spanne die eigenen Sor­gen, vergessen den Zweck, der ihn herangefübrt: Hier war ein Mensch am Mg rund der Verzweiflung, dem mußte er helfen.

Wissen Sie, Herr Atterley, was Ihnen fehlt? Ein ge­sichertes Auskommen, in dem Sie nichts mit Zeitungsver­legern und Journalisten zu tun hätten."

Der jimge Dichter stöhnte auf.

Gewiß, das brauche ich! Aber gefurrden ist's leider nicht von heute auf morgen! Zumal jetzt im Kriege!"

Ich habe da einen glänzenden Gedanken," kam es von den Lippen des Hauptmanns.Sie beherrschen doch, wie ich aus unsererTelegraaf"-Geschichte während der Fahrt von Harwich weiß, die holländische Sprache."

Ich kann Holländisch leidlich, lesen, sprechen weniger."

Das dürfte genügen. Die Stelle, an die ich eben denke, ist die Drahtnachrichten- und Briefzensur von Holland. So­viel ich weiß, wird da ein Beamter jetzt benötigt, wohl als Hilfszensor."

Atterley horchte gespannt aus. Das Leben lockte wieder.

Und . . . würde ich da wenigstens zwölf Pfund im Monat bekommen?"

Wahrscheinlich sogar ein paar Pfund mehr, bei sechs­stündiger Arbeitszeit!"

Atterley jubelte.

Das . . . das wäre ja großartig! Nicht mehr Journa­list zu sein, der anständige Kerl unter den Spitzbuben! Und dabei die herrliche Arbeitszeit und die bessere Bezahlung! Das wäre der Anfang zu neuem Ausstieg!!"

Frohlocken Sie nicht zu früh!" unterbrach Longford. Senden Sie jeden falls den Brief an Lord Southrifse nicht

ab! Stellen Sie ihn lieber vor die vollendete Tatsache, wenn Sie angestellt sind! Wozu den alten Herrn kränken?"

Ach, ich wäre ja froh, so seelenfroh. Sie ahnen nicht, wie ekelhaft und widerwärtig einem das Leben durch solches Gesindel werden kann. Aber das . . . das gäbe neue Hoff­nung. Man könnte endlich einmal wieder aufatmen. . < Sagen Sie, werden Sie mir mit einer Empfehlung dienen können?"

Ich fürchte, daß dies nicht genügend Durchschlagskraft

besitzen wird. Ich werde Ihnen lieber"-er zog eine

Besuchskarte aus seiner Brieftasche und warf einige Zeilen

darauf-eine Empfehlung an meinen Vorgesetzten,

Eolonel Visoonnt Brauch, geben. Gr chird Ihnen gewiß gerne Nlit einer weiteren Empfehlung an die Zensurbehörde dienen, und dann dürfte Ihnen die Anstellung allerdings so ziemlich sicher sein."

(Fortsetzung folgt.)

Hessen am Lheppqwald.

Aus dem Felde wird uns geschrieben:

Cheppvwald! Das ist auch so ein altbekannter, verwünschter Fleck zerisse'nen. blutigen Erdreichs am heißumstrittenen Eckpfeiler der Westfront. Wie Höhe 344 oder Chaumewald oder Vanxkreuz ist uns sein häßlicher Name in Fleisch und Blut übergegangen. Das Äugen überliest's schnell; man denkt nicht darüber nach, will nicht Nachdenken, es hängt einern zum Halse heraus.

Wie aber wär's, wenn unsere Getreuen, die Jahr und Tag dort im Grabenschlamm stecken, auch so darüber dächten? Wenn sie auch mit diesem Ueberdrnß und dieser Teilnahmslosigkeit ge-, sätttgl wären? Ihre Taten, nur lleine Bausteine im mächtigen Gefüge des Weltgeschehens, ihre Taten le'hren uns gottlob Sofi Gegenteil. Und so gering sie oft erscheinen im Rahmen des Ganzen/ in ihnen leben so viele edle Eigenschaften und für die Menschen- feele gewaltige Ereignisse, daß es Sünde ist, sie achtlos in die Vergangenheit hinüberMmnmen zu lasten. Auch das Unternehmen eines hessischen Regiments, das vor einiger Zeit am Cheppywald sich abgespielt hat, war solch eine glänzende Perle im endlosen? Kettengefüge deutscher Heldenstücke.

Ein kühler, klarer Morgen: eine dünne Eisdecke spannte sich trocknend über den darunterliegenden morastigen Boden. Stille herrschte über dem Schlachtfeld, fast so, als ob beide Parteien den Wem anhielten, die einen in fiebernder Spannung, die drüben m sicherer Erwartung eines Angriffs. Und es war so. Wie die Minen-, ungeheuer und die Zentnerz>uckerhüte der schwersten deutschen Ge­schütze in den französischen Stellungen drüben zu Hausen beginnen, Und ihrer Wirkung vertrauend die tapferen Hessen imgesehen an die feindlichen Gräben heranMkommen hoffen, da zischt auch schon! aus der rechten Flanke der verderbenbringende Eisenhagel eines gegnerischen Maschinengewehrs. Ein Ausweichen gibt's nicht mehr. Und das WortZurück" ist dem deutschen Soldaten verhaßter «äs der Dod. Deshalb weiter und durch. SBetm hier und dort ein! lieber Kamerad stürzt, so hält das den andern nicht aus.Kann dir die Hand nicht geben, bleib dn in ewigem &&en." und in| verdoppeltem Zorn reißt, tritt, schlägt und wirft er sich durch das unheimliche Heulen und Seufzen der entfesselten Schlacht unH das entwurzelte, enthauptete blutgrinsende, verwunschene Zivis^n-, selb. Ta ist keine Zeit, an Gingst oder ans Sterben zu denken, vba ein Gedanke beherrscht diese gräßlichen Minuten "des Grauens: bei* ganzen Menschen zusammenraffen, sich nicht unterkriegen lassem, nur leben jetzt; leben und seine Soldatenpflicht tun. Und eh« dieser Gedankengang noch zu Ende überlegt ist, sind die aualani reichen, stundengleichenden Sekunden vorüber, die stolzen Stürme« fluten wie eine unverletzbare Stahlwellie über und durch das vordere, znfamwengestampfte Stcllungssystem des Feindes, einen Ranchwall krachender Handgranaten vor sich chersendend. Zum! Ausschnaufen fft keine Gelegenheit, wenn man sie dem Gegner nicht auch gönnen will.

Hier stellen sich nur wenige Posten, sofern sie nicht die Flucht vorziehen; sie werden überranut. Plötzlich stutzen unsere Stoßtrupps! vor einen: steil abfallenden, etwa 15 Meter hohen Hang, an dessen! Fuß ein Waldwasser hinrauscht. Hurra! die Bachunterstände! das Ziel! Und ohne Besinnen wälzen fickt die Menschenwogen den rutschigen Berg hinunter, und jetzt beginnt ein heißes Ringen.

Was jeder einzelne dabei schafft, erlebt und leidet, es ist nicht zu schildern; ec weiß es ja hernach nreistens selbst nicht mehr. ZW die Schrecken eines jahrelang dauerirdeir Grabenkrieges ziehen in einer Viertelstunde vorüber in tausenderlei Formen. Es ist ein stummes Ringen, ein brüllendes Aufeinanderstürzen, ein ächzendes Berzweiflungsstemmen, ein schmerzendes, tosendes, verwirrendes Knallen, Kläppern, Brandei: und Erdbeben. Maschinengewehre mit

mengestürzt, und unter den schwierigsten und abentenerliiMen! Erlebniffen werden Gefangene gemacht. Dien: Unteroffizier Hübner! gelingt es, durch Tatkraft, Umsicht und blinden Wagemut ganzj allein 9 Mann aus ihrem Versteck zu ziehen. Was sich immer ab», spielt, es find tonnderbare Einzeltaten von Helden.

Da hält die französische Artillerie mft ihremDicken" ft