Flieger über London.
Wrr« Londoner Erzählung cms den Spätherbsttagen 1915.
Don Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
Der Hauptmann hörte mit gesteigerter Aufmerksamkeit zu. Er glaubte ja nicht alles, was Ätterley in Haß, Wut -und beißendem Spott vvrbrachte, aufs Wort. Manches schien Übertrieben: aber gelogen war das sicher nicht. Es lockte ihn, Näheres über die englische Presse zu erfahren.
,Zch hielt aber gerade die englische Presse für die anständigste."
Ätterley stieß ein heiseres Höhnen aus.
„Ich kenne die Presse fremder Länder wenig, glaube aber nicht, daß anderswo so grausige Zustände möglich sind, wie bei uns. . . . Ja, nach außen hin wird der Schild immer hübsch blank geputzt. Aber die Rückseite ist vom Rost zersetzt und zerfressen . . . Was sind es denn auch für Leute, die zum journalistischen Berufe übergehen? Meist um die Ecke gegangene Schriftsteller oder Leute mit zweifelhafter Vergangenheit, die nirgendwo anders gut taten. Ich bm ja mit den meisten von diesen Herren bekannt geworden; ich bin Überzeugt, es ist in ganz Großbritannien kein Dutzend ehrlicher Kerle darunter. Zeitungsmensch sein, heißt bei mir so viel wie irgendwo einen dunklen Punkt haben. Ich fühle Mich innerlich gedemütigt, wenn jemand mich für einen Mann von der Presse hält . . . Dabei sollte Journalist ein Ehrenname sein . . . Ein Schandmal ist es aber heute. Mir tut niemand einen Gefallen, wenn er mich Journalist nennt. Ich verzichte darauf, mit Spitzbuben und Lumpengesindel in Reih' und Glied zu stehen."
Longford fiel ihm ins Wort.
„Nana, wozu so scharfe Ausdrücke? Sie Übertreiben, Herr Ätterley. . ."
„Uebertreiben? Möglich. . . Wer, glauben Sie, daß der verantwortliche Leiter der „Preß Edition" ist, die ihre Ungriffe gegen mich gerichtet hat? — Sie werden vermuten, daß an so verantwortlicher Stelle — es ist doch sozusagen das Sprachrohr der britischen Zeitungsverleger — ein Herr sitzt, der Universitätsbildung besitzt oder wenigstens eine höhere Schule besucht hat. Der Herr, eben jener Whol- merton, hat nie eine Universität, nie ein Kollege oder ein Lyzeum besucht, sondern, wie er sich selber rühmt, nur eine Elementarschulbildung genossen, wie sie jeder Arbeiter nicht besser und nicht schlechter hat. Und wissen Sie, wer der ständige Rechtsberater der Zeitschrift und der ganzen Vereinigung ist? Ein Herr, der wegen Eigentumsvergehens vorbestraft ist. Jawohl, ein entlassener Sträfling! Mündelgelder hat er als Treuhänder unterschlagender ausgez,eichnete.Herr Enner, der dann . . . nun, es genügt wohl? Diese Herren, rin bildungsloser Ignorant uno ein entlassener Sträfling, Heben in unserer Presse den Ton an. Nun werden Sie ver
mutlich genügende Hochachtung vor den anderen Gtemerrten der britischen Presse haben. — Glauben Sie, daß daL i» Frankreich oder Deutschland möglich wäre?"
„Nun verstehe ich doch wenigstens teilweise Ihren Brief an Lord Southriffe. Was hat aber gerade er mit Ihrer Angelegenheit zu tun?"
„Nicht eben viel und doch genügend!" versetzte Ätterley bissig. „Ihm habe ich all die Jahre mein Leid geklagt. Er hat mir dann die Stelle an seinem Verlag verschafft gegen den Hungerlohn von zwölf Pfund im Monat. Er hat mir schließlich geraten, den öildungslosen Ignoranten zu verklagen und mit ihm zugleich eine Leitung, die pm Teil die Angriffe gegen mich durch Veröffentlichung ihrer Unverschämtheiten hervorgerufen hat. . . Sie erinnern sich, daß kürzlich noch Lady Edith von den Verleumdungen sprcnh, die gewissenlose Ehrabschneider über mich verbreitet hätten? . . . Und als es heute zum Klappen kommt, sagt der Schuft gegen mich aus!"
Ec schlug mit der geballten Faust auf den Tisch, daß Gläser und Flaschen zitterten.
Longford war die Szene peinlich.
„Aber beruhigen Sie sich doch! Wir erregen ja unliebsames Aufsehen. . . Haben Sie übrigens keinen Schristi- ftellerverband, der Ihnen helfen könnte?"
„Gegen die Schurkerei, meinen Sie? Gott behüte! Lord Southriffe ist ja Ehrenmitglied unseres Vereins mit eine« Jahresbeitrag von 50 P furch! Wir werden doch ein so schätzbares Ehrenmitglied nicht bekämpfen?"
„Ich dachte ja auch nicht gegen Lord Southriffe, sondern nur so im allgemeinen!"
Aber Ätterley schüttelte traurig das Haupt.
„Hier kann nur' noch eins helfen, und das bin ich wirb lens zu tun!"
Der Offizier beachtete dies nicht; er fragte weiter:
„Sollte Ihnen die sozialistische Presse nicht helfend'
Ätterley lachte bitter auf.
„Die Sozialisten??!! Ich bitte Sie, Herr Hauptmannl Das ist doch die Partei, die den Grundsatz verficht, daß die andern zahlen sollen! Die werden doch nicht in den eigenen Beutel greifen! — Sehen Sie, meine Klage heute früh, die richtete sich nicht allein gegen den bildungslosen Ignoranten, sondern gerade auch gegen die „Labour Post", unser größtes Arbeiterblatt . . . Ja, die Sozialisten sind in ihrer Skrupellosigkeit am weitesten gegangen ,und trotzdem fand ihr Anwalt heute den Mut, mich einen Schädling nennen und es als ein Verdienst der „Labour Post" zu lobpreisen, daß sie den Finger auf die Wunde gelegt . .. Sie sind doch Flieger, wie ich erfahren habe? Es ist möglich, daß Ihnen in einer Gesellschaft der Bursche begegnet, der die Stirn zu dieser Dreistigkeit hatte. Er verkehrt viel draußen auf dem Flugplatz in Woolwich. Sollte Ihnen ein Advokat vorgestellt werden, — merken Sie sich den Namen: Burnham heißt
der Lump!!" In
Longsvrds Gedanken fuhr rin Blitzstrahl.


