Ausgabe 
10.4.1918
 
Einzelbild herunterladen

Ich ließ die Zügel häng«: und das Pferd in Schritt gehen und verlor mich an die Stimmung dieser Sommernacht. Mit einem Male wurde ich gewahr, daß ich den Weg verloren hatte. Ich hielt Mein Pferd an und spähte und füllte in die SchatteMvelt hinein, die vor mir hingebreitet lag, ctber ich fand mich nicht zurecht. Das verworrene .Geräusch der Front mar stärker geworden, ich hörte manchmal den reißenden Einschlag einzelner Granaten und das dumpfe Krachen schwerer Minen. Ich erkarmte, daß ich auf einer Landstraße war. Pappeln schnitten riesenhaft ins Dunkle, zer­schossene Häuser standen am Wege. Urs verwüsteten Gärten, die blag im Mondlicht lagen, strömte, vermischt mit Geruch von Schutt und Brand, ein schwüler-.Dust von Jasmin. Ich ritt weiter, die, Häuser mehrten sich, wurden pur Straße, und mit einem Male war ich aus dem blaß erhellten, totenstillen Markt einer kleinen Stadt. Jedoch die Häuser, die den Markt umgaben, waren verwüstet; ans schwarzen Fensterhöhlen >vehte es eiskalt her. Nur ein kleines, zierliches Rathaus mit spitzem Turnt und schön geformter Arkaden- halle, alles undeutlich erkennbar im Dunkel der Nacht, und ein! ragenk»es Standbild, das sich reglos aus der Oede des Marktes emporhob, schienen unversehrt. Da wußte ich, daß ich in Bapaume war. ^

Ich ritt eine Straße hinab, die wieder ins Freie zu führen schien. Die Straße iuar trostlos Zerschossen. Zerschlagene Dächer, zerrissene Wände, Dachsparren, die wie schwarze Gespensterarme frierend in die Luft ragten, zerbrochene Straßenlaternen, Schuß­trichter im Straßenpflaster. Manchmal sah Mcm ein Haus, das wie unter dem Faustschlag eines Riesen znsanEngebrochen schien. Das nuseinaudergesprengte Tachwerk und die zerfetzten Fuß­böden hingen 2 Stockwerk tief in das verwüstete und verödete Innere. . . <

Ta sah ich hart am Ausgang der Straße Lichtritzen in einem kleinen, noch u'.'zerstörten Hanse. Das Licht kam aus einem sorgsam abgeblendeten Fenster im ersten Stockwerk, ganz! dünn, ganz schwach.. Da ist ein Mensch wach," dachte ich,ein deutscher Offizier oder ein zurückgebliebener Einwohner vielleicht!, der dir der: recht«« Weg zeigen kann."

Ich stieg ab, band das Pferd an einen Latcvncnpsahl und ging ins Haus. Mit meiner Taschenlaterne leuchtete ich best schmalen Flur ab. dann erstieg ich eine steile, knarrende Treppe und kan: M einer Tür, unter der ein blasser Lichtschimmer war. Achs der Tür klebte eine Karte und darauf stand der Name: JEan-Baptistr Blöranrourt.

Ich klopfte. Ein Stuhl wurde drinnen gerückt, Rascheln von Papier ivurde hörbar, Schritte schlurften über den Boden, die Tür wurde vorsichtig ausgemacht, und ich sah eine:: alten Mann, der eine brennende Kerze emporhob und mit ruhiger, dmrkeltöuigöü Stimme fragte:Wer ist da. . . was wünschen Sie?" Ich wollte antworten, da kam ein WirHstrom aus der offener: Haustür und löschte das Licht. Wir standen in der Finsternis.

Warten Sie, ich will Licht mache::," sagte der Alte und ging mit schleppereden Schritten ins Zimmler zurück. Ich folgte ihm in die Dunkelheit, hörte, ivie er Uvi scheu raschelnden Papieren herum- suchte, bis er Streichhölzer fand. Bald brannte die Kerze iviedetz und das gelbe Licht schwankte durchs Zimmer. Die Stube nmr dürftig ausgestattet. Ein Bett mit braunen Decken, ein Schrank ohne Tür, der mit Büchern vollgepsvopft war, ein alter Sessel mit ljoher, goldgerahmter Lehne und uralter, abgenutzter und zer­rissener Brokatbekleidung, und ein breiter Tisch, auf dem befchriebä- nes Papier, leere Blätter und Bücher im nriiiften Durcheinander­lagen, das war alles. Der einzige Schmuck dos Zimmers war eins verstaubte Gipsbüste aus de::: Schrank, die ein«: Kranz- von ^ver­welktem Lorbeer trug. Der Alte stand auftecht neben dem Tisch und fragte ruhig, mit einer schönen Stimmt, die nichts Greisen­haftes an sich hatte, nach meinen Wünschen.

Während ich sprach und mich nach der Richtung meines Weges erkundigte, sah ich ihn mit Staunen an. Die Haltung des Mannes war edel und ganz auf Ruhe und Gelassenheit geTtimr.it. Er hatte ein bartloses, gut gezeichnetes Greisengesicht mit ausdrucksvollen Falten um den Mund und auf der Stirn. Nur die Augen, die unter buschigen, weißen Brauen lagen, waren matt und müd. Das silberweiße Haar, das im Geleuchte der Kerze wie Mordlicht schimmerte, hing ihm fast bis auf die Schultern. Er trug ein«« eigentümlichen, langen, schwarzen Mantel, eine Art Schlafrock,^ der etwas Dalarartiges hatte, etwa den mittetalterlichm deutschen Gekchrtenmänteb: gleich. Lbus den :veiten Aermeln kamen schlank« blasse Hände, von denen die eine znsammengebnllt aus dem> Tisch ruhte.Das Torf, das Sie suchen," entgegnete er auf meine Frage, liegt an dieser Straße. Sie 'besuchen nur geradeaus zu gehen, es ist das erste Dorf, das Sie erreichen." Ich hörte diese Worte kaum, so sehr fesselte mich 'der Anblick des alt«: Mannes, der mmittest der Verwüfturrg«: dieser Stadt lebte. Jeden Tag und jede Stunde K-nnte sein kleines Haus von den weittragenden Geschützen der Franzosen zermalmt werden. Eine innere Bewegung, die rvie ein Zwang war, trieb mich, ihr: auszufragm. Er sah mich groß an und es schien tm ^venig Licht in sein- alten Augen zu kommen.Warum sollte ich dieses Haus verlassen," sagte er mit einem Merkwürdigen: Lächeln, das die Falten um seine:: Mund glättete.Dieses Haus rvird nicht getrost«: und stürzt nicht zusammen ohne den Willen Gottes!"

Ich wußte nicht recht, lvas ich entgegnen sollte. Gegen den

frommen Glauben eines ^Kindes gibt es keinen Einwaud. Schließlich fragte ich:Müssen Sie denn hstrbleibm ... in der Gefahr?" Der Mte blickte mich forsck^nd an, dann nickte er und sagte in aller. Ruhe:Ja. . . ,ich muß hierbleiben, weil ich nirgends anders arbeiten kann als in diesem Hause, in dem ich über 50 Jahre lang lebe!"

Und was arbeiten Sie, tvenn ich darnach fragen darf?" Mit einem leuchtenden Lächeln wies er aus den Tisch:Schm Sie doch hin! Ich schreibe. . . schreibe. .4"

Ich betrachtete die Blätter, die ans dem Tisch lagen. Sie war«: alle bedeckt.mit einer seinen, krausen Handschrift, lauter rhythmische kurze Zeilen.Verse?" fragte ich erstaunt.Sie sind 'Dichter?" Da schien feine Gestalt ins Majestätische W wachsen, seine Lippen Kuckten. Er hob mit einer unnachahmlichen Bewegung des Stolzes die Hand, und sagte jede Silbe betonend:Ich bin Jeau-Baptiste Blerancourt'!"

Ich sah ihn betroffen an. Ein unbehagliches GesüM überkam mich. Diese Alugen waren die Augen eines Irren. Ich nahm ein Blatt vom Tisch und versuchte zu lesen. Was ich in der Hand hielt, war ein Stück eines langen Gedichtes in Me^andr-mern, im klassi­schen Versmaß der großen Dichter französischer Vergangenheit, eine schwülstige und unechte Andichtung der erhabenen Mütter Natur, der süßen Freuden des Frühlings und der glühenden Leidenschaft«: des Sommers und dazu melancholische Godau bei: über die Vergänglichkeit und wortreiche Phantasien und Phrasen über die jVerklärung im Ewigen. . . Morte und Klänge, die weitab lagen von dem donnernden und schrecklichen Wüten der er­barmungslosen Zeit, die mich um! Mitternacht in die Stn.be emes alten, zerstörten Dichters geführt halt«:.

Es war eine Weile statt im Zimmer. Jpgendlvo z-ernagte eine tickende Uhr die Zeit An Staub. Die Kerzenflamme knisterte leise am Docht. Bon draußen kam dmnlpf und drohend das wühlenda Geräusch der Ferne, in der sich Menschen auf Tod und Leben be­kämpfen. Mein Pferd scharrte mit seinen Huf«: da§ Pflaster der Straße. Ich wollte mich zum Gehen wenden, doch fast ohne das ich es wollte, kam die Frage über meine Lippen:Wie ist es nur möglich, daß Sie solche Verse machen können, ivo der Krieg ihr Haus umbrandet, wo Ihr Volk ft: furchtbarsten Kärnpsen steht?"

Ter alte Poet lächelte verloren. Seft: Blick war schon wieder ohne Glanz, und ging träumm.ch ft: den leeren Raum.Was ist/' sagte er mit seiner drmkl«:. fest prststerlichm Stimme,was ist nach Kehirtausend Jiahren dieser Krieg? Was ist ewiger, die Kriege des werxes . . . oder die Werke Homers?" Und nwrne Gegenwart völlig vergessend, griff er nach einem Blatt und fing an, seine Verse zu lesen, ganz leise, ganz verloren im Rhythmus des alexandrirrischm Versmaßes skandiererrd. Seine alten Lippen regten sich. kaum.

Ta gftrg ich. Die Tür fiel ins Schloß, die Treppe knarrte, draußen stand mein Pferd am Laternmpfayl, ein Granattrichtev log im Straßenpflaster wie ein MMÄkrater, aus zerschossenen! Häusern bebte der Atem des Grauens, durch die Lüfte zogen schwere Gerüche von Brand wird Blumen, ich hörte die harten Abschüsse der deutsch«: Kanon«: und sah die farbig«: Lichter der Front, die wie bleiche Geisterhände über den.fahlen Himmel griffen.

Ich ritt an höh«: Pappeln vorbei meinem Ziel entgeg«:. Tie rechte Hand griff in hen Zügel, in der Stufen hielt ich noch immer das Blatt, auf dem der alte Poet, der weder Mitmensch war noch Fvarrzose, der für die Zeit nach zehntausend Jahren lebte und dessen Seele die Gewitterschauer einer von schrecklichen Wehm heimgesuchten Erde nicht erschüttert hatten, feilte Hymnen an den Frühling und an dm Sommer niederschrieb. J£a begriff ich, düs; der Alte die zerschossene und gestorbene Stadt nicht verlass«: konnte. Ter Tote gehörte in die tote, von: LeichAWruch verbrannter Häuser und verwelkender Blumen durchwehte Stadt.

> -f:

Tie Welle der Frarrzosen brauste über Bapaume. Nur: sind die Unseren wieder über die arme Stadt hingebrandet. Wio blieb Jean-Baptisie BlLranconrt?

Bon L c n a Ehr i st.

Bayrische Jäger hatten ihn bei Luck gefangen, mid er wurde dem Krottcrbanern von Reikersing statt eines Knechts überlassen.

Er hieß eigentlich Iwan Tschessnvkk und besaß irgendwo lveit hinten in seinem Vaterland ein kleines Bauerngut, das aber seit dem Dag, an welchen: Iwan von seinem Väterchen Zar in den Krieg geholt wurde, einsam mrd verivahrlost stand.

Iwan war ein stiller 'Mensch und kein schlechter Arbeiter; der Wachtposten hatte wenig an ihm zu- tadeln, und die Krotten­bäuerin amh nicht; höchstens, daß er manchesrnal fürchterlich fluchte: aus d«r Krieg ans Väterchen Zar, aus sich selber und aus die ganze Welt.

Ta Konnte sich die Alte :vohl bekreuz«: und ^ sag«::Aber Iwan! Fluacha bös! Kimmst in d' Höll zum Tatst!"

Tvck) der Rußki lachte und meinte:O nwi Matt! Ncx bös! Nix Höll! Jlvann gutt!"

Ja, er war sonst wirklich ein guter Kerl, der lange, hagere Bursche mit seinem strippigm Sttohschüppel imd dm wasserblau«: Äugen; aber er hatte dock) einen groß«: Fehler; er war verliebt in die einzige Docht« der Krottenbäuerin, in die Barbara.