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Und sie schwang triumphierend die Flasche mit dem Ungarwein. , ^ ^ '
Sie sah nicht, wie schmerzlich, ww "qualvoll diese Worte her Liebe in diesem Augenblick für ihn waren. Und seine Kehle brachte keinen Laut hervor.
Erst sein Schweigen ließ sie stutzig werden.
„Nun," scherzte sie, „nicht einmal einen Kuß gibst du
mir?-Aber was ist dir? Um Gotteswillen, was ist
geschehen? Du . . . du blutest ja und hier --" sie waren
tu die Küche getreten-„dies blutige Tuch . . .? ? !"
Da errdlich hatte er rauh die Worte hervorgepreßt: _ „Nein! Ich. . . ich blute nicht. Tommy ist. . . ich habe . . . Tommy hat mein Drama verbrannt, und ich habe ihn geschlagen." . t w
Mit einem fast tierischen Aufschrei, in dem alle Ahnutr- gerr des Schreckens widerzitterten, war sie ins Zimmer ge- ftürgt, wo der Kleine noch immer schwer atmetrd lag. Er wollte ihr behilflich sein und den Knaben zu Bett bringen. Aber schützend hatte sie den Leib vor den Kleinen geschoben. Zornblitzend drohten ihre Augen.
„Rühr ihn nicht an, du! Du, Teufel, du!" . . .
Der Knabe war dank ihrer pflegenden Aufopferung genesen, aber von Stunde au schwachsinnig geblieben, ßx hatte die Sprache verloren, lallte meist unverständliches Zeug Und lachte ein blödes Narreulacheu. Nur, wenn er seinen Vater sah, wachte die Erinnerung in ihm auf, und er begann zu wimmern, ja zu zetern, wenn man ihn nicht schleunigst ans dessen Nähe brachte. — —
Und dabei liebte James Atterley den kleinen Tommy. Es hatte keinen glücklicheren Vater gegeben als ihn. In einem wahren Freudentaumel hatte er gelebt, als^ der Kleine zur Welt gekommen war, Und wie dann der Verstand allgemach erwachte. . . Als der zahnlose Säuglingsmund sich zum ersten Male zum Lachen verzog . . . All die halb- vergessenen trauten Bilder tauchten auf. Wie manch kostbare Stunde der Arbeit hatte er für ein Lächeln seines Kindes geopfert! Auf allen Vieren war er durchs Zimmer mit dem Kleinen gekrochen und hatte Pferdchen und Reiter mit ihm gespielt. Wie der Kleine gejauchzt, wenn er aus dem breite!: Rücken seines Vaters Hopphopp durch die Stube ritt!
Und nun . . . ?
Nein, er hatte sein Kind nicht gemordet, nicht gemordet.
. . Es lebte, das Denkmal seiner Wut und Schande lebte! . . . Was er getan, war schlimmer als Mord gewesen. . . .
Mit Geierschnäbetn fraß die Reue an feinem Herzen . . .
Und damit war das Maß seiner Schuld nicht ansgeschöpft. Es stand noch mehr zivischeit ihnen.
War er nicht entflohen vor dem schwachsinnigen Kinde, entflohen vor der stummen Anklage der großen dunklen Frauenaugen? Hatte er nicht bei Lady Edith Trost gesucht?
Er begriff das alles heute nicht mehr. Wie ivar es möglich, daß dieses seelenlose Geschöpf, dieser Vampyrmund, der nur nach den Küssen des unglücklichen und verkannten .Dichters lechzte, ihm ein feineres Verstehen seiner leidenden Seele vorgaukeln konnte? War sie wirtlich ganz seelenlos? War nicht ein Glimmen des göttlichen Funkeris auch bei ihr Au verspüren? War das alles nur Sittnestäuschung, wenn sie ihm Troftesworte gespendet und Hilfe zugesagt? Hatte sie ihr nur umgarnen wollen, um die paar Küsse ekstatischer Leidenschaft zu erhaschen und ihn hernach zum willenlosen Werkzeug ihrer Laune zu erniedrigen? Und was fesselte ihn heute noch cm sie? Was drängte, trieb, stieß ihr: in ihre ß^ewalt? War's Liebe? War es der Haß des Betrogenen und Selbstbetrügers? — Sein Verstand versagte dem Rätsel gegenüber.
Er drehte die Gaslampe aus urtd begab sich ins Neben- Kimmer. Dort im Dunkeln ließ er sich in der Schreibtisch- scke -nieder und grübelte weiter.
Nicht frei kommen können aus den Banden des verführerischen Weibes! Nicht freikommen können! Immer und immer eine Widerholnng jener Stunde höchster Leidenschaft herbeisehnen, da seine Lippen auf ihren Lippen geruht! Wissend und sehend vorn Wege ab zunr Sumpfe schreiten! . . . Ja, sie war die echte Tochter des ZeitungsköNigs. Sie verbrauchte Menschen, gleich ihrem Vater: Wie andere Blumen von den Wiesen pflücken und sie spater achtlos auf best Kehricht werfen, so pflücken jene — — Menschen und Aehen sie auf dern Kehricht verdorren, verenden.
Urplötzlich sah er klar.
Dü"?r Lord Southrifse wünschte nicht, daß er hochkam, der wollte ihn klein und geduckt. Er hatte ihn znm Spielen
I verleitet, um ihn in seine Gewalt zu bekommen, er hatte ihn zu sich ins Haus geladen, um ihn dem eigenen Heim zu ettt- fremden, —er hatte ihm die Stelle in der Zeitung gegeben, um ihn zjum Sklaven herabzuschrauben.
Und er, — er hatte seiner Frau vorgeredet, er müsse diesen reichen Leuten gefällig sein, um wirtschaftlich vorteilhafter gestellt zu werden; wenn er öfter bei dem Zettnngs- Lönig als Gast erscheine, werde er Nutzen haben . . . Und dabei hatten jene ihn ausgenützt, sein Rückgrat in tausend Stücke gebrochen, seinen Knochen das Mark entzogen und ihm für zwölf Pfund im Monat seine Freiheit aogefellscht.
Das alles sah James Atterley mit einem Male erschreckend klar, und ein ekles Gefühl stieg ihm vom Schlunde in die Kehle herauf. Ein namenloser Haß gegen die ganze Menschheit zerwühlte sein Jntreres, er hätte sie alle ohrfeigen, ihnen die Schande ins Gesicht schleudern, sie ait* speien, martern mögen.
-Ihn fröstelte. Er lehnte sich an den Ofen, um
feilten erstarrten Adern etwas Wärme einzuslößen.
Doch der Ofen war kalt. Er schien seit Tagen, vielleicht feit Wochen nicht geheizt zu sein. Freilich, — die Kohlen! waren teuer.. Man mußte froh sein jetzt im Kriege, wenn man ein Zimmer beheizen konnte.
Und dann auch wozu dies Zimmer Heizen? Seit jenem Abend, da er sein'Kind zum geisttgen Krüppel geschlagen, hatte er keine zehn Stunden mehr in seinem Arbeitszimmer gesessen. Er fand nicht den Mut, er fand die Sammlung nicht zu einer größeren Arbeit. Immer und immer sah er sich selbst, den vor WUt geifernden Mann, der das arme, unschuldige Wesen, das sich nicht wehren konnte, mit dem Kopf gegen die harten Ofenkacheln stieß.
Mit ehernen Geierschnäbeln fraß die Rette an seinem H erzen. . . .
Er trat znm Schreibtisch zurück und steckte die Petroleumlampe an. Das gab doch wenigstens etwas Würmo. Richtig, da lag ja noch der Brief.
„Dringend! Eilt sehr!" war auf den Umschlag gestempelt.
Cr riß ihn neugierig aus und nahm verwundert ein gedrucktes Schreiben heraus, einen Werbebrief von Lord Derby, der noch immer sein Heer bott drei Millionen' „Freiwilligen" nicht zusammengetrommelt hatte.
Hysterisch lachte er auf und warf das Schreiben zerknüllt in den Papierkorb. — Dann nahm er vom Kleiderständer im Borraum seinen Wintermantel, warf ihn sich als wärmende Decke über die Knie, breitete einen Qnart- bogen über die Schreibunterlage und begann gu schreiben. Einen Brief an Lord Southrifse.
Er dachte dabei nicht im entfernteste'.r daran, diesen Brief abznsenden. Aber er hatte die Gewohnheit,- wetrig- ftens in etttem nicht abgesandtett Brief jedem, der ihn gekränkt hatte, die ungeschminkte Wahrheit zu sagett. Er vernteinte, das seiner Gesmrdheit schuldig zu sein, irtdem er deir infolge der Kränkung erhöhten Blntandratig tiach dem Gehirtt lvieder in friedlichere Bahnen ablenkte. Er hatte schon Dutzende solcher Briefe geschrieben, ohne daß die dariit angeredeten Perfouett davon auch nur eine Äh- nung erhalten hätten. . . .
(Fortsetzung folgt.)
ErimrenmM an vapaume.
Bon Kurt Küchler.
Es ivar int August der Somuieschlacht 1916. Bapaume, das unsere mrgestünt drängenden Truppen int ersten Schrvung dÄ neuen Vormarsches wieder znrückgewonnen 'haben, war noch fest in unserer Hand. Ein paar Kilometer weiter südlich wühlte seit Wochen die Schlacht. Tag und Nacht fielen Granaten in die zerschossenen Straßen der Stadt. Damals erlebte ich in Bapaume eckte Nacht, die unvergeßlich in meiner Erinnerung steht; die tote Traum war und un'.mrlliches Geschehen.
Ich ritt um Mitterrracht von erneut Bahnhof aus über Straßen und Wege der picardischen Ebene utrd suchte eckt Dorf, in dent rnan mir Qnartter angewiesen harte. Es war eine blaß erhellte, watsne Nacht. Me Mondsichel hing jveiß inr fahlblauen Hcknmvl, trnd die Sterire blitzten matt nnd ohne Kraft. Wie schwere Maltern standen die Hecken att den schwach leuchtenden Saudwegen. In der Ferns ltnrterm HoriZiottt war eckr schwaches;, lveißes Blitzen, das fahrig und geisterhaft, tvie ein rasches Wetterleuchten, über den Himmel tvischtt. Atts diesein seltsamen Huschelt des Lichtes kam' Mverlen ein dunkles mid dmnpfes Pollerrr mrd Rollen. . . Leuchtraketen und Schein- Werfer der Fvmck und das' ferne Donnern der deutschen und de? französischen Kano'.Mp,


