Ausgabe 
10.4.1918
 
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Btn6 Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 1915. Bon Justus Schventhal.

. ' (Fortsetzung.)

Lexy, Lexy!" stieß er hervor.Wir iverden den Prozeß Verlieren/'

Sie versenkte sich in ihre Arbeit, als kümmere sie das nicht.

Dieser Schuft, dieser SoUthriffe hat... hat gegen Mich ausgesagt heute."

Die Nadel hüpfte ernfig auf und nieder.

Er schob widerwillig den Teller mit dem Weizenbrot zurück.

Uicd dar rührt dich nicht?"

Die dunklen Augen ruhten für eine Sekunde aus ihm. Sie zuckte mit den Achseln.

Seine Stirnaber schwoll an. Er schleuderte wild den Stuhl hinter sich.

Du sagst kein Wort?" ' 1

Starr blickte sie ihn an. Aus ihren Lippen wich die letzte Röte.

Mas soll ich denn sagen'?" höhnte er.Was soll ich denn sagen? Ja, ist denn die ganze Welt gegen mich ver­bündet? Feinde draußen! Feinde im Heim!"

Er röchelte.

Dann ging er auf sie zu und faßte sie an ihrer schlaff mederhängenden linken Hand.

Lexy," bat er,Lexy, kannst du mir denn nie ver­zeihen? Du mußt mir helfen, hörst du, du mußt mir jetzt helfen. Ich brauche dich! Ich brauche dich! . . . Herr Gott im Himmel, ich nmß einen Menschen jetzt haben! . . . Du bist ein Weib, bist mehr, bist mein Weib, die Gefährtin meiner Not? . . . Ahnst dn denn nicht, was auf dem Spiele steht? Es sind nicht die zwanzig, dreißig Pfund, die der Prozeß kostet ... es ist mehr, es ist . . . nicht ans'zudenken ist es ... Ich bin zu Tode gemartert . . . erdrosselt bin ich, erdrosselt von diesen Hunden!"

Er sank erschöpft aus den Stuhl zu ihrer Linken.

Ihre großen Augen füllten silch Mit Tränen ... Da hörte sie aus der Küche ein Wimmern, die Stimme ihres Kindes, . . . und ihre Augen wurden hart wie Stahl. . . Sie entzog ihm ihre Hand.

Tu weißt, was Mischen uns steht!" hauchte sie und ließ ihn allein.

. . . Sie hatte . . . kein Mitleid mit ihm. Sie konnte nicht vergessen . . .Du weißt, was zwischen uns steht!" Gleich glühendem Eisen bohrte sich das in sein Hirn. Ja, er wusste . . . freilick) wußte er . . . und ' hätte er's je vergessen, das klägliche Wimmern seines Kindes hätte es ihm in die Erinnerung zurückgerufen, das Wimmern des Un­schuld! gen Opfers.

Es würgte ihm in der Kehle. -

Und wieder stand das Bild vor feinem geistigen Auge ... Es war ein später Herbstabend wie dieser. Er w-ar nach Hanse gekommen und hatte das dicke Paket vom Alhambra- theater vorgefunden. Sie hatten ihm sein Stück zurückge­schickt. Er war niedergedrückt, gleichwohl nicht zerschmettert. Seine Frau war zu ihm getreten, hatte seinen Kopf in ihre beiden Hände genommen und ihn zu trösten gewußt. . . . Und plötzlich, wie unter einer Eingebung, war sie hinausgeeilt, in ihre Winterjacke geschlüpft und hatte ihm mir zugerufen:

Ich bin gleich wieder da!"

Wütend hatte er das Paket mit dem Dramenmanuskript zur Erde geworfen. Die Blätter flogen wirr über den Teppich. Er ärgerte sich über seine Frau. Me konnte sie ihn in dieser Schicksalsstunde verlassen? Nein, . . . Und seine Gedanken hatten die Tochter des ZeituugsWnigs ge­sucht, . . . nein, Lady Edith hätte das nie getan. Dazu empfand die Tochter Lord Southrifses zu fein. . . .

Ja, ja, so dachte er damals ... Es gab eine Zeit, da er so töricht war.

... Und dann hatte er das Fürchterliche gesehen. Das spielende Kind, das die Blätter vom Boden' aufgehoben und eines nach dem andern, eines nach dem andern, sein ganzes Werk, die Arbeit vieler Nächte, vieler Monate, in das lodernde Feuer im Ofen geschoben.

Emen gurgelnden Schrei hatte er ausgestoßen und war aus den Kleinen zngestürzt, hatte ihn zurückgerissen. . . .

Zu spät. Kaum zehn Seiten von den hundertzwanzig konnte er retten . . .

Eine breiige Welle Blutes war in sein Hirn geströmt. Er hatte den Kopf des kleinen Wesens zwischen seine rohen Fäuste genommen und, ohne des mörderischen Geschreis zu achten, unter wahnwitzigen Beschimpfungen gegen die Kccheln des Ofens gestoßen, in sinnloser Wut, wieder und wieder, bis das Kind nur noch leise stöhnte und schließlich ein Blut­sturz. der aus Mund uitb Nase brach, auch dem Stöhnen ein Ziel setzte. ...

Dann war eisige Besinnung über ihn gekommen.

Leblos lag der Kleine am Boden.

Er ... er hatte sein Kind gemordet.

Behutsam hob er den winzigen Körper aus und bettete ihn auf den Divan.

Er beugte sich über das kleine Herz. Es schlug noch

Er rannte in die Küche und holte ein feuchtes Tuch. Sorgfältig reinigte er das blasse Gesichtchen von den Spürer des Blutes.

Da klingelte es draußen.

Seine Frau kam zurück. Froh und guter Dinge.

Siehst du?" plauderte sie lachend.Da hatte ich zu Christmas ein paar Schilling für dich gespart. Sollte eine Ueberraschung werden. Aber ich denke, für dein seelisches Gleichgewicht wird heute eine Flasche Tokaher von nöten sein.' Hier! Sieh her!"