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Seins Frau hatte den Kleinen irr die Küche gebracht !Md ließ sich wieder bei ihrer Arbeit nieder.
„Ist Post gekommen-" fragte er, nur, unr ettvas Ar l^gen.
„Ein Brief. Er liegt auf deinem Schreibtisch."-
.Er wollte hinübergehen, besann sich aber.
„Eüvas Wichtiges 7" fragte er weiter.
„Ich weiß nicht," sagte sie abweisend.
Was sollte es auch wichtiges sein? Konnte es übsrhanpt etivas Wichtiges geben? Es war ja alles gleichgültig.
Er brütete schweigend vor sich hin; dann, nach einer Weile, zaghaft: „Kann ich etwas zu essen bekommen?"
Sie stand auf und ging in die Küche. Er vernahjm, wie sie mit dM Kleiner! sprach. Gr hörte Teller klappern. Dann kam sie wieder herein und stellte etwas Weißbrot und kalten Braten vor ihn hin. Ihr Schweigen war unerx träglich. Dazu diese Augen, dre ab und zu nach ihm herüb ersahen, diese großen, dunklen, Vorwurfs vollen Augen. . . . Er legt« die Gabel hin.
(Fortsetzung folgt.)
Var Vorspiel.
Bon Konrad Martin Laut.
Aus den verschneiten Alleen des Schwetzinger Schloßgartens traten am Vormittag ibeS 13. Januar 1782 zwei junge, schlank-, gewachsene Männer. Dre trugen zu ihren Reisemänteln aus blauem! Tuch und den sporenbesetzten Stulpstieseln die eckig-flachen Hüte ihrer Zeit, die sie zum Schutz, gegen den scharf herüberstreichendenj Dardt-ÄLind mit wollenen Binden auf ihren Puder-Perücken freu festigt hatten.
Der größere der Fremden — ein etwa Drerundzwauziger — war voller Ungestüm. Die schmale, nur wenig gewölbte Brust nach vorn geneigt, ein langes Meerrohr mit schwarzem HoruknopD unablässig in seiner Rechten schwingend, stapfte er durch den frischgefallenen Schnee so eilig dem SclWoßtor am Garten-Austz gang zu, daß sein bedächtiger Kamerad ihrn kaum zu folgen ver- mochte.
Der Zaubergarten des Pfälzer Kurfürsten Karl Theodor lag wie ein Traum spiel hinter ihnen. An. römischen Trümmern und in heiligen Dempelbezirken griechiischpr Götter und Göttinnen hatten sie gestanden. Das rote Wunder einer türkischen Moschee mit nadelspitzen Minaretts und stillen Gebetgängen war aufgetaucht Und versunken. Ueber weiße chinesische Brücken und spiegelblank gefrorene Weiher tvaren sie gegangen, jund.alle diese Werke der fürstlichen Schöpferlaunen hatten sie im blauen Licht des Wintern morgens mit wachen Sinnen genossen. Und doch, für den unge-s stümen Dränger und.rastlos Fiebernden war es zu wenig. Das Brausen und Stürmen in seinem Mut hatte sich nicht befchwich» Ligen lassen.
Während die Freunde den menschenleeren Schlvßhof durchs schritten, um iin nahen Ritter, dem alten GaWaus am Ende der Schwetzinger Planken, ihr einfaches Mahl zu nehmen, überdachte der Ruhelose noch einmal die Eindrücke der letzten Stunden. Bon Stuttgart waren sie in beschwerlichen Ritten herübevge-, kommen, nun sollte es weiter nach Mannheim gehen. Tort aber, in dem Komödienhaus.des Freiyerrn von Talberg, ertvartete ihn sein Schicksal! Müs bedeutete demgegenüber die zärtlich, und galante Welt des sterbenden Rokokos, durch die sie eben gewandert waren? Sein Werk sollt« ja mithelfen, diese morsch gewordene Zeit Lnl Grund und Boden zu schlagen. Ein Tag mußte anbrechen, so glashell und llirrend tvie dieser Wintertag über den ärmlichen! Schlwetzingcr Häusern, Totes verschüttend und Lebendes — aufrührend, — vorausgesetzt, ^daß seine Dichitung die schwere Probe! bestand.
In einen! Nebenraum des Ritters ruhten die iremden Gäste NUN bei einer Bouteille Bergsträßler Landweins von ihrer Wanderung aus. Unendlich friedsam und traulich war es in dem kleinen, sternenhellen Gemach. Zierlichje Kupfer mit spannenden Jagdszenen! und glänzenden Auffahrten aus den geselligen Tagen der Kur-, fürsten schmückten die Wände. Ein alter Ladenbnrger Ofen ver- bereitete wohlige Wärme. Bon draußen llang der summende Don der Sonntagsglocken herein lund tvirkte so sanft und beschwichbigend, baß selbst die Unrast des stürmenden Fremden allmählich zur Ruhe kam.
Mit guten, fröhlichen Augen betrachtete er schon eine ganze Weile das junge Mädchen, das ihnen den.Wein kredenzt hatte und nun am Fenster -einem vorüberklingelnden Schlitten nachsah. Es war ein anmutig, zierliches Geschöpf an «der Schwelle der Achtzehn mit blütenfrischem Gesicht und goldbraunen Zöpfen, die in zwei schweren Flechten lüber den Klopf gelegt tvaren. Ein munteres Wort rief sie heran. >
„Ich denke, ehe wir weiter reisen, leistet die Demoiselle uns wohl ein wenig Gesellschaft, ffiir haben es nicht gar so eilig, wach Mannheim zu SoMmen, Mrib in der Wirtschaft drüben gibt's, wie mir scheint, auch nichts Besonderes M tum"
„Die Herren wollen nach Adannheim?"
„Jawohl, schönes Kind, wundert Euch das?"
Ein drolliger, altkluger Zug trat auf das kindlich-offene Gesicht pO nein, das wundert mich nicht. Mle^Wjelt geht ja heute nach Mannheim. Aus Speier und Heidelberg sind Hunderte hinüber. Sogar der Schwetzinger Rat WM sich die Räuber ansehen. Ti« Herren wollen gewiß auch in das Theater?"
Der junge Mäun bestätigte die Annahme.. Eigens von Stuttgart seien sie gekommen, unr der Komödie beizuwohnen. T-as werde Wohl einen tollen Spektakel geben, setzte er'scherzend hinzu.
Me blanken Augen der Pfälzerin wurden plötzlich ganz groß. Hatte sie recht gehört? Bon Stuttgart waren die Herren? Ta muß-, ten sie ja den Dichter der Räuber kennen, von dem man sich so gruselige Tinge erzählte. .Ihre Neugier war nicht mehr zu Haltens „Sagt Herr, ist Euch der Schiller bekannt?-Und ist es richtig, daß er selber ein Räuber ist? Wild, baumlang mit struppigen: Bart und vollenden Augen?" Ihre Worte überstürzten sich im Eifer der Rede.
Hans Petersen, der dem Gespräch der beiden schweigend ge*« folgt twtr, sah an der fliegenden Röte 'im Gesicht seines Freundes, daß diesem die Begegnung mit dem artigen Kind- nicht unwill« kommen war. Auch das Mädchen schien.nur den anderen zu sehen. So fand er es an der Zeit, sich um das graue Kätzchen zu kümmern- das drüben im Wirtschaftssaal sein Fell an der Sonne wärnkte. Seine Beobachtung traf zu. In plötzlicher Mswallung seines leicht erregbaren Gefühls wandte der Freund, als Petersen gegangen war- sich lebhaft dem .Mädchen zu und zwang es mit sanfter Gewalt auf den ftergewordenen Platz. Lind hvähvend die Meine in wachsendem Staunen und mit einigem Befremden ihm in die sprühenden! Augen sah, stieß .er mit leiser, fast leid voller Stimme hervor:
„Mädchen, was du Won Schiller gehört hast, ist nicht tvahr. Ter Mann ist kein Bandit und kein Bösewicht. Aber ein Dichter möchte er sein. Der Welt, die in Not mrd Bedrückung lebt, möchte er das Schönste geben, das er besitzt: Seine Träume von Freiheit und Gleichh-eit, seinen Glauben an das Gute und Edle, seine Hoffnung auf eine stolzere Zukunft. Verstehst du das wohl??
...Ich weiß nicht, Herr: ich fühle nur, daß Ihr gut von dem -Schiller sprecht." „Und lieber! Möchte er! Lieben von ganzer Seel« und ganzem Gemüt! Die Welt, die Menschen, dich — ja, auch dich! Denn ohne Liebe wäre das Leben nur eure Wildnis, ein «leribe$ Stückwerk. .,."
Bei den letzten Morten des seltsamen Menschen war über düs Zuhörende -ein jähes Erkennen geöonnnien. In scheuer, ihr selbst nicht bewußter Ehrfurcht wich sie ein wenig zurück und.stantch den leidenschaftlich Erregten.fassungslos an.
„Um aller Heiligen willen, Herr, so seid Ihr selber der . . - Schiller?" Ter Dichter hatte sich wieder in der Gewalt. Wie mast ein ängstlich! gewordenes' Kind beruhigt, nahm er.der Kleinen Kopf in seine schlanken Hände und strich ihr liebkosend über das gold-, braune Haar. Und seine Wiorte tvaren hell und froh vom Humor seiner schwäbischen Heimat.
„Ja, Pfälzer Und, ich bin's. . . der Friedrich Schiller. . . Regimentsfeldscherer und Poet aus Stuttgart. Der baumlang^ Räuber mit dem struppigen Bart und den vollenden Augen . . $ Guck ihn dir ruhig cm. Er sticht nicht und raubt nicht . .
Im Klang seiner ftöhlichen Stimme flog die Scheu des MW-, chens wie -ein fveigelassener Bogel davon. Staunend sah sie ihn an. War das denn möglich? Ties feine, zartgerötete Gesicht mit de« stlölzgefchwungeneu N-ase über den bartlosen Lippen und den strahl lend blauen Augen gehörte dem Dichter der „Räuber"? Bon dem! der Doktor Werner noch gestern beim Abendschpppen gesagt, er sei ein höllisch gescheiwr, nur arg verwilderter Kerl, dem der Teufel die Feder beiru Dichten geführt habe?
„Herr Schiller, die Leute haben euch schlecht gemacht," bekannte sie ehrlich. „Und du hastfs geglaubt?" „Ich glaubt schon nicht nr ehr. Man sieht's such.ja an, daß ihr ein guter nick lieber Mensch seid . . ."
Den: Drch-ter stieg das Blut in die Backen. „Das Wärt nehm' ich mit in,die Welt, Schwetzinger Mädel; wer weiß, vielleicht kann ich '60 draußen gebrauchen." Sie sah ihn verstäud- nislos an.
Vom Saal her machte ein dröhnendes Klopfen dem Plaudern ein Ende. Freund Petersen erinnerte daran, daß man nun fort mußte. Zum Kuckuck, das hatte er über dem -Schwatzen mit dem lieben Mädel beinahe vergessen! Nun kant der Ernst! Das Vorspiel in Schwetzingen war beend-et. Tie größere Komödie in Mannheim begann. Ter kühle Dalberg war kein Frennd genialer! Bummelei.
Emporspringend' reichte der Dichter der Kleinen die Hand. „Und wenn der Schiller von Mannheim zurückkommt und Glück gehabt hat, gibt's -einen Kuß zum Lohn, was, Mädel!"
Die blauen Sterne seiner Augen lagen nrit warmem Glarrz auf dem jungen Gesicht. Me ein zärtliches Kätzchen schmiegte die Kleine sich an ihn an: „Den Kuß g-eb' -ich dem Herrn Schiller schon heute, wenn er ihn will ..."
Da neigte der lange Dichter sich tief zu dent ZwitschermäulchSnj hinab und küßte es' zwei-., dreimal aus fröhlichem Herzen. Und d-aZl Schwetzinger Mädel stellte sich auf die Fußspitzen, so- hoch es' ging und gab die Küsse ihm herzhaft zurück.
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