110
Sie schritt Mm Spiegel, der auf dem Schreibtisch ftanb und ordnete ihr Haar. Ganz zersaUst hatte sie der wundervolle Mensch mit seinem Ungestüm; und noch glüh- ten heiß seine Küsse auf ihren Lippen und Wangen.
Sie griff zu dem kleinen Block, riß ein Blatt Puderpapier ad und rieb damit Über Nase und. Wangen.
Darm klingelt« sie dem Diener.
Bob erschien auf der Schwelle und warf prüfende Blicke ins Zimmer.
„Schon fort. . . fort . . .?" fragte er feixend.
„Kerne Berttanlichreiten, wenn ich bitten darf Y'
Er grinste höhnisch „Jcbiveiß: die Zeiten sind Vorbei, da Klein-Edith Bob ihren lieben grtten Jungen nannte Und von seinem Mund die ersten Küsse stahl, haha, wenn's die ersten waren . .
Das junge Weib hörte Nur mit halbem Ohr. Sie stampfte nrit dem FUß auf.
„Laß das törichte Geschwätzt Du weißt, ich kann das Flennen nicht leiden!" Und mit veränderter StnmneHaben Sie sich in Newhampstead imtgefefyett?"
Der Diener nahm wieder die unterwürfige Haltung anr „Jawohl, Mylady. Er wohnt in einem einfachen Boardinghouse, das einer älteren Witwe gehört. Irgendwelche Beziehungen scheint er sonst nicht angetnüpft zu haben. . . , Im Hause des Viscount Brauch soll er noch verkehrend
Sie blickte ungnädig drein. „Das weiß ich ja alles längst. Hat er nicht eine kleine Liebschaft?"
„.Ich habe nichts in Erfahrung gebracht. Sind Mylady eifersüchtig?"
„Dummes Zeug! Auf wer: und weshalb? Ich will nur immer genau wissen, mit wem ich es zu tun habe."
„Vielleicht," schnarrte der Diener hämisch, „hätte ich doch so etwas, was Mylady wenig Freude macht." Er zog einen unsauberen Zettel hervor.
„Was soll's damit?" herrschte sie ihn finster an.
„Das ist eine Abschrift des Briefes, den ich für ihn zur Post besorgen sollte."
„Aber, Bob,- Sie haben doch nicht etwa den Brief geöffnet ¥'
„Das ist Nicht nötig. Es war ein Ausländsbrief, und der muß wogen des Zensors unverschlossen aufgeliefert werden."
„Ach Gott, Sie meinen das Schreiben an seine Quar-> ttersleute in Rotterdam? — Es ist gut. Legen Sie die Abschrift dort auf meinen Schreibtisch! Sie kouuen gehen!"
Der Diener feixte wieder.
„Von einer Ilse ist da die Rede. — Einen besonderen Handkuß cm das schöne Fräulein Ilse!"
Sie sandte ihm einen wütenden Blick nach. Als er die Tür hinter sich ins Schloß gezogen hatte, griff sie nach dem Zettel. Mer sie wurde nicht klug daraus. . . . Die Worte schienen einen verschleierten Doppelsinn izu haben, do.ch sie vermochte ihn nicht zu ergründen. Der Zettel enthielt nur! die Sätze:
,,Meine liebe Familie Drooy! — Es wird Sie freuen, zu hören, daß ich vor drei Dagen zum Hauptmann im Großen Generalstab befördert worden bin.
Daß Ilse sich nicht WohlfühA, tut mir leid. Sie will nacht dem Süden fahren? Doch möglichst in ein neutrales Land? Wenn ich mich recht entsinne, muß so ein Kurort, wie sie ihn braucht, in der Nähe von Kap Matapan in Griechenland liegen. Ein bißchen entlegen. Sie möge doch erst Dr. U. fragen, der gewiß, wie übliche wieder am 20. Kn euch kommt. Sonst konnte ich von dem Nachlaß von Ilses Onkel bis jetzt nichts ermitteln.
Beste Grüße für sie alle.
Einen besonderen Handkuß an das schöne Fräulein Affe. Capitain Longford."
, . . . Sie schüttelte den Kopf. Rätselhaft und selffam war etwas an dem Brief. Trotzdem konnte sie nicht geradezu behaupten, er stütze ihre Ansicht, daß Longford ein deutscher Spion sei. Am sonderbarsten berührte sie, daß «r noch etwas von dem Fräulein Ilse gesprochen, noch weniger von dem Nachlaß des Onkels. Mer er war ja ein verschlossener Mensch, der nie so recht auftaute . . . Gewiß, der Brief konnte ebenso gut etwas ganz Harmloses bedeuten, wenn er nicht . . . ßa, wenn er nicht 'eine verabredet^ Geheimsprache enthiett. . . . Sie grübelte von neuem. Dann Verschloß sie den Zettel vorläufig in ihrer Schatulle.
/ 8. Kapitel,
! >* James.Atterley.
James Atterley verließ das Gerichtsgebäüde. Er sah Verstört aus und blickte um sich. So tat er stets, wenn etl vom Gericht kam. Er begriff andere Zeitungsleute nichts die sich ein Vergnügen daraus machten, vor Gericht zjU erscheinen. Er empfand eine abgrundtiefe Scham darüber«, daß er das Gebäude betreten mußte.
Er sprang auf einen vorbe ifahrend ei: Omnibus, uw nach Hause zU fahren. Zu spät bemerkte er, daß der Wagen eine andere Richtung einschlug.
Er befarrd sich am Picadilch. Da stieg er aus.
Er lächelte über sein Mißgeschick... So mochte einer lächeln, der auf dein Wege zum Galgen eine Sprosse der Leiter verfehlt.
Das Leben der City umbrandete und umtoste ihn.
Die Börse war soeben geschlossen worden. Ein scharzev Strotz: aufgeregter Männer flutete ans die Straße. Er. erhaschte einige halbe Sätze.
„. . . fehlt eben ein Lichtblick. W.ie sott bei den Nach- richten auch Kauflust herrschen."
„Zu denke::, daß ich vor einen: Jahre für Konsols 87 bot und sie mir heute mit 67 ans der Tasche bleiben, Konsols, das Papier, das besser als Gold war."
„Ich war immer Haussier; aber jetzt gehe ich in di« Klontermine."
„Versteht sich, nur in NeUyork! An: hiesigen Matz ist nichts mehr zu holen!"
So sch ob itub drängte sich's ihm entgegen. Es kam ihm abgeschmackt und sinnlos vor. Er fand keine Beziehungen zwischen sieb und jenen. Ewig lvürden sie ihm, ewig er :hnen fremd bleiben. Und er ertappte sich darüber, tote er halblaut die Wort« hininurrnelte, die er zuletzt gehört»
„Am hiesigen Platze ist nichts mehr zu holen!"
Er entttuch in eine nahe Bar, um dem Gewimmel zU entfliehen. Ein stickiger Dunst schlug ihm entgegen. Und er fühlte plötzlich, wie trocken seine Kehle war,' w:e salzig- klebrig der Geschmack auf seiner Zunge.
Er hatte ja auch geredet. . . geredet, bis ihm' dev Speichel auf der Zunge znsammengeslofsen war, wie man eben redet, wem: man die Aussichtslosigkeit der Sach« ahnt, für die man einsteht. Ihn ekelte.
Er ließ sich einen Whisky mit Soda reichen und goß die bernsteingelbe, prickelnde Flüssigkeit in einem' gierigen Zug hinunter. Dann rückte er de:: steifen Hut ins Genick und enteilte.-
Der Teil von Paddington, in dem Atterley wohnte^ gehörte nicht zu den vornehmsten Vierteln Londons. Die Häuser stammen meist aus den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts und waren seit jener Zeit kaum aus- gebaut Uno mit Neuerungen versehen worden. Die Treppen waren nicht mit Teppichen belegt und die trübe flackernden Gasflämmchen verliehen den Flure:: ein melancholisches Aussehen.
Atterley schloß die Borsaaltür ans und betrat sein« Wohnung. Er schüttelte die Regentropfen von seinem Hut und hängte Mantel und Kopfbedeckung an der: Kleiderständer.
Zur linken Hand die erste Tür öffnete er.
Da saß seine Frau, über einen KnabnumzUg gebeugt) den sie mit Nadel und Faden ausbesserte. In einer Zimmerecke, in die kein Strahl der Tischlampe fiel, kauerte stumm das Kind.
Sein flüchtiger Gruß ward ebersso flüchttg erwidert. Aber der Knabe begcnm sogleich zu wimmern, als er seines Vaters ansichtig wurde.
Leise, mit müden Bewegungen, führte ihr: die Frau ans dem Zimmer.
Atterley warf sich auf einen der Rohrstühle, daß dessen Lehne knackte. ;
Dieses knarrende Geräusch brachte ihn vollends zur Raserei. Er betrachtete die Möbel ringsum mit feindseliger: Blicken und schürzte verächtlich die Lippen. Erbärmlicher Schund! Leichte Ware mit gleißender Außenseite! Als di« Möbel neu waren, hatte er sich über sie gefreut; um: sie ins zweite Luftrum gehen sollten, fiel ihm auf, wie sehr ihn dev Händler übertölpelt hatte. Da war auch kein gediegenes Stiick im Zimmer, nicht eins. Ihn reuten die dreißig Pfund, die er dafür bezahlt. Und wie hatten sie gesparr und gedarbt, Um die Raten pünktlich zahlen zu HnnenH


