90
i
mit der Rechten einige gar nicht vorhandene SLaubkörnchen von seinen! Unisormrock und ging mit kurzem Gruß hinaus.
Der Oberst hatte für einen Augenblick seinen Gang durchs Zimmer unterbrochen. Jetzt setzte er die Wanderung wieder fort.
Longsord besann sich, wie er ein Gespräch anknüpfen könnte. Sein Herzschlag war doch allmählich stärker geworden. Die angespannten Nerven brauchten eine Ablenkung Ueberdies wünschte er die Bekanntschaft des Obersten zu machen. Sie konnte ihm in jedem Falle, gleichgültig, ob sein Vorhaben gelang oder nicht, von Nutzen sein. Doch der Viscount schenkte dem jungen Offizier nicht di^mindeste Beachtung.
Im Zimmer war es drückend schwül. Der graugestrichene Heizkörper unter dem Fenster schien nur allzu reichlich mit heißem Wasser gespeist zu sein. Wenn auch die Bergarbeiter in Wales drüben in Ausstand getreten waren — das Kriesamt litt offenbar nicht Mangel an Kohlen.
Longsord fand den Aufenthalt im Zimmer fast unerträglich. Die Hitze und gleichzeitig die Stille, dabei das ruhelose Hin- und Herwandern des verbissen dreinschauenden Obersten... Er mußte sich Luft machen.
„Verzeihung, Colonel, finden Sie es hier auch so mörderisch heiß? Darf ich nicht das Fenster etwas öffnen oder die Heizung abstellen?"
Der Angeredete sah flüchtig, fast-geistesabwesend, auf. Dann vollführte er eine nachlässige Handbewegung.
„Aber bitte, bitte!" Und setzte die unterbrochene Wanderung fort.
Der Hauptmann rückte den Hebel etwas nach rechts und öffnete das Fenster.
Gott sei Dank! Diese Stille war ja wahnsinnerregend gewesen; jetzt drang wenigstens aus der Ferne ein dumpfer, unentwirrbarer Lärm herein. Es klang wie das Rollen von Eisenbahnzügen. Vielleicht,der „Tube", die Untergrundbahn, dachte 'Longford. Vielleicht das Brodeln der City, die da hinten irgendwo sein mußte. Die kühle Novemberluft, die hereinströmte, erquickte ihn.
Er versuchte abermals, ein Gespräch mit dem stummen Zimmergenossen einzuleiten.
„Ich bitte um Entschuldigung, Herr Oberst, ... ich möchte mich gerne melden lassen, bin aber hier fremd. Darf ich mir die Frage erlauben, ob Herr Oberst schon gemeldet sind."
Viscount Brauch blieb stehen und sagte hart: „Nein, Kapt'n, ich bin noch nicht gemeldet!" — Und begann von neuem zu wandern.
Longford zernagte die Unterlippe. Der Typus des englischen Edelmanns, dachte er, unnahbar, hochmütig . . . Im nächsten Augenblick aber verwarf er dies Urteil wieder. Schließlich hatte der Viscount bitter genug an seinen Sorgen zu tragen. Ihm mochte wohl der Sinn aus andere Dinge stehen als auf eiu unterhaltsames Viertelstündchen im Offizierswarteraum des Kriegsamts.
Longford sah ihm aufmerlsam zu.
Der Viscount war eine hochgewachsene, in den Schultern etwas gedrungene Gestalt. Er konnte etwa vierzig Jahre zählen. In sein braunes Haupthaar hatte sich hier und da, besonders an den Schläfen, ein weißes Füdchen gemischt. Das Gesicht war fast bartlos; ein kurzgeschorenes Schnurrbärtchen bedeckte die Oberlippe.
Inzwischen war aber wohl dem Oberst selbst der Gedanke gekommen, daß die Höflichkeit es erfordere, ein paar Worte an den jüngeren Kameraden zu richten.
,Sie . . . sind verwundet, Kapt'n? Vermutlich in Kensionsangelegenhelten hier?"
„Nein, Herr Oberst, ich habe die Wsicht, hier im Stabe anzukommen. nachdem ich ftir die Front nicht mehr tauglich bin."
„Brav! Brav!" Des Obersten Stimme wurde warmer. „Me war doch der Name gleich ?'
„Longford . . . Capitain Longford von den Ottawafüsilieren."
Der andere dankte durch' eine leichte Kopfbewegung.
„Viscount Branch," erwiderte er, „falls Sie meinen Namen überhört haben sollten." Dann legte er wieder die Hände auf den Rücken und ging auf und ab.
Longford fröstelte. Er schloß die Fenster. Gräßlich. . . gräßlich . . . dieses Warten vor der Entscheidung!
Das aufgedunsene Gesicht des Dieners erschien wieder unter der Tür.
„Wünscht einer der Herren gemeldet zu werden? — I« Pensionsaugelegen heilen . . . Generalmajor Turner, Zimmer 216, eine Treppe höher!"
De-. Viscount reichte dem Diener die Karte.
Longford lächelte vor sich hin. Man schien es hier im Haujsjo nicht gewöhnt zu sein, daß ein verwundeter Offizier in anderen als Peüsionsangelegenheiten vorsprechen könne. Er gab dem Diener auch seine Karte, mit dem Beifügen, er wünsche Seiner Exzellenz gemeldet zu werden.
Der Diener ließ die Tür hinter sich ins Schloß schnappen.
Der Oberst nahm das Gespräch wieder auf.
„Ottawafilsiliere . . .? Schade um das schöne Regiment. . . . sind böse mitgenommen worden. Wieviel mögen noch leben?"
Longsord zuckte die Achseln.
„Ich kann es Ihnen leider nicht sagen, Colonel. Als i,chj austvachte, lag ich in einem weißbezogenen Bett und neben mir sagte ein weibliches Wesen in deutscher Sprache: „Ach, jetzt ist er aufgewacht!"
„Wie? In deutscher Sprache? . . . Das heißt, wie war der Name? . . . Longford, Longford?! . . . Sie sind ver- mutlitch der Offizier, der ans dem deutschen Feldlazarett über die holländische Grenze entwich. Richtig! Ich habe ja erst heute morgen Ihren Namen gelesen. Sie haben gestern einen Journalisten als vermeintlichen Spion sest- nehmen lassen? „Neueste Heldentat des Capitain Longsord, der av3 der deutschen Gefangenschaft entfloh!"
Longford runzelte die Stirn und sagte bescheiden;
„Ohme Reklamegeschrei geht es ja bei den Herren von der Presse nicht!"
„Schlimm genug, daß wir mit solcher! Mätzchen die Kriegsbegeisterung wecken und schüren müssen, bei Gott, schlimm genug. — Vorgestern sah ich einen Werbeauszug durch die Straßen von Kensington ziehen. Ich sage Ihnen, Brechreiz erzeugend. Kann mir kaum denken, daß ein innerlich so vornehm gesinnter Mensch wie Lord Derby solch einen Unsinn aushecken konnte, wie diese Werbeaufzüge. Und bvch geschieht's in seinem Namen. Einfach fürchterlich. Ms ob der Krieg eine Brettbühne wäre! Nein, ich habe die Hoffnung anfgegeben. Wir tüten gut, uns mit Anstand aus der Affäre zu ziehen. Wer ich fürchte, es wird schon nicht nrehr möglich sein. Wir verdienen es ja auch gar nicht anders . . . 1915 oder Alteuglauds weltgeschichtliche
Schande!" 4
Der junge Offizier verhehlte schlecht sein Erstaunen. Das war nun bereits der zweite Londoner, der so fühlte. Er glaubte ja fast, Lord Southrisse sprechen zu hören. Dachte inan hierzulande wirklich so abschätzig über den Krieg und die britischen Aussichten?
„Verzeihung, Kolonel, aber sehen Sie nicht zu schwarz?"
„Wollte Gott, Sie hätten recht, Kapt'n — Natürlich werden wir den Krieg nicht bis zur Vernichtung itrtö Selbstzertrümmerung verlieren. Um so mit einem Male aus der Weltgeschichte ausgetilgt zu werden, dazu sind wir glücklicherweise zu zählebig. Wir sind die Erben eines viel zu umfangreichen Vermögens, als daß wir es so auf einmal durchbringen könnten. . . Aber... es ist der Anfang vom Ercde! Wenn die Lawine erst ins Rollen kommt — ich möchte nicht mein Enkel sein! — Sie waren ja auch an der Front. Ist es Ihnen denn nicht ausgefallen, wie wir an Haupt und Gliedern verderbt sind?"
Der junge Offizier tat, als besänne er sich. — Unglaublich! Dieser Freimut der Meinungsäußerung war wirklich nun in England denkbar . . .
„Ich wüßte im Augenblick kein Beispiel, Hern Oberst."
„Nun, — möglich, daß bei Ihren Karradiern sich der Uebelstand nicht so stark bemerkbar macht. Wer. . . na, ich will Ihnen ein Beispiel geben, daß Ihnen die Haare zu Berge stehen sollen. — Also, wir stehen bei Loos. Sie wissen, Gefechte vom 7. oder 8. Oktober. Ich gebe schon am Abend den Befehl. Schriftlich für jedes Bataillon, damit kein Mißverständnis alles vereitelt. Das erste Bataillon wartet die Artillerievorbereitung ab: diese dauert bis 7 Uhr 45; um 7 Uhr 50 beginnt der Sturm; das zweite Bataillon folgt um 8 Uhr dichtauf, um die Bresche zu verbreitern; ich selbst bleibe beim dritten Bataillon in Bereitschaft, um, wo Not am Mann ist, einzuspringen und den Erfolg vollkommen zu machen. Das zweite Bataillon stellt genügend Leute ab, um den Regiments stab fortg esetz t durch den Fernsprecher


