Flieger über London.
Mrs Londoner Erzählung aus den SpätherbMagen 1915.
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
4. Kapitel.
War Office.
Der Hauptmann war eigentlich etwas enttäuscht, als das Uuto vor dem Kriegsamt Hielt. Er hatte sich den ganzen Stadtteil etwas anders vorgestellt. Wenn früher der Name Westminster fiel, so. ftaitb in seiner Einbildungskraft eine Stadt mit breiten Strassen und. vornehmen Palästen auf. Kreit waren die Straßen wohl und an palastähnlichen Häusern war er auch vorübergefahren; aber er vermißte die Vornehmheit-an den Häusern und jenes weihevolle Gefühl in sich selbst, das ihn sonst an Stätten mit berühmter geschichtlicher Ueberlieferung beschlich . . . Das Ganze bot das Bild überladenen Reichtums, doch nicht des guten Geschmacks.
Er entlohnte den Kraftwagensührer und betrat das Gebäude.
Zufällig warf er noch einen Blick zurück: Gerade fuhr ein anderer Wagen vor. Am Schlag trug er ein lateinisches B auf dunklem Grunde und darüber die Grafenkrone.
Ihm eutftieg ein Offizier in Oberstenuniform. Kein Zweifel, das war Viscount Brauch, von dem gestern Lady Mith erzählte.
Longford stieg langsam die Treppe hinan; sein zerschossenes Bein schmerzte ihn heute mehr denn je: cs war wie gelähmt. Der Klimawechsel schien der kaunc vernarbten Wunde wenig zuträglich zu sein.
So holte ihn der Oberst rasch ein. Der Hauptmann machte die übliche Ehrenbezeugung: der andere dankte zerstreut imb verschwand im nächsten Augenblick am Treppenabsatz des ersten Geschosses.
Longford folgte ohne Eile.
Oben zeigte eine Tafel, wohin er sich zu wenden hatte.
„OffizierSwarteraum. . . Zimmer Nr. 101."
Er schritt einen langen Korridor entlang, der einen uchten, doch nicht allzu modrigen Geruch ausströmte. Die rische Kalkfarbe war wohl noch nicht ganz eingetrocknet. In oer Mitte des Bodens waren die Steinfliesen von langen, schmutziggrauen Gummiläufern bedeckt, so daß der junge Offü- zier, der den eigenen Schritt nicht mehr vernahm, sich selbst beinahe wie ein Einbrecher vorkam.
Er lächelte zufrieden vor sich hin. Nun ja,, so eine Art Einbrecher war man sicherlich . . . Oder war sein Vorhaben nicht Einbruch in letzter Deutung?
Er wunderte sich, daß sein Herz nicht schneller schlug und seine Pulse nicht jäher.gegen die Wände der Adern pochs- ten. —7 Teufel auch! Er hatte immer Nerven wie Schiffstaue besessen. >
Zimmer 101! — Richtig! Beinahe wäre er dran vor- beigelaufen.
Er drückte die schmiedeeiserne Klinke nieder und befand sich in einem nüchtern ausgestatteten, sauber gehaltenen Raume, der eher dem Wartezimmer eines Untersuchungsrichters glich.
Ein grünbezogenes, altnrodisches Sofa stand in einer Ecke am Fenster. Rechts vom Fenster ein anscheinend zweckloses Wandtischchen, daneben ein abgebrauchter Rohrstuhl. An der gegenüberliegenden Wand ein Büchergestell vom Boden bis zur Decke. . . . Noch ein Tisch mit einer Wasserkarasfe und Gläsern. Ein Kleiderständer und einige unbequeme Stühle. Den Fußboden deckte rotbraunes Linoleum, das frisch und glänzend gewachst war.
In der Sofaecke saß ein Major und sah schweigsam zum Fenster hinaus. Der Oberst, dem er aus der Treppe begegnet war, ging im Zimmer auf und ab, die Hürrde auf den Rücken gelegt.
Der Hauptmann grüßte nochmals und ließ sich dann ans dem Rohrstuhl rieben dem zwecklosen Wandtischchen nieder.
Keiner der drei Offiziere redete ein Wort.
In der Nähe schlug ein Glockenspiel im Viervierteltakt zweimal an.
Halb elf Uhr.
Ob dies die Glocke der Westministerabtei war?
Longford versuchte, mit einem Blick durchs Fenster etlvas von der nächsten Umgebung zu erhaschen. Aber er sah nur auf einen ummauerten Hof und ein paar graue Dächer.
So verging eine geraume Weile. ^
Der Major brütete noch immer in seiner Sofaecke; der Oberst schritt noch immer vom Fenster zur Tür, von der Tür zum Fenster.
Da stand Longford auf und trat an das Büchergestell.
Es waren meist Zeitschriftenbände, die hier in Reih und Glied starrden. Englische Fachblätter über das Heerwesen. Auch die Ranglisten. In der untersten Reihe waren die Bände der „France militaire" nntergebracht und ganz oben fanden sich sogar einige Jahrgänge vom deutschen „Militär- Wochenblatt".
Der junge Offizier nahm einen 'Jahrgang der „France militaire" heraus und blätterte gelangweilt darin. Ein dicker Stempel „War Office", der fast auf jeder zweiten Seite sichtbar ward, erwies das amtliche Eigentum.
Das nahe Glockenspiel zeigte eine weitere Viertelstunde an.
Mit dem öffnete sich hastig ein Türspalt. Das etwas aufgedunsene Gesicht eines ältlichen Dieners erschien und ries mit erschreckend lauter Stimme in die Stille des Zimmers:
„Major Rallmgton. . . Exzellenz läßt bitten .... i^tntntßr 105!"
Der Mckjor strebte aus seiner Sofaecke hoch. Er strich sich mit der Linken über den etwas schotteren Scheitel, knipste


