Flieger über bondon.
Eins Londoner Erzählung ans dm Spätherbsttagen 1915.
Von Justus Schoenthal.
(Fortsetzung.)
„Ihre Unbefangenheit kleidet Sie gut, junger Freund. Aber Sie werden doch einem alten Politikus nicht einreden, daß diese — sagen wir einmal — geschickte Aufmachung reiner Zufall war. Zuerst die Verweigerung der Unterredung mit dem holländischen Berichterstatter — also künstliche Steigerung der Neugierde. . . . Dann Verhaftung des ersten britischen Zeitungsmanns, der Ihnen über den Weg läuft. . . die harmlose Bitte, nur ja nichts über den Vorfall in die Zeitung zu bringen . . . wissen Sie, ich bin ein alter Zeitungsverleger und kenne die Bedeutung der Reklame aus Erfahrung. Sie schaden sich durchaus nicht in meinen Augen, wenn Sie das alles zugeben. Es spricht doch zu Ihren Gunsten, wenn Sie sich nicht nur als kaltblütigen Offizier, sondern auch als weltgewandten Menschen bewähren."
Und er trank seinem Gast von neuem zu.
Longford hatte sich gefaßt.
„Sie überschätzen meine Fähigkeiten ganz entschieden, Mylord. Was Sie hier „mise en scöne" zu nennen beliebten, war gewiß von mir nie und nimmer beabsichtigt. . . Den Holländer habe ich abgewiesen, weil mir sein Benehmen widerwärtig war, ganz abgesehen davon, daß ich es für eine der größten Peinlichkeiten erachte, von einem unbekannten Menschen ausgefragt zu werden, und Herrn Atterleys Verhalten mußte, wie Sie nach seiner eigenen Erzählung mir bestätigen werden, meinen Verdacht erregen. Uebrigens habe ich ihm den Mißgriff längst ab gebeten und er hat mir versprochen, nicht böse zu sein."
Der Lord strich sich mit der Linken wohlgefällig über den weißen Spitzbärt. Aber ehe er noch etwas entgegnen konnte, brach seine Tochter das sie langweilende Gespräch ab.
„Schließlich ist es doch gleichgültig, ob Papa recht hat oder nicht. Ich fasse Ihr ganzes Erlebnis ganz anders auf. Ich glaube, dag jeder Kämpfer, der drüben an der Front war, eine neue, wundersam starke Seele bekommt. Wir hier in unserer altgewohnten Friedensbehaglichkeit vermögen uns das nicht so klar vorzustellen. In vielen Dingen wird unser Urteil auch durch törichte Schlagwörter beeinträchtigt. Wenn -heute einer tun bessere Daseins bedingungen kämvst^ dann nennt er das „mns Dasein kämpfen". In Wahrheit dreht es sich um die Frage, ob er Wein Oder Wasser trinken. Kuchen oder Brot essen wird. Als Atterley sein Schauspiel dem Alhambratheater einreich,te, redete er rmS allerlei ein, vom Erfolg oder Mißerfolg, ja schon von der Annahme oder Ablehnung des Stückes hänge seine l^istenz ab. Und doch existiert Herr Atterley noch, obwohl sein Stuck längst abgelehnt wurde."
Atterley blickte voll Trauer auf das junge Weib.
„Ihr Spott ist grausam, Mylady. Sre wissen doch, daß
ich vor zwei Jahren gestorben Lin und nur noch meinen Leichnam spazieren führe."
Statt aller Antwort wandte sich Edith an den Offizier.
„Finden Sie es nicht köstlich, wie er Oskar Wild« kopiert?"
Longford fand die Frage wenig vornehm. Die Lady erwartete auch gar keine Erwiderung, sondern fuhr fort:
„Der sogenannte Daseinskampf ist also nicht etwa ein Kampf, bei dem es mit unser Dasein überhaupt, sondern um Verbesserung oder Verschlechterung unserer Dafeinsmöglich- keiten geht. Es wird immer nnr um ersetzbare, nie um unersetzliche Werte gespielt. In dem, toas wir Daseinskampf zu nennen uns gewöhnt haben, setzen wir nur Dinge ein, die außerhalb unserer Person ihr Wesen haben, mag dies Wesen durch seelische Verknüpfungen auch fast ein Teil unserer selbst geworden sein. Aber alle diese außerhalb unseres Ich begründeten Werte sind letzten Ends eben nur Daseinsmittel, — nie das Dasein selbst. Darum kann vom Daseinskampf eigentlich nur ein Streiter von der Front sprechen."
Sie sah Longford fragend an, als erwarte sie einen Eiuwand. Der Hauptmann nickte ihr in ungeheuchelter Bewunderung $ 11 . -
„Ich bin ehrlich erstaunt, daß Mylady, fern vom Kampf, obendrein als Dame, solche Empfindungen hegen und äußern. Ich will Ihnen nicht verhehlen, daß auch'mich schon ähnliche Gedanken bewegten."
. Sie sah ihn freundlich, fast dankbar an; denn gerade für ihn hatte sie ja diese Gedanken in Worte gekleidet. Und für eine kurze Spanns tauchten ihre Blicke tief ineinander.
Sie spann den Faden weiter. „Man könnte einwenden: Wenn einer sein ganzes Vermögen verliert, an den Bettelstab gerät und dann Blausäure trinkt, — hat der nicht mit den ersetzbaren Werten zugleich das Unersetzliche, das Leben, verloren? Wer das ist ja unser großer Irrtum, daß wir immer ersetzbare Güter mit unserer nackten Existenz, dem Leben, dermaßen verquicken, daß wir eins fürs andere nehmen. Seine Existenz hatte der Mann erst verloren, wenn er dem Verlust Zersetzbarer Güter noch den Verlust des Lebens in unerhörter Verblendung hinterdreinwirft."
Beifallheischend Nickte sie die drei Herren an: sie liebte es, wenn man ihr geistreiche und eigenartige Gedanken nachruhmte.
Ab-er nur Atterley bemerkte leise:
„Und die Ehre, Mylady? Wenn mir iemattb meine Ehre raubt, nimmt er mir damit nicht merne ganze .Existenz Wvt? Oder zählt die Ehre nach Ihrer Meinung auch zu. den ersetzbaren Wertend'
Sie sann nach und sagte dann mit einer Wärme im Tonfall, oie Longford zunächst unerklärlich war:
„Sie wollen offenbar ein Beispiel aus Ihrem eigenen Leben anführen, Dtistsr Atterley? — Es ist richtig: mau hat Sie in der gehässigsten Wpist verleumdet, hat Ihnen


