Ausgabe 
9.3.1918
 
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Dinge angedichtet, die gewiß Ihrer Ehre abträglich waren, k Aber damit konnte man Ihre Existenz nicht vernichten, j Ihre Ehre kann Ihnen überhaupt niemand rauben. Rauben kann man Ihnen nur Dinge, die außerhalb Ihrer Person liegen, und alle diese Dinge sind ersetzbare Werte. .Aber die Ehre, . . . ich bitte Sie, Mister Atterley, . . . grübeln Sie doch nicht länger darüber, . . . die kann Ihnen kein Verleumder nehmen! Wenn Sie ein ehrenhafter, aufrechter Mensch sind, so kann Ihnen kein Verleumder etwas an- haben . . . Das ist der unersetzbare Wert, den Sie in sich tragen."

Atterley senkte das Haupt und fügte leise ein:

Sie wissen: das ist nicht alles!"

Mer Edith wehrte anmutig ab.

Treiber: Sie mich nicht in die Enge! Ich bin kein Unterhausredner." Eine leichte Räte übergoß ihre Wangen. Ich nrochte zum Schluß kommen, wenn ich auch die Worts mcht so hübsch zn setzen weiß . . . Ich sehe: Papa lang­weilt sich schon und hat sein berühmtes Wort auf der Zunge:Unfruchtbare Auseinandersetzung!" Ich wollte zum Ausdruck bringen, daß im Kriege und durch den Krieg auch die letzten, die allerletzten Hemmungen sortsallen. Die Leute drüben in Frankreich kämpfen nicht mehr darum, ob sie Brot oder Kuchen, sondern ob sie überhaupt noch essen werden. Diesen Einsatz zu leiKen, dazu gehört eins andere Seele, eine andere Willenskraft, andere Selbstzucht. Ss mag der großen Masse kaum zum Bewußtsein kommen, wenn die Urtriebe des Mannes, Blutgier und Kampfeslust, aus dem Dornröschenschlaf der Kultur erwachen; aber Ihnen, Kapt'n, mutz es bewußt geworden sein. Mindestens auf der Flucht. Da spielten Sie ums Letzte, ums Leben. Jede deutsche Feldwache konnte Sie zusammenschießen und schon der Schuß ins Bein hätte ja keine zwanzig Zoll Wher gehen dürfen."

Der Ofstzier fuhr auf, als sie ihn anredete.

Er hatte träumerisch dagesessen, gleichsam eingelullt von der melodischen Stimme des schönen Weibes. Sie hatte tnr Sprechen ihren linken Arni, wie spielend, über den Tisch geschoben, bis an den Römer, der vor seinem Gedeck stand. Der schwere Aermel des Seidengewandes war znrück- gesunken und hatte den Unterarm entblößt, einen Arm von so erlesener Formenschönheit, daß der junge Hauptmann wie gebannt darauf hinblickte. Ihm schien von diesem Arm eine betäubende Welle sinnlicher Glut auszuströmen. Er hätte diesen Arm mit Küssen bedecken und dann wieder ganz sanft zwischen seine Hände nehmen und streichelnd lieb- wsen mögen ... Ein zartgliedriges Gelenk leitete zur Hand über, schlanke, weiße Finger spielten mit dem kunstvoll ge­schliffenen Fuß des Kristallglases und der Wein warf durch das Buntglas des Kelches seltsam funkelnden Schimmer über Finger und Handrücken hin ... Er erinnerte sich, daß die- ^lbe Hand und derselbe Arm vorher, als er Edith zu Tische führte, in seinem Arm geruht hatten, und er kostete dieses Be­hagen nachträglich aus, etwa wie ein Weinkenner den letzten Tropfen der Neige wehmütig-genießerisch auf der Zunge zer­drückt ...

Trotzdem, in seinen», geheimsten Innern lehnte sich alles Segen Edith auf, er war noch nicht zur Klarheit über sie ge­langt: aber er liebte als Mann nur die Knospen, die sich zu Blüten wecken lassen, nur die unberührte Zartheit der Franenselle, und er empfand Edith zu sehr als vollerblühtes Weib, als Hirnwesen, zu reif, fast überreif, empfand unbe­wußt den Mangel an mädchenhafter Anmut und echtsühlen- der Weiblichkeit, empfand die berechnende Kühle ihres We­sens und fühlte sich dadurch eher abgeftoßen als angezogen.

. . . Nein, Lady Edith konnte ihm nie gefährlich wer­den . . . nur . . . nur dieser wundervolle Arm, diese Kinder­hand, diese unschuldsweißen Elfenfinger, die noch immer den Kristallfuß des Römers umspielten und vom Abglanz des Burgunders bunt überschattet wurden.

Er bemerkte, wie die Blicke der andern auf ihn gerich­tet waren; ja freilich, nun erwartete man wohl von ihm, daß er auf die ge ist- und gefühlvoll gemeinten Worte der Dame etwas erwidere; sie hatten ja hauptsächlich ihm gegolten, diese Worte . Einen Augenblick hatte er vermeint, sie würde einem großen urgewaltigen Gefühl Raum geben, aber dann . . . ein ätzender Geschmack schnürte ihm die Kehle zusam- men . . . Ja, das mußte wohl das Ergebnis sein, wenn die Schatten an ihren reich besetzten Tischen zwischen Lenden­schnitte mit Berner Tunre und dem Obst ünd Käse der Nach­speise zur besseren Anregung der Verdauung über den Krieg

salbaderten, den Krieg, dieses schaudervolle, geheimnisbev- gende Rätsel, das fern von ihnen an Kämpfer, denen sie un­bekannt waren und die gleichwohl für sie stritten und blu­teten, die uralt-ewigen Fragen der Sphinx richtete . . * Just so, wie sie vorhin die Artischocke entblättert hatten, so wollten sie jetzt dies Heilig-Große in seine Bestandteile und Kleinig­keiten zerlegen. Sie glaubten, geistreich zu sein, und es war doch nur ein häßlicher Gemeinplatz, auf dem sie ihre Gedan­ken mit den Worten tummelten. Ihn widerte das Gerede an . . . Das vornehme Schweigen des alten Herrn gefiel ihm besser. Weiß Gott, den Krieg erlebt man, und wer ihn nickst erleben kann, der tut besser, zu schweigen. Gewaltsam wollten sich diese Worte über seine Lippen drängen ...

Da sah er, daß die kleine Hand langsam sein Glas frei­gab. Und ihn überkam ein Gefühl, wie er es einmal als klei­ner Junge gekannt ... Er entsann sich. Er hatw seine Mut­ter auf den Obstmarkt begleitet und seine Mutter kaufte ein; während sie mit einer Bauersfrau handelseins zu werden trachtete, hatte er sich die Waren des kleinen Standes an­gesehen und ein schöner, blanker Apfel, der obenauf lag, stach ihm in die Augen. Er schien zu lachen und lachend zu locken, der Apfel, und er stellte sich vor, daß der goldgelbe Apfel nun eingepackt würde für einen ganz gleichgültigen Menschen; da griff er hastig nach der Frucht und biß hinein. . . . Das Er­lebnis mochte zwei Jahrzehnte geschlummert haben; urplötz­lich stand es ganz klar vor seinem geistigen Auge.

Und so faßte er, seiner selbst kaum bewußt,, nach dem weichen, vollen Frauenarm und drückte auf das feingliedrige Gelenk einen leidenschaftlichen Kuß. . .

Im selben Augenblick schon kam er zur Besinnung. Um Himmels willen, was hatte er getan? War er denn seiner selbst nimmer mächtig?

Er stand rasch gefaßt auf, verbeugte sich vor der Dame und formte die gesellschaftliche Höftichkeitswendung.

Mylady haben mir in der Tat aus der Seele ge­sprochen."

Und gleichzeitig biß er sich wütend auf die Lippen, daß er, um eine so lächerliche Situation zu retten, eine Anerkcn- nung heucheln mußte, wo er kaum eine Minute vorher rwch seinem Mißfallen Ausdruck verleihen wollte. . . Nun, er war eben etwas überanstrengt von der Reise und dem vielen wechselvoll Neuen, das auf ihn eirrgeftrömt war. Künftig wollte er seine Nerven schon nrehr an die Kandare nehmen.

Lord Southrisfe aber meinte in seiner gemessenen Weise:

Du stehst, daß unser Kapt'n volles Verständnis für deine Darlegungen gesunden hat, mein Kind."

Und fast wollte es Longsord bedünken, als klänge ein leiser Untertan von Spott durch diese gleichmütig ge­sprochenen Worte. Seine Brauen zogen sich uumutver- heißend zusammen: vor dem alten Herrn wollte er auf der Hut )ein. . .

Ob Lady Edith ahnte, daß weniger ihr blendender Geist als die zarte Schönheit ihres Handgelenks gesiegt? ? ©ie erhob sich und, ganz ihrer Pflichten als Dame des Hauses eingedenk, fragte sie:

Die Herren werden wohl am liebsten den Mokka im Rauchzimmer zu sich nehmen? Auch ich genieße gerne meine After-Lnnch-Zigarette drüben."

Sie schob den rechten Fuß auf eine Stelle vor ihrem Stuhl, wo sich kcmm merküch der Teppich etwas wölbte. Damit gab sie das Klingelzeichen für den Diener.

Kapt'n, Ihren Arm!" bat sie dann.

Doch Atterley trat auf sie zu.Mylady, meine Person bitte ich zu entschuldigen. Ich muß leider noch etwas Geld verdienen."

Er verabschiedete sich von der Dame und dem Herrn des Hauses und reichte dann auch dem Offizier die Hand. Longsord schüttelte sie kräfttg und fragte:

Man sieht Sie wohl öfter in diesem Hause?"

Atterley zögerte etwas mit der Antwort. Er war ver­legen. Gerade vor Longsord wollte er nicht klein erscheinen, und es demütigte ihn das Bewußtsein, in diesem reichen Hanse nur der Geduldete zu sein.

Der Hauptmann schien aber sein Schweigen gar nicht zjn bemerken.

Ich hörte vorhin andeutungsweise, Sie seien ein Dich­ter. Daß Sie Lein alltäglicher Sterblicher sind, hatte ich bereits auf unserer Eisenbahnfahrt heute morgen zu beobach?- ten Gelegenheit. Seien Sie überzeugt, mir sind die vev- famttert Dichter immer lieber als die erfolgreichen. Ich würde es daher begrüßen, wenn unsere auf so sonderbare