Ausgabe 
6.3.1918
 
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Mittwoch, den 6. MRrz

Flieger über bondon.

Eiwe Londoner Erzählung aus den Spätherbsttagen 1915.

Bon Justus Schoenthal.

(Fortsetzung.)

Der Journalist wiegte bedächtig daS Haiupt.Ich bin darüber leider nicht unterrichtet. Vielleicht bÄmrf er Ihrer Alt irgend einem politischen Zweck. Ich habe Ihnen jedew falls die Einladung be§' Loros zu Überbringern Er bittet Die durch mich, sein Gast zu sein."

Der Hauptmann stutzte den Kopf in die Hand. Der Neufel mochte aus diesem Journalisten und seinem Auftrag­geber Nua werden Seine Züge strafften sich. Dann fragte er zögernd:

Vergebeir Sie mir meine Neugierde! In welchem Verhältnis stehen Sie eigentlich zu Lord Southriffe?"

Atterley lachte bitter auf.Ich bin sein und Lady GnthS Sklave!"

Und als er das Erstaunen des jungen Offiziers be­merkte, fuhr er fort:

Bitte, nehmen Sie das ruhig wörtlich und erlassen Sie es mir, Ihnen die Gründe auseinanderzusetzen."

Wer ist Lady Ediths" forschte Longsord weiter. Jbm illang das Pathos des andern reichlich gemacht; er liebte die theatralische Geste an fremd eir Menschen nicht; es schien ja fast, als fei Atterley nur halb zurechnungsfähig, auf all« Fälle ein sonderbarer Kauz.

Der Journalist beugte sich vor und sah den Hauptmann scharf au

Möglich auch," meinte er, ohne dessen Frage zu beant­worten,daß der Gedanke, Sie zu Gaste zu bitten, von ihr stammt. Vielleicht braucht sie wieder ein frisches Opfer auf n Altar." Seine Stimme klang häßlich urrd krächzend, ielleicht" fuhr er fortwill sie mit Ihnen prunken: Der Held des Tages in Lady Ediths Hofstaat!"

Der junge Offizier war sichtlich peinlich berührt. Das Erlebnis begann ihn zu ärgern. Wie kam bev wildfremde

Menschen von so schlechten Manieren eine Einladung bringen zu lassen? Er suchte dem Gespräch eine andere Wenourrg zu geben.Der Hew des Tages? Ich finde, daß die Leute viel Aufhebens von einer belanglosen Sache machen."

Tod und Teufel!" versetzte Atterley mit bitterem Spott,wir haben bis jetzt art unserm Krieg so wenig >e erlebt, daß uns das bißchen Jubel über eine Helden­wohl zu gönnen istz."

orig. . . ..

^gef^rttch^e Weib der vereinigten Wnigveiche,^ einen .

ehre schuld^

nrgl

n das ausd rücken, ich möchte fast sagen: 'chuldige MeffMna-Nattrr. Sie hat wohl ein

Dutzend Männer schon unglücklich gemacht." Und da fügte er ft, leise hinzu, als rede er mit sich selber:

. . . hat sie auch auf dem Gewissens

Der Hauptmann fand Atterleys Benehmen unsäglich taktlos. Er haßte alle Menschen, die im Bervehr mit dritte« Personen nicht Zurückhaltung zu üben vermochten und gleich jeden, der ihnen in den Weg lief, in alle persönliche« Geheimnisse einweihten. Ihm fiel aber ein, daß in des Journalisten Paß angegeben war, er sei verheiratet. So bemerkte er nur teilnahmslos: '

So? Ich dachte, Sie seien verheiratet."

Das ist mein Unglück!" gab der andere dumpf zurück.

Eine Weile herrschte Schweigen.

Der Zug fuhr bereits durch den Nordostteil des Lon­doner Häusermeers, und die nahen Steinwände warfen den Schall drei- und vierfach zurück.

Atterley richtete sich auf.Sind Sie geneigt, von der Gastfreundschaft des Hauses Southriffe Gebrauch zu machen?"

Der Offizier lachte.Allzu einladend klang das nicht, was Sie mir andeutungsweise erzählten. Wer vielleicht kann mir die Bekanntschaft des Lords doch einiges nützen. Jedenfalls möchte ich eine so einflußreiche Persönlichkeit nicht vor den Kopf stoßen. Ich nehme also mtt Dank an."

Atterley legte dem Offizier wie beschwörend die Hand aufs Knie. Longfords Gesicht nahm einen gequälten Aus­druck an. Gr bereute es fast, die sonderbare Einladung, dl« ihn im geheimsten Innern abstieß und verletzte, schon ange­nommen zu haben. Wer schließlich... es war ein Aben­teuer . . . und hatte er nicht, bet Lichte betrachtet, sein ganzes Leben auf die Ungewißheit eines Abenteuers gv- stellt? Und während er dies dachte, sprach der ZeitungA- mann aufgeregt auf ihn ein:

Wir sind gleich am Ziel. Ich muß mich kurz fassen. Sehen Sie, was mich zu Ihnen hinzieht, ist nicht Ihr Heldentum. Davor habe ich weniger Achtung. Aber ich bewundere Ihre Jugendfrische, Ihre ungebrochene Willens­kraft, ich bewundere das an Ihnen, was mir verloren- gegangen ist... Verzeihen Sie, wenn ich Ihnen alles daA sage, obwohl wir uns knapp eine Stunde kennen .. ..

t landen Sie bitte nicht, ich sei aufdringlich... Ich möchte ne warnen, bevor Sie das Haus betreten. Ich muH jetzt schon davon sprechen. Am Bahnhof wartet das Auto und da kann ich immöglich also kurz und gut. . . wir find ja bereits angelaugr. . . bitte, beherzigen sie eins :

Setzen Sie sich nie mit Lord Southriffe an den Sp let­tisch und lassen Sie sich nie, nie von Lady. Edith die Woh­nung zeigen!"

2. Kapitel.

Im Palast des Lords Southriffe.

Lord Souchriffe ivar ein Mann von reichlich fünfzig Jahren. Er war groß und schlank, und sein ÄeußereS verriet in allem die Sorgfalt, mit der er feine Erscheinung pflegte-