Flieger über London.
Elim Londoner Erzählung aiis den Spätherbsttagen 1915.
Von Justus Schoenthal.
1 ö15 by Georg Müller, Verlag', Müncbeu.
(Nachdruck verboten.)
1. Kapitel.
Zwischen H a rwich und London.
Die Spächerbstmorgensoirne stieg gleich einem mattroten Vall aus dem Meere und ließ Schein in feurigen Fmnim- chen über die Fenster am Hafen von Harwich Ottern. Die Stadt selbst lag da, verödet und ausgestorben; dre wenigen Leute, die in Geschäften die Straßen durcheilten, zeigten bittere verhärmte Gesichter. Auch in der Hafengegend schien bleierne Schläfrigkeit auf den Gemütern zu lasten; auch bier war nichts vom Leben und Treiben, voni Jagen und Hasten früherer Tage zu spüren, obwohl doch erst vor einer Halden Stunde der Postdampfer von Holland eingelaufen war.
Die Postsäcke, die die „Zeeland" mit sich führte, warerr den Reifenden, die das Schiff verließen, an Zahl fast überlegen.
Reifen?
nicht D.v. - ~
kannt war. Aber nicht umschiffen konnte man diese deutsche Unterseebootpest. Nnn ftchr man ja während der Nachtzeit und überdies hatten sich die Deutschen in den letzten Wochen seltener an der Ostküste Etat. Doch das Gespenst der Gefahr hob nach wie vor drohend das Haupt — und! die Oschüft!i Englands ivaren stiller und Mer geworden.
Auch heute entstiegen dein Dampfboot nur wenige Reisende, ein Ossizter, der Hauptmannsuniform der kanadischen Ottawafüsiliere trug, ein paar Zwischendeckpassagiere und ein halb Dutzend Geschäftsreisetide, die unentwegt weder Krieg noch Gefahr scheuten. Me Haftnbeamten, denen der Sicherheitsdienst, vor allem die Päsftprüftma mrd die Ueber- wachung der vom Ausland Zugereisten oblag, trachteten, ihve Arbeit rasch zu beenden. Das Handgepäck war grüridlich durchwühlt, alle mitgesührten Briefschaften wurden gelesen, die Kleider der Reisenden nach gefährlichen Zeitungen durchsucht Mid selbst die Uhrendeckel geöffnet, um das Einschmuggeln von verdäch!ttgen Gegenständen All verhüten. Mit kühler Gelassenheit hörten die Beamten die gewohnten >ltworte der Reisenden an; sie zuckten stnmnr mit den Felu Selten, daß sich einer zu den Worten verstieg: rs wollen Sie? 's ist Kriegt' ^ t rr v .
Drüben aus der arideren Seite des Haftlis stand abfahrbereit der Zug nach London. ..
Gletchnmtig lächelnd hatte der junge Offizier die Leibes- untersuchung urü) Prüfung von Paß und Gepäck über sich Ergehell raffen. Nun rief er einen Träger an und befahl ihm.
seinen kleinen Koffer hinüber zum Zug zu tragen. Er kaufte die neueste Londoner Morgenzeitung, steckte nch die Stunrmelpftife an und stampfte dann dem Gepäckträger nach.
paffte
^ Im Zug entlohnte er den Gepäckträger, wählte em leeres Abteil zweiter Klafft und versuchte, es sich so behaglich wie möglich zu machen. Wie von ungefähr wanderte^^w
^von Harwich
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auf und 'nur im Südosten deutete eine schwa die Richtting an, in der sich die „Zeeland" ent
Ein Lächeln huschte fast unmerklich über fettre Züge: er sandte noch einen grüßenden Blick nach der Rauchsäule; darm lehnte er sich m die Polsterecke und entfaltete die Zeitmig,
Er überflog gerade das Wichtigste, die letzten Tele- Mimne, als die Tür hasttg anfgeriffen wurde und mit
'liegendem Atem ein Herr ins Abteil stürzte.
Der Hauptmann sah forschend von der Zeitung hoch! Mid für eine Sekunde trafen sich die Blicke der beiden Mäw mx. Der Neuangekommene war gut gekleidet, verriet aber sonst im Aeußern nicht eben große Wohlhabenheit. Sem Gesicht war glatt rasiert wie das des jungen Offiziers!
überschritten haben.
Der Neuangekommene ließ keinen Blick von fernem Gegenüber. Als das Abfahrtszeichen gegeben ivar, erhob er sich, warf die Zigarette, an der er gesogen hatte, mit einer nachläffigeii Gebärde hinaus aufs Nebengleis Und zog die Fenster hoch
Uitd während sich der Zug lairgsam in Bewegung setzte, sagte er ohne weitere Einleitung:
„Ich habe die Ehre mit Capitain^ Lvngford?"
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zerknüll.. £ r r .
„Sie wissen —stieß er hervor; dann fuhr er ruhiger fort: „Das heißt, ich entsinne mich nicht, jemals das Ver- gnügerr gehabt zu haben..." ,
Auch der andere stand auf. „Ich bitte Um Verzeihung. Mein Name ist James Attertey; ich bin Mitarbeiter der Zeitung, die Sie soeben aus der Hand legten/'
„Und Sie wissen, wer ich bin? Was verschafft mir die Mvo, tvenn ich fragen darf?"


