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Ar ftfeg Sie vielen Treppen wie betrunken hinunter.
._grelle Tageslicht draußen blendete ihn. Er griff sich
an die Augen. „Ich verstehe noch nicht, was ist geschehen?"
Sie schob ihren Arm unter den seinen und winkte auch Behrens. „Komm," wiederholte sie nur, „du wirst alles erfahren."
Er saß ganz apathisch im Auto, und ganz von selbst fielen; ihm die Augen Zu. Zuweilen öffnete er sie halb, um W Behrens hinüber zu sehen, der ihm stumm' gegenüber saß. Wer er schloß sie sogleich wieder. Er war nicht mehr mhig zu denken. Ich lebe jetzt nur noch von Minute zu Minute, sagte er zu sich!. Und es machte ihn zufrieden, die Hand Lucies in der seinen zju fühlen. Allzu schlimm konnte e£ um ihn also nicht stehen. Ach, werm er doch einmal Gelegenheit hätte, ruhig und traumlos zu schlafen.
Daheim augekommen, geleitete ihn Lucie auf sein. Zirn- Mer. Er ließ sich führen wie ein Kind. Er bestaunte alles, als sehe er es zum ersten Male. Dann ließ er sich in den Klubsessel fallen, stermnte die Menbogen gegen die Knie und suchte so den Kopf. Er sank in ein schlasähnliches Brüten.
Mühsam löste sich aus dem' Wirrwarr seiner Gedanken endlich -ein einzelner los: der, daß er setzt frei war, während er doch noch die Nacht im Gefängnis verbracht hatte, daß er daheim in seinem altvertranten Zimmer faß und nicht in dem beklemmend feindseligen Raum, vor dessen Mir ein unrasierter Mann mit weich! schleichenden Schritten als Wache gersterte, und daß Lncie mit ihm sprach sich um ihn bemühte, wo sie ihn doch, noch vor wenigen Tagerr angespien hatte. . .
Was war geschehen?
Nnd plötzlich befiel ihn eine grenzenlose Angst. Cs war ihm unerklärlich, woher sie kam, aber sie war da, durch drang ihn, bewirkte, daß er stöhnend auffu.hr, die Augen anfriß, nach einem Feind suchend, der irgendwo versteckt sein mußte, irgendwo, denn er spürte deffeir Macht.
Er stieß einen leisen Schrei aus, denn er hatte Behrens gesehen. Der saß ihm gegenüber', schon lange Zeit, und betrachtete ihn.
„Sie sind krank," sagte Behrens freundlich „FÄHlen Sie es nicht, daß Sie krank sind?"
„Ich weiß nicht," antwortete Reisner unsicher und führ sich! über die Stirn hin, „aber es ist möglich . . ."
„Sie müssen fort," erklärte Behrens bestimmt, „es ist hoho Zeit, daß Sie sortkoimnen."
Reisner hatte wieder die Empfindung, daß er im Kran- kerchans sei und daß Fremde sich rmr ihn bemühten .Er streckte sich in wohliger Mattheit und seufzte. „Wer wohin?" fragte er bekünimert.
„Wohin möchten Sie? Haben Sie einen Wunsch?"
Reisner entsann sich Kärntens, der Ki'che, der abendliche funkelnden Fenster, des Rauches, der still aus den Essen in die Lust stieg. Er lächelte zaghaft. „Ich mochte nach Kärnten, irr ein -Dorf..."
Behrens schüttelte den Kopf. „Nein, das ist nichts für Sie. Sie müssen weiter.. Sie müssen in ein Land, in dem man Sie nicht erreicht." Er sah Reisner fragend an. „Ich hätte einen Borschlag. Wollen Sie ihn hören?"
„Ja," antwortete Reisner traumhaft.
Behrens suchte in seiner Brieftasche und entnahm ihr einige Papiere. „Sehen Sie her. Das sind drei Fahrscheine für einen Schnelldampfer, der irr drei Tagen von Holland rrach, Amerika fährt. . . Wollen Sie sie benützen?"
Reisner machte ein ungläubiges Gesicht. „Drei Fahrscheine? Was soll ich mit drei Fahrscheinen? Ich verstehe nicht-"
„Erlauben Sie, was ist da unverständlich? Ein; Fahrschein ist für Sie, einer für Ihre Frau, der dritte sür Ihr Kind." Behrens wurde ungeduldig. „Die Sache ist doch klar. Ihre Frau ist einverstanden. Es fehlt rmr noch, daß Sie sich enffchließen. . . Nun?"
Reisner lächelte schüchtern „Meine Frau... ist einverstanden —T fragte er.
„Ja," sagte Behrens trocken
„Und Sie
„Ich? Sie sind komisch Wds hat die Sache mit nur M tun? . . . Ich bleibe hier."
„Ich dachte . . ."
, / Bl a s dachten Sie?"
Was Ut das? fragte sich Reisner, Plötzlich erwachend.
Spielt man mit mir? Träume ich? Mn ich in einer anderen Welt?
Er suchte in dem Gesicht des anderen zu lesen. „Es war doch abgemacht," stotterte er, „daß Sie, — Sie und meine Iran, — daß Sie beide..."
(Schluß folgt.)
Der Schiffrreeder erzählt.
Stirn von Kurt Küchler (im Felde).
Wir saßen in einer lauen Sommernacht in einem Garten cm der Unterelbe, als Gäste des Schiffsreeders. Unter dem hohen, weißgestirnten Himmel strömte dunkel und schwerflüssig! die breite Elbe, schwach schimmernd vom Licht der Sterne, in eine wesenlose Finsternis. Das Land auf dem jenseitigen User dehnte sich gleich einer Schattenwüste in schwarze Tiefen.
' Eimer aus der Gesellschaft, ein Schiffskapitän, erzählte vom Aberglauben der Seelehte, und. das Gespräch glitt in die Jrrgänge Nnd Schattenwege des Reichs der Ahnungen und _ des zweiten Gesichts. Es sprachen Zweifler und Gläubige. Die Gläubigen holten geheimnisvolle Erlebnisse aus ihrer Erinnerung; die Zweifler zucken die Achseln und suchten das Unbegreifbare auf natür* lichje Weise zu fassen nnd zn deuten.
Ter Hausherr, ein Emra von sechzig Jahren, mit emÄN patriarchalischen weißen Bart, der weiß und locker die Brust bedeckte, schaute mit ruhigen und klaren Augen über das schwache Phosphorleuchten der Elbe und in die Schattenwelt der Ferne und sagte:
„Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, du mich metti Lebtag nicht verlassen hat. Sie mögen sie erklären, wie Sie wollen . . . ihre Tatsächlichkeit, die nicht geleugnet werden kann, ist an sich seltsam genug." ,
Wir schwiegen nnd hörten ihm zu. Er strich die Asche ferner Zigarre ab, und hielt sie nach seiner Gewohnheit so, daß sie wu ein gelbglühender Punkt über der Stelle seines Herzen brannte..
„Als ein Steuermann unserer Reederei, ein Mann von 30 Jahren, auf der „Patrrzia" durch den Golf -von Biskaya fuhr, es war auf der Rückfahrt von Togo nach Hamburg, überfiel ihn mit einem! Male eine Traurigkeit, die er sich nicht erklären konnte. Es wlar in der Nacht, er ftarrd auf der Brücke am Steuer und blickte dem Schiff vorauf, das mit weiß schäumenden Bugwellen die Finsternis Durchschnitt. Der Steuermann hatte eben noch an ein heiteres Erlebnis gedacht, das er in einer Eingeborenenschenke in Togo gehabt. Nun war seine Seele plötzlich von _ einer tiefen Schwermut erfüllt, die seinen Körper lähmte, als wäre sein Blut schwerflüssiges Blei. Er war bis dahin ein fröhlicher Mann gewesen, der einen guten Trunk liebte und sich auch, als unbekümmerter! Junggeselle, mit den Mechern aus seine .Weise abzufmden wußte. Was war mit ihm geschehen? . . ^
Als er in Hamburg von Bord ging, war ihm, als iumte es auf der Welt fjüx ihn keine Fronde mehr geben. Er ging schwerfällig und mit' gesenktem Kops durch die Straßen, die ihm fremd und gran erschienen: er sah nichts von dem brausenden Leben der Stadt und an der Stelle seines Herzens war eine schwarze Leere. Es war ihm, als- müßte er, mitten unter dem Getriebe der Men- schün und der Wagen, den Kopf an einen Latcrnenpfahl legen und weinen.
Er besuchte seine alte Mutter, die iu der Admiraütäts- ftraße wohnte, doch es hielt ihn nicht lange in der Keinen Stube. Emu quälende Unruhe trieb ihn wieder auf die Straße und er 'rrte umher, immer mit dem bedrückenden Gefühl, als suchte er etwas nnd wüßte nicht was. . ^
Mrs dem Jüngfernstieg tras er euren alten Bekannten, der ihn fröhlich begrüßte und ihn mit in eine Wirtschaft nehmen wollte. SÄ sprachen eine Weile miteinander und als der. Freund, dem die ungewöhnliche Blässe und die innere Zerfahrenheit des Steuer- manns und der schwermütige Glanz seiner Augen auffiel, m schrocken fragte, erhielt er die unsichere Antwort: „Ich werß nicht, was' es ist . . . ich bin traurig und weiß nicht weshalb . . , es muß eine Krankheit in mir sein!" .
Sie trennten sich nnd der Steuermann ging seiner Wege. Er kam gegen abend, ohne zu wissen wie, in einfe dunkle Gasse der Hafengegend, die er nie zuvor betreten hatte und die er taumelnd durchschritt. Vor einem Hause blieb er stehen, den Blick auf einen Trauerflor geheftet, der in der Tür, hing, im Lichte einer Straßenlaterne matt glänzte und im Winde wehte.
1 Der Steuermann verharrte eine Weile in seltsamer Beklommenheit vor dem Hause. Dann zog ihn ein unwiderstehlicher T..ang; ltnb eine hilflose Angst in den Flur und die Treppe hinaus, ^m ersten Stockwerk schritt er durch einen schmalen Gang, der durch eure flackernde Gasflamme schwach erhellt war. Ein Geruch von welkenden Blumen und von Totenkränzen erfüllte schwer und süß die dumpfe Luft. ^
Mit einem Male blickte er in ein Zimmer hlnem,,in dem unter Lorbeerbüschen ein Sarg ausgebahrt war. Darin lag in einem weihen Kleid, matt überweht von schwankenden Kerzenlichtern, weiße Rosen in den schmalen, ^gefalteten Händen, «ein totes Mädchen vvn ergreifender Schönheit, lieber der weißen, reinen Stirn lag lockeres, helles Haar wie eine Krönet in der die Kerzenslammen


