Ausgabe 
23.2.1918
 
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sich im Zustand einer nervösen Ueberveizung eines Ver­brechens bezichtigt hat, das er sich nur einbildet."

Lucie war käseweiß geworden. Das Taschentuch, das sie gegen den Mund preßte, zitterte.

Der Untersuchungsrichter hob überrascht den Kopf. Wie?'" fragte er gedehnt.

Behrens grisf in die Rocktasche. Gr zerriß einen Brief­umschlag und entnahm ihm ein Papier, das er denrl Be­amten überreichte.Haben Sie die Güte, dieses Dokument zu Prüfer:. Es erweist die Schuldlosigkeit Reisners."

Der Untersuchungsrichter entfaltete das Papier und sah es durch. Das dauerte ziemlich lange. Endlich sah er auf. Er betrachtete Lucie, die leise vor sich hin weinte.Die Sache ist rnir rätselhaft," sagte er dann.

' Behrens zuckte mit derr Schultern.Sie ist jedenfalls so, daß Reisner die Schuld, deren er sich bezichtigt, nicht be­weisen kann. Er besitzt das. Dokument gar nicht, das er gefälscht haben will."

Er sagt aus, daß Sie es besitzen.," erklärte der Unter­suchungsrichter.

Ja, ich habe es besessen."

Sie ha?"

Ich habe es vernichtet," erklärte Behrens.

Erlauben Sie: wieso?"

Es beliebte.mir so," erklärte Behrens kalt.

Und Sie behaupten, daß die Unterschrift der Frau von Marisch echt war'?"

Sie war es in einen: gewissen Sinn. Wie aus der von mir beigebrachten, amtlich beglaubigten Erklärung der Frau von Marisch hervorgeht, durste Reisner glauben, daß er irr einen: dringender: Fall das Recht hatte, die Unterschrift für Fran von Marisch zu leisten. Er hat des öfteren vonähn- Uchen Rechter: Gebrauch gemacht. Es entsprach dieses einer Gepflogenheit, die sich zwischen den beiden im Lanfe der Jahre herausgebildet hatte. Es war nicht das erste Geschäft, das sie gemeinsam machte::. Es war nur das unglücklichste. Daher die nervöse Neberreizung Reisners."

Der Untersuchungsrichter spielte nachdenklich rnit einem Bleistift.Reisner behauptet, daß Sie der Geschädigte seien," sagte er nach einer Weile.Ich Mächte Sie fragen., woher es kommt, daß Sie sich seiner so lebhaft an- nehmen?"

Behrens lächelte.Lebhaft? Das kann man wohl nicht gut sagen."

Run: doch annehmen..."

Warurn?" Behrens hielt den Beaiuten eine Weile n:it seinen: Blick fest, drang in sein Innerstes ein, ließ sich dort nieder und war nicht mehr daraus Au vertreiben.Warurn, Herr Untersuchurrgsrichter? Dafür gibt es einen einfachen Grund: den der Menschlich-keit... Würde:: Sie jemandem, von denr Sie wissen, daß er krank ist, die Hilfe versagen?"

Der Untersuchungsrichter schwieg. Er stützte den Kopf mit beider: Händen und dachte nach. Es war klar, daß er Behrens durchschaute. Aber nicht minder klar rvar, daß der Fall nicht so schwer lag, wie es anfangs der: Anschein gehabt hatte. Welcher Entschluß würde er sasserr?

Lrrcie zerrte ar: ihrem Taschentuch Jeder Nerv zitterte in ihr. Welche Stunde! Und plötzlich schrak sie auf, denn der Untersuchungsrichter hatte auf den Knopf einer elektri­scher: Glocke gedrückt. Das Signal durchschnitt schrill das Ztnttuer nebenan.

Führen Sie den Uutersuchungsgefangener: Reisner vor," sagte der Beamte zu dem eintretenden Diener.

Lucie klopfte das Herz. Sie sah zu Behrens hinübler, als suche sie Bei diesem Hilfe. Doch! Behrens bemerkte sie nicht. Er hatte den Kopf gesenkt und schien in Nachdenken versunken.

Bange Minuten verstrichen. Lucie seufzte und betupfte immer wieder ihre Stirn Der Untersuchungsrichter musterte sie verstohlen. Sie empfand sein Interesse wie eirr indiskretes Betasten.

Endlich^ ging die Tür auf. Bon einem Beamten ge­leitet, erschien Reisner. Er sah verfallen aus, seine Lippen Ware;: schmal und blaß, seine Augen hatten keinen Glanz. Lucü: schron es, als seien seine Haare, seitdem, sie ihn nicht mehr gesehen hatte, weiß geworden.

Sie stand auf Und ging ihm zögerrid entgegen:Her­mann."'

Erst jetzt bemerkte er sie Er erschrak. Und als sie ihn umfaßte Uno den Kopf an seine Brust drückte, spürte er ein

Wanken in seinen Knien und mußte, ivn nicht M fallen, nach der Lehne eines Stuhles greisen.

Herr Reisner, bitte, setzen Sie sich," sagte der Unter­suchungsrichter freundlich.Ich Mächte Sie in Ihrer Sache befragen."

Reisner gehorchte mechanisch. Er sah zu Boden. Noch immer spürte er die bebende Schwäche in den Knien.

Herr Reisner, hören Sie mich an," wandte sich der Untersuchungsrichter an ihn.Bleiben Sie dabei, jene Bürg­schaftserklärung mit dem Namen der Fvar: von Marisch unterschrieben zu haben?"

Reisner starrte ausdruckslos vor sich hin. Er hatte Mühe, der: Ginn der Finge zu erfassen. Wie kam man überhaupt dazu, ihr: nochmals zu fragen? Seine Augen wunderten durch; den Nauru, als suchten sie die Lösung dieses Rätsels. Und plötzlich trafen sie niit oerreu des Behrens zusammen.

Tie beiden sahen sich eine Weile stumm an. Es waren kaurrr drei Sekunden Und es schien doch! eine Ewigkeit. Reis­ner wußte mit einem Mal Bescheid. Ein heftiges Zittern befiel ihn, und sein Kopf fiel nach! vorn.

Der Untersuchungsrichter wiederholte seine Frage in scharfen: Ton.

Reisner nickte matt.Ja," sagte er mechanisch.

Lucie bekam einen Weinkrampf.

Ich bitte um Ruhe," verwies sie der Untersuchungs­richter. Und sich ar: Reisner wendend, führ er fort:Gut, Sie geben das zu... Jetzt möchte ich Sie noch fragen: glaubten Sie irgendein Recht zu habe::, das zu tun'?"

Reisner horchte auf. Ein Recht? Warum fragte man ihn das? Und ganz jäh stieg ein blutroter Zorn in ihm hoch Derselbe, der ihn geschüttelt hatte, als die Frau, die sich , jahrelang ar: ihn gehängt hatte, plötzlich zur Verräterin an ihn: geworden war.

Er wollte sprechen, tz'och die Stinmre versagte ihm. Er machte eine erbitterte Geste.Ja!" stieß er hervor.

Welches Recht glaubten Sie zu haben?" fragte der Untersuchungsrichter ruhig.

Reisner fuchtelte wild mit den ArmemManche Rech- te," schrie er heiser,ja, manche Rechte. . ." Aber mit einem Mal fiel ihm ein, daß seine Frau zugegen war, urrd er wurde tiefrot ur:d verschluckte den Rest seiner Worte.

Und würden Sie jenes Dokunient nicht unterschrieben haben, werrrr Sie diese vermeintlicher: Rechte nicht besessen hätten?"

Reisner wurde wieder von dem dunklen Zorr: gepackt. Nein," rief er heftig aus,nein!"

Ein bleiernes Schweigen hing über dem Zimmer. Beh­rens hatte sich nicht mehr gerührt. Lucie saß rnit geschloffe­nen Augen fjafB abwesend auf ihrem Stuhl

Der Untersuchungsrichter stand plötzlich auf. Er schellte nach dem Schriftführer.Gut, wir wollen protokolliere::."

Er diktierte die Aussagen des Behrens und den Inhalt der Erklärung der Frau von Marisch, die den Akten einver­leibt wurde. Reisner hörte zu uno alles erschien ihn: wie ein Traum.

Ich bitte zu unterschreiben," wandte sich der Unter­suchungsrichter an Behrens.

Das zweite Protokoll enthielt die Ar^sagen Reisners, der gleichfalls unterschrieb.

Ihr Fall ist noch Keineswegs klar oder erledigt," sagte der Untersuchungsrichter zu ihm.Jbr Geständnis, daß Sie das Dokument mit dem Namen oer Fra>u von Marisch unterschrieben Haben, bleibt bestehe::. Ob Ihre Unterschrift Ar: Recht erfolgt ist, das wird erst die Einver­nahme der Frau von Marisch erweise::. Aber da sich nie­mand als geschädigt erklärt iutb da Sie, der Sie sich selbst bezichtigt haben, nutzt fluchtverdächtig sirrd, steht dem nichts im Wege, daß ich Sie aus der Unterfttchuaugshaft ent­lasse . . . Herr Schriftführer, protokollieren Sie: Da gegen den Beschuldigten ein Fluchtverdacht nicht vorliegt und da die Untersuchung außerdem Mornente ergeben hat, die die Tat des Beschuldigten in entern milderen Licht erscheinen lasser:, wurde die über ihr: verhängte UirtersuchungShaft wieder aufgehoben."

Tis Amtsmiene des Beamten milderte sich ein wenig.

Er rnachte Reisner ein Zeicher:.Sie können gehen. Sie sind frei."

Wie?" fragte Reisner abwesend.

Da spürte er Lueies Hand aus seiner Schultert

Konrm," sagte Lucie leise,komm. .