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21 . Kapitel.
Schon an der Tür, wandte sich Herr Friedrich Saal» Vurg noch einmal um und zögerte.
Der gepflegte Backenbart, der soviel Würde ausstrahlte, als ein Bantdirektor -nur haben konnte, täuschte nicht darüber hinweg, daß auch Menschen, die ihr Leben lang alle Gelegenheiten, die sich bieten, wahrgenommen hatten, e i n.c Gelegenheit doch verpassen konnten: die des Mannes im besten Alter.
Sein Alter war kein bestes mehr, es war nur noch ein gutes. Diese Fiktion ausrecht zu erhalten, genügte noch der sorgfältig gepflegte Bart. Doch nicht lange mehr, denn auch er würde dünn werden und sich nur noch mit -Hilfe von Farbe behaupten können.
Alles dies erfaßte Herr Friedrich Saalbürg in dem Bruchteil einer Minute. Und tvie um ein Letztes zu tun, um dem Heiratsantrag, den er soeben gemacht hatte, einen Rahmen 3,1t geben, der ihn schön einschloß und seine Wirkung kräftigte,'ging er mit drei umpul'siven Schritten noch einmal aus Iran von Marisch zu, nahm ihre Hand noch einmal, um sie ein Letztes Mal zu küssen. „Bitte, bitte," sagte er und war fast leidenschaftlich, „überlegen Sie sich meine Worte gut?"
Damit ging er. Und er gab dem Mädchen draußen ctit direktorliches Trinkgeld und stieg, jeder Zoll ein Manu von Maß und Kühle, in das Auto, das ihn erwartete und das in seiner wuchtigen Vornehmheit so ganz der Grüße der Bank entsprach, der es gehörte.
Frau von Marisch war nachdenklich und trat vor den Spiegel, um sich zu betrachten.
Es war kein Zweifel darüber möglich, daß sie nach wie vor die schöne Frau war, die zu sein ihr Glück ausgemacht batte. Nur ansgemacht hatte? Nein, es tat ihr noch immer wohl, zu sehen, daß man sie noch für dreißig halten konnte, >vv sie doch! in Wirklichkeit schon fast vierzig war.
Nur die Falten an den Augenwinkeln mißfielen ihr ernstlich. Doch bereiteten auch sie ihr keinen Schmerz mehr. Ja, noch stand sie in ihrem besten Alter, wenn sie sich auch, anschickte, tapfer in das gute hinnberznschreiten. Sie war nicht mehr elastisch genug, den Stürmen des Frühlings zu. trotzen, sie sehnte sich nach denk Sommer, um in dessen, behaglicher Ruhe den satten Herbst zu erwarten.
Voll süßer Melancholie dachte sie an ihr Leven. Sie durfte zufrieden fern, denn es gab wenig, das ihr gefehlt hatte. Als juiiges Mädchen hatte sie zuweilen davon ge- träumt, über blaue Berge hinzu säe gen. Ein solcher Flug war ihr Leben gewesen. Ein sanftes Hingleiten über die Dinge, die sie mit Interesse betrachtete und von denen sie, was ihr gerade gefiel, kostete, sich an keinem übernehmend, sich an nichts bindend.
- (Fortsetzung folgt.)
Adam Lux.
Bon Pa ul Bour feind. (NackHrnck verboten.)
Ihm war tvie im Traume. — Paris die Stadt des Taumels Utw de- Schreckens: - ihm war wie mein Kinde, das sich verirrt hat, und das sich wundert, bevor es zu weinen beginnt.
Seine blauen Angen staunten irr die wette Flucht der Ltraßen uud Plätze hinaus — in® suchten die enge Traulichkeit und die Schatte« des winkligen Mainz, — seiner Baterstadt.
Wenn er heiß vom raschen Gang am Semenfer stano, strich er die blonden Locken aus der Sfirn: — Paris war so anders als die enge Heimat — weiter, blutiger.
War die Freiheit so blutig? Und ern lenser Lchrecken liefe ihn erzittern —- . , v . , , .. ,
Er ging über beit Place de la Goncorde, sah dre Gurllotme hochaufgerichtet, den Galgen der Freiheit, — sah die Menge des Kolkes/ Weiber, Männer und Kinder ihn umwogen, — lauschte dem Wirbel der Tvvmmckl ,nnd schrak OlsamM« bet dem Heuten der Menge, — und dachte, daß, seine Baterstadt ihn gesandt hatte an den Herd der Freiheit —; aber das alles war ihm nicht Wirklichkeit, es toar ein Traum: Tie .Henkerfreude der Menge, der Anblick der Schinderkarren ans der Rne Li. Honorö
ein Traum ^ eiu g^ rei in MMichkeit; — Paris
erschrak: Marat ist tot, — ermordet! — Ein Weib hat ihn getötet: Charlotte Corday! I n allen .Gassen und-.Straßen, brach sich- das Echo tnck ließ Paris erschauern. Der Pöbel raste, —- die Wieiber ans der Vorstadt St. Antoine schrien und wüteten: Rache für Marat! lieber den Giebeln schwebte, das Wort wie ein dunkler Bo geh die Bürger erbleichten und fftterlm. In Mer Mvcke Rang es, als Marat zu
Grabe getragen ward, — die PrieWr sangen das eine Wort und dir Chöre weißgekleideter Jmngsranen: Räche für M'arat!
Und die Nacht, da er begraben ward im Hose des Clubs der Cordeliers, war eine Nacht des, GranZkckts. Die Bürger harten die .Häuser geschlossen, Feuer und Licht waren gelöscht, der Herzschlag' der Stadt stand still, die Giebel horchten, es Horchern die Kuppeln, und Zinnen und reckten sich aus dunklcku Schatten in die, blaue! Nacht; doch nur der Wind lvar chach und im ernsten Schritt dev Pariser Sektionen, im Flattern ihrer Banner lebte der Wunsch Tausender und ward l-ebsn-dig jim Ton, der sein dustklen Flügel über die bange Stadt schwang: Rache! Rache!-Aham Lux wundert« sich; er konnte Marat, den MwsW stur Gasse, nicht lieben. Marat, der .Henker, — was lhat die Freiheit mit dem .Henker gemein'? Freiheit will Leben. jAh-ant Kux mar erwacht, und er erschrak, — man hatte ihn an den Herd der «Freiheit geschickt, — und er war zur Mahlzeit einer Bestie gekommen. Tausend Köpfe hatte dies« Bestie, tausend Leiber; — sie umbrüllje die Schinderkarren auf der Rne St. Horrors, sie umdrängte die Guillotine mit gierigen Augen. Ihr Schrei war Vernichtung, ihr WemstBlnt. >— Um die Schranken des Revolutionstribunäls hockte das Ungcheuer -C uM gierigen, Nutzen, neugierbang, und hatte die Gestalt von Menschen, Männern und Frauen. Ein 'Mürmeln ging durch,hie Menge, ein Köpsewenden und .Hälserecken, auf fahlem, umgerckm Gesichte eilt spöttifcheSj Lächeln, ein rundes, rotes Antlitz, in-unzähligen Falten zu breitem! Lachen verzogen; — ernste-, sorslcbeude Augen, listige, versteckte Blicke, Grauköpfe, glatt rasiert, schwarze Spitzbärt« mit wvhlsristor^ ten Köpfen, und dazwischen das wirre Gelock kaum, mündiger Burschen — «und schon ergrauender Weiber,'— so verschieden alle mtfl doch' gleich tu einem stlüsjagbaren, — Bet jckem verschieden und doch das Gleiche: — Der Schrecken —.
Ganz nahe bei der Schranke stand- Adam Lux; — blerch, anders wie die andern, — der einzige Blonde. Eine Locke war ihnt in, die Stirn, gefallen, — hastig schob er sie mit der Hand aus dem Gesicht, Da laut Charlotte Corday und es ward- still im Saal; ;— sie saß nieder auf der Ajstklagebank, p>ei .Gendarmen, ihr zur Seite. — Dm Geschworenen kamen. 'Der Vorsitzende sprach, Charlotte Cordap antwortete, — abwechselnd Mgt-en einander Frage und Antwort. Adant Lux starrte hin; Charlotte Corday war schön, und Charlotte ist mutig; auch die Freiheit ist mutig, und Charlotte ist die Freiheit und Marat der Tyrann; — sein Ohr liebkoste jedes ihrer Worte, die so weich klangen >uind so mutig waren —; sein Blick streichelte den schönen Nacken, küßte die zarten Hiäjnde, die den Dolch geführt hatten, spiel teil zärtlich mit dem Gelock der schwarzen Haare.
Und so, blieb es, bis der Präsident das Todesurteil oerkündetv — Adam Lux war wie erstarrt, dann machte er eine Bewegung, als wollte er sich vorwärts über die hemmende Schranke zu Charlott- Corday stürzen;'— schon hatte er den Körper halb erhoben, — da deine rite Charlotte ihn, ch c Bleck traf den seinerr, und ein Lächeln spielte um ihren schönen -Mund —; dann ward sie von dem Gendarmen hinausgeführt. Main Lux wurde von der Menge, die den Saal verließ., mitgertssen. Wie ein Trunkener stand er am Tore, er wußte, er liebte Charlotte Cordchch —- und sie hatte ihm gedankt. Aber er wußte auch, «daß diese Liebe nur diese wenigen Stunden g«- dauert hatte, und daß. der Tod sie trennte; -77 nein, nicht der Tod, der Schrecken, — das Ungeheuer in tausend.Gestalten, Parts, (fc Revolution. Und er suchte sich das Bild- Charlottens vorzustellen, doch es zerratm, nichts war greifbar, — und doch hatten seine Blicke ihren Nacken geliebkost, ihre Wangen gestreichelt, ihre Hände geküßt, und nun aus, — aus, — aus!
Seine Kehle war wie zugeschnürt, — fein Gesuht war bleicher noch als sonst; er lehnte an der Wand des Gebäudes und Tranen! standen in seinen Mugen. Ein alter .Mann kanr vorüber: Ist. euch nickt wohl, Bürger? fragte er wohlwollend. — Ajbanr Lux nahm all« Kraft zusammen: „Doch, mir ist wohl!" Und er ging wankend an dem Alten vorüber, ohne ihn anziusehen - . -
In der Rne St. Honorö stand er und wartete; —- ein Gewütet ging nieder, — schwarz war der Fimmel und der Regen peitschte tu dicken Tropfen die Erde —. „, „ .
Ta kam der Schinderkarren, auf ihm,Charlotte Corday, — etfte heulende Menge von Weibern umgab den Karren.
Aus dem kurzgeschmttenen .Haar der .Verurteilten tropfte der Regen, und das nasse, rote Totenhemd hatte sich eng um die zarten Brüste geschmiegt und ließhsc! schlanAr,jugendlichen. Hüften hervor- treten. Sie sah Avant, Lux, —wiche mit dem Kopse und.lächerten und Adant Lux folgte dem Zuge, sein Auge hing an. ihrem Antlitz.--; mehr und mehr schwoll die Mchrgemr, ein Meer von wimmelnden Köpfen. Es hörte auf zu regnen, nur in der Ferne noch grollte der Donner. Als der Zug ans dcmi.Ptace de la Concord« anlangte, (chien! die Sonne bell am das blaNle.Wkssiktr der Guillotine —; die Mettgy raste, lautes Schreien füllte die Lust, jubelnder Blutdurst — räcWtz heischendes Jauchzen —. t
Hoch ausgerichtet stand Charlotte Corday aus dem Vchasvtt, umbrandet vom Geheul der Menge, noch einmal schenkte thr dick Sonne Licht und Wärme und ließ des Goldes reiche Fülle auf tyren dunklen Scheitel nieder rieseln; —.da riß der Henker chr das weiße Fickn vom Halse, und willig beugte sie. dem Micher ihren Nacken. Eilt dumpfer Schlag, — im Korbe lag Charlottens Haupt: und dev Henker faßte an den Haareu.dasBluLen.de Haupt, hob es hoch empor, daß das Volk es sähe. Laut auf jubelte das Volk; — und mit der Rechten führte der Henür einen Schlag anr ihre Mange, — es wurde
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