Ausgabe 
30.1.1918
 
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Elte Schnur war quer über die Ecke gezogen, auf dev Wäschestücke zum Trocknen hingen. Es roch seucht.

' .'Ich war ein Geschäftsfreund Ihres verstorbenen Man­nes/' sagte Behrens,ich möchte Sie sprechen/

Die magere Frau zögerte, zu antworten, «re legte eitriges Nähzeug beiseite, «an der,! fte gearbeitet hatte.

Schämte sie sich? ' , r .

Behrens »kasperte sich.Es geht Ihnen nicht zum

Besten, Frau Gutzeit?" , ' ....

Sie schob den Stuhl, aus dem fte gesessen hatte, naher zu ihm heran, was für ihn eine Aufforderung war, sich zu setzen. Er tat es, obgleich sie nmr selbst stehen mußte. E!r. wollte sie nicht beschämen. . u .1

Er tornkte sie jetzt sehen. Sie schreit schwurdsuchtig. ^hre Augen flackerten tute zwei unruhige Lichter. Und sie ve- wegte auf verlegene Art ihre Hände, als wußte sie nicht, was sie niit ihnen ansangen solle. . . u

Ja, es geht einem manchmal dreckig, sagte Behrens derb! mit einem Auslug von Schadenfreude -in.der Stimme. ,Zunr Beispiel ich! Ihr Mann hat mich Gott , wie lange ist es her? Zwölf, dreizehn Jahre!ja, er hat Mich damals nicht sanft angepackt!" , \ r ,.

Er redete, redete immerzu. Er redete Mit emer Ervitte- rmrg, die sich langsam wandelte ^aus der eine Gutmütigkeit wurde, die es liebte, zu poltern.

Ja, es war ihm eine Zeitlang schlecht gegangen, mrse- rabel, hundsmiserabel, nicht besser wie jetzt ihr, die ja nicht aus Rosen gebettet scheine, nein, noch viel schlechter, . . . viel, viel schlechter. Sie dürfe es ihm glauoen!

Nicht zum wenigsten sei er durch die Brutalität zn- tgrunde gegangen, mit der Gutzeit- Gott habe ihn selig, er trage ihm nichts nach, denn nach dem Tode sei Ruhe! seine Forderungen gegen ihil emgetrieben gäbe!

.hatte Gutzeit das nötig? Und hatte er etwas davon? ..Nein!" rief Behrens aits und lachte. ,

Er habe doch nicht bezahlen können, niemandem, keinen Pfennig! Und bei Nacht und Nebel sei er verschwunden. Ausaewandert sei er, weit fort, es tue nichts zur Sache, wohin, denn alles Alte sei begraben und vergessen.

Nun gehe es ihm wieder gilt, unberufen! Er habe ein Geschäft, eine Holzhandlung, er wolle nicht sagen, wo, wen ginge das auch etwas an?

Immerhin und er räusperte sich hier selbstgefällig - sei er ehrlich genug, seine alten Schulden zu bezahlen, blicht auf einmal, das könne er nicht. Dafür nach und nach, in monatlichen Raten . . .

Es sei ihm sauer genug geworden, Frau Gutzeit ans- findig zu machen?. Er frage sie nun, ob sie damit einver­standen sei, wenn er feitte Schuld die freilich 1 Aon ver­jährt lei - durch monatliche Abzahlung voii je hilndertfnnf- ztg Mark, allmählich! er habe es nun einmal nicht dazu, sie jaus einmal zu bezahlet!! tilge?

He?" fuhr er Frau Gntzett an.

Sie schwieg.

Sie schwieg. _ ... ,, ,,

Da wurde er grob.Wenn Sie Nicht wollen, ^ ich meine, wenn Sie nicht zusrieden damit sitid, daß ich über­haupt überhaupt etwas bezahle, dann-also,

ich frage Sie noch einmal: nehmen Sie an ?"

Da löste sich die magere Frau voir der Wand, an der sie stand, los und glitt, als trüget! sie ihre Beine nicht mehr, ans das Bett hin. Sie stützte deti Kops tu die Arme. Aber sie schwieg noch immer. ^ . ,

^Wollen Sie?" fragte Behrens iioch einmal.

Ich weiß nicht," sagte sie mit erloschener Stimme,

..Sie reden von einer Schuld'?"

Es sind sechstausend Mark," sagte Behrens trocken, in den Büchern Ihres Mannes muß es zu finden sein " Ich weiß nicht," flüsterte sie,mir kommt alles so überraschend . . . ., machen Sie keinen Scherz?

Erlauben Sie?!" rief er drohend aus.

Verzeihen Sie," sagte sie mühsam,dann wird es

schon stimmen. . . .. . ,

Er wurde zugänglicher.Frau Gutzeit, riet er ich, man soll immer nehmen, was inan kriegt, und. wenn e^s noch so wenig ist . . . Wissen Sie, es wird Mir Nicht leicht, alle Monat die hundertundsünszig Mark zu bezahlen, aber. Also noch einmal: tvollen Sie oder tvollen Srb ntchl?

Ja," sagte sie matt. .

Er schien beglückt, fast atmete er ans, wre nach einem

guten Geschäft, das er gemacht hatte.Dann haben Sie die Güte, dies da zu unterschreiben!"

Ich habe keine Tinte ..."

Er lachte.Nun, dann unterschreiben Sie mit diesem Bleistift... So, ich danke! .... Und da sind die erst«! hnndertsünfzig Mark! . . . . Stimmt es? Ja? ... Ich! danke!"

Er stellte sich breitspurig vor sie hin und klopfte ihr auf die Schulter.Und nicht bange machen, lassen, gute Frau! " sa geht immer wieder, denken Sie an mich!"

Sie hörte es, lvie er die Treppe hinunterging, lauschte mit angehaltenem Atem, hatte eine namenlose Angsti und stürzte plötzlich amf den Tisch zu und griff verzweifelt nach dem Gelbe ... , ,

Es goß. Behrens sprang tu eine Elektrische, dte vor- überfuhr und die schon bis auf den letzten Platz besetzt war. Zwischen schwitzende Leiber gepreßt, stand er eine Viertes stunde. Dann sprang er ab. Er tat es ungeschickt und hörte das Lachen einiger Leute hinter sich.

Im Cafe Fürstenhof oben trank er eine 'Tasse Tee und zerbröckelte dazu ein Stiick Kuchen. Er tvar müde Und sehnte sich nach der Ruhe seines Zimmers. .

Aber düs überlaute Leben auf der Straße grinste ihn noch einmal an. Diskret lispelnde Händler traten ihm m den Weg und boten ihm pikante Blätter am Andere, riefen die Abendzeitungen aus. .

Sie schrien sich heiser. Immer gab es ein Ereignis, das man in dem fiebernden Lärm zu einer Sensation aus-' zubauschen verstand und das sich, in irgendeinem stillen Winkel gelesen? als ein Nichts entpuppte.

Skandale wälzten sich daher und verlangten Gehör für ztvei Sekunden, Unterschlagungen machten sich breit, Bank- direktoren entleibten sich durch hallende Revolverschüsse, und irgendwo auf fremden Meeren ertranken zweitausend

Menschen. .

Alles das tanzte bildhaft durcheinander, von tutenden Chauffeuren beiseite gedrängt, die es verachteten. Auch die Schutzleute waren gleichgültig. Sie dämmten die dräuende Flut mit einen! Aufheben des Armes.

Oben in seinem Zimmer angekommen, tvarf sich Beh­rens ans einen Stuhl, kreuzte die Arme überm Tisch und legte beu schmerzenden Kopf darauf.

Eine tiefe Traurigkeit war in ihm. Ist wicht altes ver­geblich? dachte er. Und tvar es nicht besser, ivenn er sich in -ein fernes Dorf verkroch und mit gieret! lebte uuö mit den Blumen? Er war plötzlich ntutlos.

Da klopfte es. Er hob den Kops. Frau Piesecke zwängte sich durch die Tür, die sie Nur zu einem etlgen Spalt geöffnet hatte, als stehe es ihr nicht zu, einen größeren und bequemeren Raum zu beanspruchen.

Ihre Feindseligkeit tvar gleichsätn durch eine erlittene Niederlage gebrochen. Sie blickte angstvoll drein, wie ein Hund, den inan geprügelt und der keine Zuflucht hatte. Sie öffnete, den Mund mit den verfaulten Zähnen, brachte aber zunächst kein Wort hervor.

Endlich stotterte sie, und ihre Stitnme war ganz heiser, ie entsetzt über sich selbst:Ich ächte, ich möchte Sie , fragen, ob ob Sie mir eine Mark . . . borgen tvollen, - nur eine Mark!" . _ , ,

Wozu?" fragte er rauh, und diese Frage saß ebenso wie die Bitte der Frau. Piesecke wie ein Pfahl in seinen» brennenden Fleische.

Ich, ^ ich möchte nur . . . etwas essen. . ."

Haben Sie noch nichts gegessen?" fragte er.

Ihre Worte flatterten wie zerfetztes schwarzes Papier vor ihm nieder, sich tviegend, dann sterbend:Heute noch nicht," sagte sie. ,

Er wartete eine Weile, sann nach, trat dann auf fie zu und nahm ihre Hand.

Sie tvar kraftlos ttnd halte vertrocknete Runzeln.

Er atmete mühsavi und ließ sie fahren.Da da. . haben Sie eine Mark!" sagte er schttell.

Sie chörte es nicht mehr, wie er auf das Bett hinstürzte und einen verzweifelten Laut in den Kissen erstickte. . ..

Sie rannte in dne Küche, ztltt. Fettster hin, und betrach­tete das erhaltene Geldstück.

Ihre Augen funkelten gierig.

Es war ein Zwanzigmarkstück.

Er hat sich vergriffen, dachte sie schadenfroh und lachte hämisch in sich hinein ....