Ausgabe 
30.1.1918
 
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Roman von Hermann Wagner^

(Fortsetzung.)

Sie ist eine Frau/' sagte Mannheimer mit Sarkas­mus,und sie wird sich deshalb nicht weigern."

Aber die Unterschrift könnte auch falsch sein," fuhr Behrens trocken fort,werden Sie sie genau prüfen?"

Mannheimer sprang überrascht auf. Er war auf das höchste überrascht. Die Sache nahm eine Wendung, an die er nicht im blässesten Traun: gedacht hatte.Wie?" rief er aus.

Werden Sie sie genau prüfen?" wiederholte Behrens gleichmütig seine Frage.

Mannheimer war blaß.Selbstverständlich," sagte er und machte den vergeblicher: Versuch, seine Erregung zu ver­bergen.

Das sollen Sie"uicht hu:/' meinte Behrens freundlich, neirr, gerade das nicht. . . und ich bin hier, Sie darum zu ersuchen."

Der andere starrte ihn entgeistert an.Nicht ?! Und mein Geld, soll ich es verlieren ?!"

Behrens schüttelte den Kopf und lächelte nun seinerseits spöttisch.Durchaus nicht, das rmite ich Ihnen nicht zu. Ich bin bereit, Ihnen die falsche Unterschrift, wenn sie er­folgt, abzukausen."

Mannheimer ordnete, um sich zu beschäftigen, die Pa­piere aus seinen; Schreibtisch. Er wollte einige Minuten Zeit gewinnen. Er schämte sich denn er sah, daß er sich hatte ülierruinpeln lassen. Zinn Teufel, jener.war nicht nur in die Pläne anderer eingeweiht, nein, er hatte auch seine eigenen Pläne, die er verbarg.

Endlich hatte er sich gefaßt.Sie würden mir die ge­fälschte Unterschrift abkaufen, für den vollen Betrag?"

Ja."

Warum?" fragte Mannheimer und meisterte nun nicht ftmger sein grenzenloses Staunen.

Behrens sah ihn lange kühl an, in einer Weise, die den Wucherer zwang, nachzudenken. Und langsam und mit Be­tonung sagte er dann:Ichbrauchesie!"

Sie brau-?"

Ja," nickte Behrens energisch,sie ist mir erwünscht."

Da begriff jener endlich. Die Einsicht kam ihm mit solcher Jähheit, daß er in die Höhe fuhr und den anderen sprachlos ansah, als habe er ein Wunder vor sich.Und das," stammelte er,das wollen Sie sich . . . anderthalb Millionen kosten lassen?"

Ja," sagte Behrens in geschäftsmäßigen: Don und holte ein Papier ans der Rocktasche, das alle für den Fall nötigen Erklärungen durch Unterschrift bindend machte. Wird Ihnen das genügen?"

Mannheimer nahm das Papier an sich und begab sich fatmit zum Fenster, um es zu lesen. Es zittsLte ein wenig

in seiner Hand. Er zögerte eine Weile, als überlege er, doch es war das alles mit Spiel. Dann kehrte er an den Tisch zurück und erklärte:Es genügt mir."

Und anerkennen Sie alle Folgerungen, die aus meiner Erklärung hervorgehen?"

Ja."

Dann, bitte, unterschreibe:: Sie dies Duplikat," und Behrens reichte Mannheimer das Duplikat hin.

Der unterschrieb es.

Behrens lächelte.Gut, und nun wollen wir warten, denn vielleicht nicht wahr? gelingt auch jene große Sache

Es war Mittag, und Behrens stieg zu Aschinger in den ersten Stock hinauf, wo er an einem der ungedeckten Tische zwischen einem Ladenmädchen und einem Angestellten mit schmutzigem .Kragen und schwarzen Fingerirägeln einen Platz bekam.

Fiir sechzig Pfennige gab es ein Mittagessen, zu dern man Brot in beliebiger Menge essen durfte. Behrens staunte, wieviel Brötchen sowohl das junge Mädchen wie der Mann mit dem schmutzigen Kragen vertragen konnten. Ihre Magen schienen eine Grube ohne Grund, die alles ver­schlang und doch nie voll wurde.

Es regnete. Behrens ging auf eine Droschke zu, und der Kutscher, der ihn kommen sah, nahm die Decke von seinem Pferd und sagte:Nn, Männeken, wohin?", und er war gar nicht erstaunt, daß er nach dem Norden hinaus fahren mußte, die Elsässer Straße weit hinauf.

Auch hier toaren die Häuser trübe und düster, aber es fehlte ihnen das Schweigen, das Behrens so liebte. Allen Geräuschen haftete etwas Krächzendes an, dem Husten ähn­lich., der alte schwindsüchtige Männer schüttelt, nur daß es ein Husten von vielen w-ar, trostlos und niederdrückend und doch voll kalten Gleichmuts.

Er arbeitete sich durch üble Dünste hindurch, in ein Hinterhaus, das Neigung zeigte, einznfallen, ohne auch nur dazu die Kraft zu finden. Er stieg vier Treppen hoch uni^ mußte aus jedem Absatz über verwahrloste Kinder steigen, die ihn nicht ansahen und die auch keinen Lärm machten, als fühlten sie, frühzeitig Erwachsene, schon jetzt die Nutzlosigkeit alles Redens.

Er klopfte an eine Tür, und eine dünne Stimme rief: Herein!"

Das Zimmer war düster. Aus dern Hintergrund, den das Fenster bildete, löste sich eine Frauen gestalt los, schlank, mager, mit einem Gesicht, das nicht zu erkennen war.

Düs dünne, erloschene Stinrme fragte:Wer ist da?"

Bin ich hier recht bei Frau Gntzeit?" fragte Behrens.

Ja, was wünschen Sie!"

Behrens nahm das Zimmer, das zugleich die Küche war, in Augenschein. Allmählich gewöhnte:: jrch die Augen ar: die Düsterheit. Er sah ein Bett, einen Trsch, eine Näh­maschine, einen Schrank. In einer Ecke stand der Ose::.