Ausgabe 
23.1.1918
 
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knavp alles verzeichnet, was Sie wissen müssen. Alle Ihre

Mittel können sofort flüssig gemacht werden. Sie sind sehr reich "

Bitte, nennen Sie mir Zahlen," sagte Behrens.

Der Konsul sternmte die Knöchel lemer beiden Hände gegen die Tischplatte. Er sprach knapp und bewnr.Als Sie von hier fortgmgen, repräsentierten die Werte, dre Sw verlassen mußten, die Summe von ungefähr zwei Muttonen Mark. Durch Zinsen und Zinseszinsen, sowie durch drei Erb- schäften, die Ihnen inzwischen zugefallen sind, M Ihr ver­mögen Ihr Realöesitz ist iit die Summe Nicht ernbeg rissen auf mlgefähr sieben und eine halbe Million Mark an* gewachsen. Sie können über leben beliebigen Betrag sofort verfügen. Eine detaillierte Abrechnung bereite ich vor.

Ich danke Ihnen," sagte Behrens sehr ernst,ich bm

nun informiert." ,

Der Konsul griff nach der Zigarrenkiste aus seinem Schreibtisch .Rauchen Sie?" fragte er. .

Behrens verneinte.Ich habe Mir all das abgewohnt, das Rauchen, das Trinken, das Reden. Es sind dies Dinge, die das Leben nur verwirren." . * ,. ,

Ich bewundere Sie," wiederholte der Konsul.Sie sind der Mann, der sich selbst umergekriegt hat. Wer macht Ihnen

das nach?" .

Mancher," erwiderte Behrens,wenn er müßte. . . Auch ich habe es nicht freiwillig getan, wenigstens anr Anfänge nicht, nein. . ." . ^ _ . , ' ^

Was haben Sie vor?" fragte der Konsul.Geyen Sw außer Landes?"

Behrens schien verwundert.Warum?

Sie sind ein reicher, unabhängiger Mann, der sich gönnen darf, was ihm beliebt. Was hindert Sw, m die Fremde zu gehen?" tj _ r . ,

möchte Sie fragen, was mich hindert, hier zu

bleiben?"

Die Gesellschaft."

Es gibt keine Gesellschaft, es gibt nur Menschen. Der Weg Kn ihnen ist nicfjt schwer."

' Der Konsul seufzte.Sie ahnen es mcht, lieber Freund, toie schwer er ist." . ^ ^.

Behrens strich über seine dürftigen Beinkleider hin. Sie ahnen es nicht, wie leicht er ist und wie schwer es den Menschen bloß wird, dies zu erkennen." , ,

Der Konsul zog die Schultern hoch, wie einer, der Be­scheid weiß.Sie werden Enttäuschungen erleben."

Wir wollen es abwarten," sagte Behrens und erhob sich, imt sich zu verabschieden.

Er mutzte ein beträchtliches Stück Weges oh, er hatte ja Zeit! zu Fuß zurücklegen, ehe er zur Haltestelle der Elektrischen kam. Er fuhr bis Altona. Dort bestteg er. die Eisenbahn und fuhr bis zürn Bahnhof Dammtor. Auf dem Gänsemarkt gab es ein Bureau für Auskünfte. Das suchte «r a uf.

Ich bitte um die bestellte Auskunft über Hermann Reisner in Berlin."

Er erhielt sie, und sie war sehr erschöpfend. Es lvar keine rein geschäftliche Auskunft, fte betraf vielmehr und das in der Hauptsache auch das Privatleben Reisners. Sie füllte mehrere Seiterl.

Aus seinem Gcknge iu das Stadtinnere hatte er Dtuße, sie zu studieren. Ost karambolierte er mit Leuten, die ihm Flüche nachschickten.Esel!" hieß es, oder:Kannst du nicht anspassen, Olscher'.?" Er hörte eS, und es berührte ihn kaum. Er las weiter.

Auf einem 'Schild eines der großen Kontorhäuser las er:H. Reisner Nachfolger, Export. Hier 'trat er in den AnfzNg, der ihn in das dritte Stockroerk brachte, !vo er ail die Tür eines Kontors klopfte.Ich rnöchte den "Chef sprechen," sagte er freundlich.

Es war merkwürdig: alle Leute, wenn er sie freundlich ansprach, sahen ihn geringschätzig an und hatten eine höh- nerrde rrud grobe Antwort bereit, die ihnen aber unter bent Einfluß seiner Angen irn Halse stecken blieb, worauf sie er­röteter». Mid beschämt-höflich! wurden.

Lantenbach," sagte der Chef, nachdem sich Behrens vorgestellt hatte,Sigmund Lautenbach Womit kann ich Ihnen dienen?"

Das ist so Leicht riicht gesagt," antwortete Behrens, Sie gestatten doch, daß ich mich sche?"

Und er ivartete eine Einladung gar nicht erst ab. sondern setzte sich schüchtern nieder, auf die äußerste Kante

des Stuhles, wie einer, öer wohl loeiß, daß er eigentlich kein Recht hat, zu sitzen.

Mit langsauwn, gemächlichen Worten oh, er hatte soviel Zeit!, die sich bemühter», alles ins rechte Licht zu! setzen, erklärte er, weshalb er komme. Um etwas zu er­bitten, sei er da. Getoiß, Herr Lantenbach habe das Recht, ihn, ohne zu antworten, wieder sortznschicken, allein das! werde er getviß nicht tun, denn er, Behrens, bitte ja nur herzlich um eine Auskunft.

Sigmund Lautenbach wurde nicht rechet klug aus diesem Besuch, fand indessen, daß er harmlos sei, ungeschickt und fast rührend hilflos, und es stieg in ihm etwas wie ein blasses Wohlwollen für den fremden Mann auf.Bitte," sagte er gönnerhaft,belieben Sie zu reden."

Ich möchte," begann Behrens bedächtig,Sie bitten, daß Sie mir einiges über einen Mann erzählen, der mich sehr... interessiert."

Lantenbach starrte if>u mit offenem Mund an. Hatte er einen Irrsinnigen vor sich? Er bekam ein rvenig Furcht. Aber-" wandte er ein.

Behrens begütigte ihn mit einer sanften Bewegung seiner Hand.Ich weiß, ich tveiß," sagte er rasch,daß es merkwürdig, ja anmaßend von mir ist, wenn ich Sie, der Sie hier Geld verdienen wollen, mit Privatangelegen­heiten behellige, die Ihnen Ihre kostbare Zeit rauben müssen. Ja. Und dennoch: ich würde mich freuen, wenn ich es Ihnen verständlich machen könnte, daß es manchmal gut ist, ja notwendig, an Geld und Geschäfte nicht zu denken... Können Sie das? Wäre es Ihnen möglich, einmal nicht an Ihr Geld zu denken?"

Was hat dieser Mensch nur? dachte Lantenbach. . Und er stellte weiter fest, und seine Furcht schwand daniit völlig r So ungewöhnliche Angen habe ick) iwch bei niemandem ge­sehen: ob er einer von der Heilsarmee ist? ,

Laut dagegen sagte er:Sie täuschen sich, ich denke nicht immer an Geld!"

Ausgezeichnet," ries Behrens ans,dann werden Sie es auch jetzt nicht tun, toenn ich Sie darmn bitte?"

Nein," versprach Lautenbach.

Behrens putzte sich umständlich seine Gläser denn er war im Gefängnis stark kurzsichtig getoorden ehe er fort- suhr:Stellen Sie sich vor, verehrter Herr, Sie säßen im Gefängnis. Nicht Tage, nicht Wochen, nicht Monate, nein, Jahre. Und in dieser Gefangenschaft hätten Sie einen Freund gewonnen. Einen guten Freund, wissen Sie, einen, dem Sie vertrauen könnten. . . Und dieser Freund verließe dann das Gefängnis, denn er hätte seine Strafe verbüßt. Sie aber blieben dort. Noch viele Jahre. Aber dann kämen Sie doch frei... Ich frage Sie: was würden Sie, wenn Sie frei wären, sofort tun?"

Lautenbachs Staunen tvar in Bestürzung übergegangen. Ich verstehe nicht..."

Würde Ihnen nicht daran liegen, zu erfahren, wie es Ihrem. Frermd, Ihrem guten, Ihrem besten Freund geht?"

Gewiß," antwortete Lantenbach mechanisch.

Behrens lächelte.Nun also. Ich bin der Mann, der die vielen, vielen Jahre im Gefängnis war. Wer aber, glauben Sie, war mein Freund?"

Lantenbach rückte unwillkürlich einen Schritt von diesem rätselhaften Menschen ab. Allein dessen Lächeln hielt ihn fest, ließ ihn nicht los, um nichts in der Welt.Kenne ich ihn?" fragte er zögernd.

Behrens lächelte iwch immer.Oh ja."

Da sprang Lantenbach jäh auf, und er hatte alles Er- stauntsein verloren, denn er wußte nun mit einemmal, was der andere wollte.Reisner!" rief er aus.

Behrens nickte.

Lantenbach vergaß schnell, daß er sich einem fremden Menschen gegenüber befand, über dessen Absichten er sich noch gar nicht klar war, und fühlte nur das eine: daß von jenem! einen Mann die Rede war, den er haßte.

Er schrie:Dieser Schuft!"

Behrens betrachtete ihn larrge und blieb stumm.

Dann aber sagte er:Hatten Sie mir nicht versprochen, dieses eine Mal nicht an Geld zu denken?"

Lautenbach fuhr ihn wütend an:Nicht an Geld den­ken?.bei ihm, diesem, diesem - , der mich um viel..»

viel gebracht hat!"

(Fortsetzung jvlgt.)