Gnkl Seehasrr letzter Wille.
, Skizze von Fritz Leis ler.
j ))dachdr»:ck verboten.)
1 Ter Aänzleibeamte Rudolf Ger hart fcutb ein.es Morgens ein dickes Schreiber: in seinem Briefkasten, das ihm so viel Mißtraue»: einflößte, daß er es an: liebsten ungelesen ins Feuer gesteckt hätte— tvenn in dem kleinen Ofen seines Dachstübchens eben ein Feuer gebrannt hätte. Ms Absender des Briefes toar rrärnlich ein Justizrat Köhler angegeben, und alles, was auch nur von ferne crit bas Gericht erinnerte, flößte ihm Angst und Schrecke» ein. seit ihm einmal sein Schnster seine goldene Uhr hatte pfänden lassen. Mithin stand es für ihn unerschütterlich fest, daß ihn: auch der Justizrat Köhler nWs Gutes zu vermeiden habe. ,
Dennoch las er den Brief, witfc zwar hastiger, als es sollst seine Art »var, denn es fiel ihm bei näherem Betrachteil des Poststempels plötzlich ein, daß der Justizrat ja am gleichen Ort wohne, »vie Onkel Seehase. Nun hatte Rudolf Gerhart für Onkel Seehase, obgleich er der Erbonkel der Familie war, ganz und gar nichts Übrig, seit ihm der alte Geizhals verwehrt hatte, das Konservatorium zu besuchen und sich in der Musik aus bilde!» zu lassen. Rudolf war eine Toppelwaise und ein armer Teufel, Onkel -Seehase, der Bruder seiner Mutter, wäre also wyhl der Nächst» dazu gewesen, ihn: behilflich m sein, sich eine anständige Zukunft zu schaffen, allein der griesgrämige Sonderling hatte von der Geiger« ourchaus nichts wissen wollen und hatte seinen! Neffen kurzerhand die Tür gerviesen. Rlckolf !var Kanzleischreiber. geworden, um slch dödnrch die Mittel für sein Musikstudium zu verdie-uen. Ach, das ging so langsam, so langsam! , ^, . „, .
Aber jetzt, während er das justizrätluhe schreibe,r bedach-lg auf drei Fingern tanzen ließ, war plötzlich eine Alle Hoffnung in sein Herz gezogen: tvenn her Erbonkel vielleicht gestorben rväve und doch an ihn gedacht hätte? „ _ , r _ ,
In dem Brief stand tatsächlich, daß Onkel seehase gestorben sei, und daß der Justizrat Köhler derk Kanzleifchreiber Rudolf Gerhart aufforderte, der Tcstameutseröffmmg persönlich beizuwoh- um, gemäß dem letzten Willen des Verblichen eu.
Ter junge Mann mußte lachen vor Freude, tvenn er bar«« dachte, daß er endlich seinen Lieblingsplan anssühren konnte. Onkel Seehase hatte zivar zeitlebens eine Vorliebe für Ziverg- pintscher gehabt und oft genug gedroht, er wolle sein Geld lieber einem Hundeasyl vermachen, als den „erbschleicheudcu" Berwand- ten, aber wenn er das getan hätte, brauchte er doch niennrnden ein-, zuladen, der Deftamentseröffnung beizuwobnen. Deshalb reifte Rudolf Gerhart recht guten Mutes nach Bodenhausen.
Im Vorzimmer des Justizrats »var bereits die ganze Verwandtschaft versammelt, als Rudolf eintrat. Sie mühten sich alle ab, ehrliche Trauermienen zur Schau zu tragen, und warfen dem jungen Kanzleifchreiber, dem die Freude fo recht aus den Augen lachte, bitterböse Blicke zn. Blicke, aus denen man lesen konnte, wie tief sie in ihren heiligsten FamiliengefMen verletzt waren. Ta »var die Rechnnngsrätin Schulz mit ihrem Mann, die behauptete, sie sei deni guten Onkel Seehase stets am nächsten gestanden, daher dürfe sie auch sicher auf ein größeres Legat rechnen. Dem aber widersprachen energisch und mit einem erheblichen Aufwand an Tränen die lieben Nichten Till: und Milli, die für Ibsen schwärmt«! utib alle Männer für erblich belastet hielten. Sie sagten, mit ihn«: hätte sich Onkel Seehase an: liebsten lrnterhalten, und bei ihnen allein Hütte er sich „geistig erfrischt" und von dem Merger erholt, dm ihnr getvisse Musikzigeuner — das ging auf Rudolf Gerhart — gemacht hätten. Tie einzige noch lebende Schwester des Verstorbenen, die verwitweie Buchhalterin Giersberg, die an Rudolf Gerhart sozusagen Mutterstelle vertrat, ivagte schüchtern zu opponieren. Eigentlich habe sich ihr Bruder ihr gegenüber ganz anders geällßert, aber ihr solle es schließlich recht fern, »venn die beiderr „armen Dinger" recht reich bedacht werdeil rvürden in dem Testament des Onkel Seehase.
Rudolf Gerhart stand an: Feilster und schaute aus die Straße Er bereute fast, hergeöoinmen zu fein, denn die Heuchelei der auf di« Erbschaft gierigeil — .„trauernden Hinterbliebenen" »rar ihm in tiefster Seele zuwider. Wahrhaftig, er selbst hatte den Onkel Seehase, diesen «vig mißtrauischen alten Hagestolz, gewiß nicht geliebt, aber daß sein Nachlaß jetzt der Habsucht falscher Ber- »vaildten ausgeliefert sein sollte, tat ihn: doch leid. Ta rväre es ihnr fast noch lieber gewesen, iuemt der ganze traut einem Hmrdeasyl vermacht worden iväre. Diese Vorstellung erweckte so viel Heiterkeit in ihm, daß er bell auflachle. Mochte das Geld, das' der Mte hinter- kaffen hatte, schließlich, zufallen, tuen: es wollte, ihm sollte es einerlei sein. Und diese Ueberzeugnng gab ihm dm ganzen Hnnwr seiner Jugend wieder.
Er drehte sich ins Zinuner zurück »ind sah die tränenfeucht«: Gesichter der teuren Erben. Tiefe Grimasse»: erweckte aufs neue sein Lachen. In diesen: Augenblick trat der Justizrat ein. Verblüfft blickte er der: junger: Mensche:: an. Tante Giersberg warf den: frivolen Neffen, der drauf und dran »var, sich die gute Meinung aller anständige»: Mitnien schien zu verscherz«:, einen verzweifq kungsvollen Blick zu und flüsterte ihn: noch rasch ins Ohr, daß « doch um Gottes willen fünf Minuten ernst! bleib«: solle. Rech- rkungSrats und TM lind MM betracheten den JLnalbtS mit
bebender Entrüstung. Diese Werhechuld-e so zrr entheiligen! Milli ballte sogar die Hältde mrd »varf sich arrfschluchzeud Till: in di« Arme.
Ti« Testamentseröfftmug begann init der: üblicher: Füruu, lichleiten. Atemlose Spannung ließ die Erben alle Trauer Plätze lidj vergessen. Tann las der Justizrat weiter:
„Ich weiß, meine teurer: Verwandten, Ihr habt mich all« sehr lieb gehabt" (die Rechmmgsrätü: schluchzte, über RudolfÄ Lippen huschte ein sarkastisches Lächeln). „Deshalb will ich Euch auch alle nach Gebühr in diesen: meinem letzten Willen bedenken." (TM imb Milli seufzten leise, aber vernehmlich: „Der gute, treue Onkel, ach, daß er so früh von hinnen mußte!") „Ich hintettaff« 80000 Marl." (Ter Rechinmrgsrat pntzte sich schrranbend die Nase. Man hörte förmlich, wie die ganze Versammlmrg den Ateru anhielt.) „Von dieser Sumrne soll«: .mein Neffe Schulz u»ü> seine Frau 20 000 Mark, meine Nicht«: Till: mtb Milli je 15 (XX) Mark, meine Schwester, Frau Giersberg, 25000 Mark erhalten. 10 000 Marl sind für verschiedene Stiftungen bestimiltt, die nachstehnch anfgezählt sind. Sollte eins oder mehrere dieser Legate abgelehnt »verden, fo sollen sie an. meiner: Neffen, Rudolf Gerhart, fallen. Tie letzten 10050 Mark sollen für ein Hnndeasyl verwandt »verden, m den: lnein Ztmrgpintfcher Fifi bis an sein Lebeuserchtz treu verpflegt werden soll."
Tie glücklicher: Erben ließet! chre Taschentücher nicht vor: der: Augen und seufzten der Reihe nach, tvahrscheinlich vor Schrnerz, auf. Nur Rudolf Gerhart hatte einen Augenblick edle kleine Enttäuschung niederzutäiupfen, .aber bald brach sein Leben sfroUinr: wieder durch. Besonders als er merkte, baö die RechnungsrätiN den „süßen" Fifi auf den..Schoß nahm und ihn mit Tränen ÜÜ den Augen Mßte. Mle miteinander mühten sich krarnpfhaft, Ha Trauermienen beizubehalten, obivohl man ihnen die innerliche Freude deutlich genug ansah. Tiefe Heuchelei Mang sie, so schreckliche Gesichter zu schneiden, daß Rudolf Gerhart nochmals laut herausplatzte. Und obgleich er sich Mühe gab, seiue unzeitge»näße Fröhlichkeit zu rneistern, »nußte er doch inlmer wieder von neuen: lachen, wenn er seine Beruiandteu beobachtete. Äußerten: »nachte er gar keinen Hehl daraus, daß er sichi über des Onkels VerrnächL- nis, selbst »venn es ihm auch »roch nicht ganz sicher »var, von Her-. zer freute.
Ter Justizrat räusperte sich.
„Ach), »roch eine Bestimmung?" fragte der RechuunHsrat.
„Ja, unb ztvar die wichtigste." entgegnete der Justizrat lmd begann zu lesen: „Tie merneu Ver»vandten ausgesetzten Legate sind jedoch nur auszuzahlen, tve»:n sich die Erben bei der Testa-, mentseröffmlng »vürdig und ehrlich — der Justizrat betont« dieses Wort — bei:eh»nen."
Ein einziges lautes Ausweitteu ditEchluchzie das Ziurmer. Nritleidige Blicke erhielt Rudolf, den: sei» unsicherer Anteil »vohl nun ganz entzogen »verden rvüvde.
„Derjenige." fuhr der Justizrat fort, „der es am ehrlichsten meint und alle Heuchelei verschmälst, soll »nein Unioersalerb« sein und Abffnduilgsfummeu an die Obellgenannten in Höhe von je 1000 Mark anszahlen."
Tie Damen suche»! «»tautet m geräuschvolle»: Schmerzeus* äußerungeu zu überbieten.
Ter Justizrat r»:»»ßte feilte Stimme erheben, um »veiler beut« lich verstanden zu »verden: „Ich erache aber den für den ehrlichsten Erbe»:, der keine heucherischen Trmreu vergießt, sondern der lacht und sich vMl Herze»: freut, daß sein alter Onkel ihm ein Paar Taler hinterlassen hat. Ties ist mein letzter Wille! Gott segne Euch, »neine lieben Bettvandten! Sollte aber keiner von Euch so ehrlich gewesen sein, »vie ich es »yünschte, soll mein Bcrinvgeu ganz den: Hundeasyl zufallen. Amen."
Ter Testamentvollstrecker i-atte geendet. Mcdutzt blickten sich die Erben an, dann erhob sich ein lärmendes Durcheinander. Der tote Onkel Seehase wurde nicht gerade schmeichelhaft tituliert, ilnd der Rechnungsrat behauptete, der Onkel sei vollständig verrückt gewesen, rrnd das Testarnent »r:üsse »rngefochten »verdau.
Tilli und Milli rechneten im geheimsten Winkel ihrer Herzen aus, daß Rudolf Gerljart fetzt eine „gute Partte" sei.
Ter junge Mann »var ernst getvorden. Der Justizrat hatte ihn kraft Gesetzes zun: Meinerben Onkel Seehases erklärt. Er. stand am Ziel seiner Wünsche, die Zukunft, sein« künstlerLsclw Arbeit, lag fonnenbeglänzt vor ihn:.
„Tas Schönste an der Sache," so pflegte Rudolf zu schließen, rvenu er diese Geschickste erzählte, „waren aber doch die langen Ge-, fickcker Millis und Tillis, bei denen sich der grtte OE Seehase stets „geistig erfrischt" hatte, und die großartige Majestät, mit der Rechnungsrats ans der Türe rauschten, »uuttem ihnen der Justizrat ihre 2000 Mark gleich ausbezahlt hatte. Hub ich wette: bei der nächster: Testaulentseröffnung — »ve»ur sie rioch ein« erlebt Haber: — haben sie sicherlich nicht fo viel Tränen und Senf« zer verbraucht."
Vas Rofenkreuz als Zannenuhr.
Boi» Robert Wa l t e r.
Die Uhr steht im Park der klein«: Stadt Sulvalkr, »Litten m ctuern der verschlllngeuon Wege, unter Brlchen, Kastk:»lien uiw Linden. Sie ist seltsa»ner als ihre iSchrvesteru, die noch hier mrd dar


