Ausgabe 
9.1.1918
 
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irr büttue«, furzen Vautsn fMng oder wenn etwa drangen die Türen gingen. Denn mit der Ruhe, die dies Haus sonst eingehüllt hatte, war es heute vorbei. Hunderterler war zu tun, und die neuen Dienstboten hatten nicht die leise Art, die Reisner zu lieben gelernt hatte.

Wie lange er so gesessen hotte, hätte er nicht anzugeben veruwcht. Es konnten immerhin Stunden gewesen sein, denn Prokop trat jetzt ein und Übergab Reisner die Post.

Reisner sah sie gar nicht an, sondern warf sie achtlos aus den Tisch. Dabei fiel ein Brief auf die Erde, den. Prokop rrushob und seinem Herrn neuerdings überreichte.

Misner warf einen flüchtigen Mick darauf, stutzte aber plötzlich und sagte zu seinem Diener, indem er diesen scheu anfah:Prokop, es ist gut.

Er war wieder albern, trat au das Fenster und betrach tete die Schrift, die ihm unbekannt war. Aber was seine Augen immer wieder anzog, war ein blauer Geschäfts- stempel, der dem Umschlag aufgedruckt war:Gefängnis- Verwaltung"...

Gerade heute, dachte Reisner, und seine Firrger zitterten nnmerklich soll ich ihn öffnen

Unschlüssig schritt er durch das Zimurer und kämpfte mit bem Unbehagen, das ihn lähnren wollte. Endlich fluchte er und ritz den Umschlag aus. Ein dünnes Blatt war darin, das nur zwei Worte enthielt, die er bleich anstarrte, den Mund schmerzhaft verzogen:Verräter! Behrens."

Und er ballte, von einer blinden Wut gepackt, das Papier zusammen und warf es in eine Ecke, um ihm jedoch sogleich wieder nachKulaufen, es anfznheben und zu glätten.

Wieder betrachtete ec die Worte. Sie hatten jetzt Kuie- veu und Fakten, schienen ohnmäch.ig und hilflos. Da lachte m kurz und verschloß das Papier im Schreibtisch.

..Prokop !"" schrie er zornig.

Prokop kam und sah ihn fragend an.

Er fuhr ihn an:Ist alles in Ordnung? Ist alles bereit? Mein Anzug, meine Wische, mein Zylinder? Ist das Auto bestellt'?" Die Fragen waren überflüssig, und er stellte sie nur, um sich p entladen.

Ja," sagte Prokop.

Wie spät ist es ?" ,

Genau acht," antwortete Prokop« und die Standuhr schlug gleichzeitig ihren dünnen und kurzen Ton.

Gut, uh dm für niemand zu haben, ich will allein sein..."

Prokop hob Lastend die Hand.Eine Dame ist draußen, die bittet, Sie sprechen zu dürfen ..."

Eine Dame?""

Prokops Züge wurden unter einem gefügig mrd be­stimmt.Sie macht einen sehr sonderbaren, sehr auf­geregten Eindruck. . Ich glaube, daß man sie emp­fangen muß!" Dieses sagte Prokop, der sonst nie etwas sagte.

Also/" meinte Reisner und dachte mit Ingrimm an Frau von Marisch,ich lasse bitten!"

Er zündete sich, eine Zrgarre an. warf das Zündhölzchen wütend in eine Ecke und wandte sich der Tür zu, die sich nun öffnete und über deren Schwelle eine Frau trat, in der er vergebens Frau von Marisch suchte.

Gnädige Frau, Sie?!"" rief er ans und hatte die Empfindung eines starken Unbehagens, das er sich nicht zu erklären vermochte.

,^Ja, ich," sagt: Hi de Gntzeit, deren Erscheinung in der Tat recht seltsam anmutete, da ihr ausfallendes, glänzendes Kleid und ihr federgeschmückter, kühn-eleganter Hut stark mit ihrem Gesicht kontrastierten, das müde, erschöpft und resig­niert war und dessen Augen ihren einstigen schönen Glanz völlig verloren hatten.

Reisner taxierte sie nach einer raschen, grausamen Prü­fung und fagte sich.: Hier ist eine unter die Räder gekommen! Eine jähe Ungelduld blitzte zugleich in ihm auf. und er sagte weiter zu sich: Wenn schon, was geht es mich an!

Er schob ihr einen Stuhl hin und fragte sehr kühl: Womit kann ich Ihnen dienen?"

Hilde Gntzeit ließ sich zögernd nieder und zog ihr win­ziges Taschentuch, das sie an dre Augen führte.

J&ie weinen?" fragte er betreten.Was haben Sie?"

Da erzählte sie mit erstickender Stimme, der man es an­hörte, wie sie sich überwand, was in den Monaten, die seit dem Tode ihres Mannes verflossen waren, geschehen war.

Es war eine Geschichte, wie sie zu Tausenden passieren, rrMs Ungewöhnliches war an ihr. Und doch gewann sie

durch einen Unterton, der heimlich mitschwang, eine Note, die sie ans den Tausenders der banalen anderen hervorhob. Dieser Ton war eine Anklage, die zwar nicht ausgesprochen, wurde, die Reisner indesserr sehr wohl spürte. Sie richtete sich gegen ihn. Und sie lautete: Du hast Schuld!

Allein Reisner sträubte sich gegen diese Anklage und fragte sich: Habe ich wirklich Schuld? Liegt es an mir. wenn eine verwöhnte Frau sich, nicht mehr in dürftige Verhältnisse znrücksindet und, um gut leben zu tönnen, ihre Kinder und ihre Ehre vergißt? Hatte diese überhaupt eine Ehre? Hatte sie sich ihm nicht schon viel früher angeboten?

Ja/" sagte er und blies kunstvolle Ringe irr die Luft, was Oie mir da erzählen, gnädige Frau/" er hielt es für eine besonders wirkungsvolle Abweisung, daß er noch immer gnädige Frau" zu ihr sagte!ist nicht Lustig. Aber ich verstech' nicht, weshalb Sie es mir erzählen. Sind Sie etwa der Meinung, daß ich Ihnen Helsen kann?""

Doch," sagte sie hart,das können Sie.""

Wie?" fragte er gemächlich.

Ihre Worte schienen aus der Ferne zu kommen, so leise waren sie gesprochen.Ich hatte/" sagte sie,einen sehr sonderbaren Gedanken, gerade gestern, als mir besonders trübe zumute war, denn ich war da in Gesellschaft eines Menschen, der mich recht anwidert und denl ich es doch nicht steigen darf, ja, ich hatte da einen Gedanken, wie man m solchen Augenblicken oft Gedanken hat, die einem zu­fliegen... Ich dachte mir, er könnte mir helfen, weim 'ev nur einmal ent gutes Wort zu mir sagen wollte, wissen Sie, solch ein Wort, an das man sich daun klammert, weil man doch sonst nichts Hai, an oem mau sich fest haltest könnte, ja. solch ein einziges gutes Wort... Das dachte ich gestern!""

Ein gutes Wort?"" sagte er nachdenklich und doch sich zugleich dessen erinnernd, daß es bald Zeit für ihn war, sich umzukleiden.Ja, ich wüßte nicht..." Er unterbrach sich plötzlich und fragte rasch:Leiden Sie Mangel?""

Sie schüttelte den Kops.

Nein?"" fragte er toie erstauntNun, um so besser!

ich meine, um so. besser für Sie, der ich nur GuteA wünsche und von der ich aufrichtig aufrichtig! hoffe, daß, daß... Ja, ich gaffe bestimmt, daß Sie sich aus­raffen werden Er gab sich einen Ruck, denn er merkte es nur p deutlich, daß es Unsinn war, was er sprachSie fittb jung und hübsch und Sie werden gewiß, ja, gewiß!

Ihren Weg macfp, noch immer machen, wemr, wenn... Sie klug sind!" Er sah sie unsicher an.Natür­lich und das soll Sie nicht kränken? stehe ich jederzeit zu Ihrer Verfügung, wenn Me doch... einmal Mangel leiden sollten!""

Sie zerknüllte das Taschentuch, in ihrer Hand unb sagte matt und enttäuscht:Ich sehe. Sie haben für mich kerne Zeit..."

Er hob beschtvörend die Hände und hatte in diesem Augenblick wirklich Mitleid mit ihr.Nein, Sie täuschen sich/" rief er aus,für Sie werde ich immer Zeit haben,> alle Tage, wenn immer Me konunen sollten, ja, nur heute nicht, gerade heute, da..."" Wieder zögerte er. da in zwei Stunden meine -- standesamtliche Trauung ftattfindet

Sie fuhr erschreckt hoch.Wie?" fragte sie mit sliegerv. dem Atem.

Es ist so/" sagte er mit ratloser Stimme,in zwei Stunden, ja..."

Sie war aschfahl im Gesicht.Sie Sie... ver­heiraten sich wohl sehr gut?"" stamrnelte sie.

Ja, recht gut/" erklärte er eilig,mit einer reichen Frau... und auch meine neue Fabrik legt sich glänzend an... ititb, wie gesagt, wann immer Sie meiner bedürfen sollten..

Sie raffte mit verzweifelter Haft ihre Kleider.Nein," flüsterte sie zitternd, und ihr Mund blieb vor Aufregung ein wenig offen,nein, ich will Sie nicht länger stören!"« Sie eilte zur Tür und wandte sich noch, einmal um.Lebert Sie glücklich/" sagte sie mit einem halb erloschenen Blick, ja, leben Sie glücklich!""

Er war erstaunt und im Innersten irgendwo tief ge- troffen, blickte ihr nach fand aber die Tür schon leer.

Prokop!"" rief er laut und voll Mißmut.

Prokop erschien und war stumm.

Meine Wäsche, meiner Anzug? Eilen Sie! Schnellt