Die Rödier,
Roman von Hermann Wagner.
(Fortsetzung.)
Die Zimmer ^rochen wie nach Moder, die Luft war schlecht. Er r jß 'sofort die Fenster auf und badete sich in der Sonne, die nun, als habe sie Versäumtes nachzuholen, warm und wie flüssig hereindrang. Zwischen den Bäumen vor dem Hause haschten sich zwei Spatzen unter lautem Spektakel.
Reisner wandte sich von diesem Bild ab, das zu idyllisch war, als? daß es seine vibrierenden NZrven hätte beruhigen können. Er ging an das Telephon und ließ sich- mit den Fingern ungeduldig auf der Tischplatte trommelnd, verbinden. „Hier Reisner. Sind Sie es selbst, Mannheimer?"
Die Stimme aus dem GeschästsoicrleL der Friedrichstadt bejahte.
„Sie sprachen mir vor ein paar Wochen von der Sache Braß. Hst sie noch zu machen?"
Wieder bejahte der Partner.
„Ja?" . . . Gut, dann besuchen Sie mich morgen! . . . Ob ich Lust habe, zu kaufen? Vielleicht . . . Also auf morgen. Schluß!"
Reisner wanderte pfeifend durch sämtliche Zimmer, alles daraufhin betrachtend und prüfend, ob es auch Lucie gefallen würde. Hier fehlte das, dort jenes, und er machte sich Notizen darüber. Und doch war er mit seinen Gedanken gar nicht- bei der Sache. Etwas anderes spukte ihm im Kopf herum, etwas Großes, das, wenn es gelang, ihn den Absichten für seine Zukunft um einen großen Schritt näher brachte.
Der Kommissionär Mannheimer, mit dem er schon wie- derholt Geschäfte abgewickelt hatte, hatte ihm gegenüber gesprächsweise einiges von der Automobilsabrik I. Braß und Sohn verlauten lassen, einem Unternehmen, das, mit zureichenden Mitteln gegründet, anfangs auch prosperiert hatte, um dann, nachdem sein Gründer gestorben und cs in die Hände geschäftsuntüchtiger Erben gekommen war, in der Erzeugung und im Absatz allmählich immer mehr zurückzugehen. . _ r r
Es war schon lange verkäuflich, doch hatte bisher, obgleich! es billig und unter günstigen Bedingungen zu haben war, noch niemand so recht die Lust Und den Mut gefunden, es an sich zu bringen, auch Reisner nicht, der mit den Besitzern — einer Witwe mit zwei noch unmündigen Kin- vern — toohl schon so halb und halb verhandelt, schließlich von einem Kauf aber doch abgesehen hatte.
Heute aber sah er die Sache mit einemmal ganz anders.
Seine Phantasie, durch die Erlebnisse der letzten Wochen beflügelt, malte sich die Wirkungerr aus, die es haben mußte, wenn dem Unternehmen mit .Hilfe einer großzügigen Reklame, die einige hunderttausend Mark nicht ansah, wieder aufs neue Leben eiugeblasen wurde.
Man durfte keine Zeitung, keine Zeitschrift aufschlagen, an keiner Litfaßsäule voruoergehen können, ohne mtf die
schreienden Worte „Braß-Arttoneobile", „Braß-Motore" KU stoßen.
Daß eine solche Reklame, die die Fabrik dummerweise bisher vermieden hatte, enorme Wirkungen auf den Absatz haben mußte, war natürlich klar, und die Frage war nur, ob auch genug Geld vorhanden sein würde, um einige Jahre durchzuhalten.
Reisner geriet aUmählich in Feuer, seine Gedanken entzündeten sich und wurden dock sogleich wieder von einem Willen, der kühl und sachlich war, gebändigt.
Er setzte sich an den Schreibtisch, griff zur Feder und begann, zu rechnen.
Es verging der Mittag, der Nachmittag und wurde langsam Abend, — aber er saß noch immer am Schreibtisch und rechnete und kombinierte und rechnete wieder.
Sein Gesicht war von Spannung, urid Erregung gerötet, doch seine Lippen preßte eine eiserne Tatkraft zusammen. Er träumte und phantasierte nicht mehr, er rechnete.
Als es dämmerte, stand er auf lutö ließ sich von Prokop Schinken, Eier urrd Tee bringen.
Er aß altes mit einer Grer, die gar nicht darauf achtete, was sie verschlang.
Daun aber lehnte er sich erschöpft in den Sessel zurück rmd brannte sich eine seiner besten Importen an.
Er war entschlossen.
16 . Kapitel.
Der vierundzwanzigste Juli war der Dag, alt dem, vormittags um elf Uhr, auf dem Standesamt die Trauung Reisners mit Lucie vollzogen werden sollte.
Ter Tag sollte ohne jede Feierlichkeit und ohne jede Feier verlausen, das hatten sie beide beschlossen. Er brachte nur die äußerliche Besiegelung dessen, worüber sie sich irmer- lich schon längst einig waren. Sie hatten zu niemandem von dem Tag ihrer Trauung gesprochen. Sie wollten niemanden sehen und allein sein. Kein dritter sollte in ihr Leben etwas hineinzureden haben, weder im Guten noch im Bösen.
Reisner hatte sich von Prokop, der auch weiter im Dienst seines Herrn verblieb, während für Lucie ein Dienstmädchen und eine Köchin zur Verfügung standen, die sie sich selbst gewählt hatte, schon um sechs Uhr wecken lassen.
Er war unruhig itttb von einem jener leisen Anastzustände befallen, die sich bei manchen Menschen einstellen, wenn ihuen ein Glück, an das sie wohl geglaubt haben, das aber doch mehr nur ein Bestandteil ihrer Trämne war, endlich zur Wirklichkeit wird.
Und dieser sonderbare Zustand übertrug sich auf alle seine Glieder. Sein Gang war unsicher, vor seinen Augen flimmerte es, und seine Zunge formte nur mühsam Worte und Sätze. Auch das Frühstück schmeckte ihm nicht, obwohl er Hunger hatte. So setzte er sich zu einem Glase Wein und versuchte es, zu rauchen.
Dabei verfiel er in eine halbwache Dräumerei, ans der er von Zeit zu Zeit mrfschreckte, wenn etwa die Stcwdrchk


