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Sie fliegen aus, und die hallenden Geräusche unter der Euppel der eisernen Bogen war ihren Ohren Musik. Dre Luft, die ihnen draußen entgegenschlug und die sie im ersten Augenblick gleichsam betäubte, diese Zusammensetzung aus allen möglichen Düften, die nichts Reines mehr an sich hatten und die doch ein eigenes Ganzes und für sich Bestehendes waren, — sie atmeten sie mit gieriger Lust, und sie belebte sie im Moment, so daß alle Müdigkeit und alle Abspannung von ihnen abfiel und der Wunsch in ihnen lebhaft wurde, sich noch an diesem Abend in jenen geisterhaften Strudel zu werfen, der mit gedämpftem Lärm und in der grellen Blässe künstlichen Lichtes durch die nächtlichen Straßen der großen Stadt fegt. . .
Allein nur Reisner gab diesem Drang nach und suchte ;roch, 'kaum daß er sich im Hotel gewaschen und umgekleidet hatte, eines der großen Cafes im ersten Bezirk auf.
Dort verweilte er über eine Stunde und war überaus zufrieden, so wie sich ein Mensch nur wohl fühlen kann, der nach langem, zwecklosem Umherirren unter fremden Menschen, die ihn nicht interessieren, wieder daheim zwischen den ihm bis ins kleinste Detail vertrauten vier Wänden sitzt.
Hier, wo er saß, und draußen zwischen den lichtbehange- nen Mauern gab es zwar keine Wahrheit, dafür^ eine ^bestrickend geschminkte Lüge, hier gab es keine Natürlichkeit, dafür gefällige und anschmiegsame Formen, mit einem Wort: den Schein, der zwar keinen Wissenden blendet, noch blenden soll, .der aber, weil er so bequem ist, dem rastlos Hetzenden wohlgefälliger ist als die Wirklichkeit, über deren Ecken und Kanten nran jeden Augenblick stolpert.
Sie blieben zwei Tage in Wien und verwandten diese Zeit darauf, in dem halben Dutzend der pompösen Straßen umherzuschlendern, ihre Sinne durch das Erlesene der zur Schau gestellten Dinge reizen zu lassen und von dem und jenem zu nippen und zu naschen, ohne dabei auch nur ein Gericht bis zum letzten Rest zu verzehren.
Sie machten Einkäufe, fuhren in den Prater, saßen lässig und zufrieden in den Restaurants, jener Freude hingegeben, die es einen: von Zeit zu Zeit macht, wenn man wahllos und ohne zu rechnen viel Geld ausgibt.
Reisner überhäufte Lneie mit Geschenken. Er setzte seinen Ehrgeiz darein, sie, die doch recht verwöhnt war, zu verblüffen. Er zeigte bei dieser Gelegenheit, daß er Geschmack und Phantasie hatte, und es machte ihn sehr stolz, wenn er wahrnahm, daß sie das merkte. Ihm war, als ob er in solchen Augenblicken, wo sie ihn mit einem dankbaren Blick der Anerkennung und Bewunderung lobte, wachse.
Sein Ton ihr gegenüber wurde freier, beherrschter und war doch von jener sich beugenden und fast demütigenden Zärtlichkeit durchsetzt, die die einzige Art ist, der schöne Und überlegene Frauen sich unterwerfen.
So ergab sich allmählich jenes uralte Verhältnis zwischen ihnen, in dem der Mann scheinbar der Führende ist, während er in Wirklichkeit doch geführt wird. Reisner verlieh das eine starke Sicherheit. Er lachte jetzt des Alten in Meran, dessen Einfluß, wenn er wirklich bestanden hatte, mm endgültig ausgeschaltet war.
Reisner wurde nun ungestümer und drängte darauf, daß auch Lucie das Ihre tue, um ihrer beider Hochzeit zu beschleunigen. „Ich bin kein Jüngling mehr," ineinte er, „der eine Lust darin findet, endlos zwischen Hangen und Bangen zu schweben. Mich drängt alles znr Ruhe und Klarheit. Wenn du mir gehörst, dann sollst du mir ganz gehören, nur mir allein, und dann sollst dn es mir sagen."
Da legte sie die Arme um ihn, und sie tat das ganz anders als früher, ein Zug von reifer Frauenhaftigkeit und von Stolz und von Vertrauen war an ihr: „Freilich gehöre ich nur drr, und auch ganz. Wem sonst?"
Am gleichen Abend begegneten sie inr Wandelgang eines Theaters Herrn von Webenau.
Dieser sah zuerst 'mir Lucie, war aus das höchste überrascht, wurde sehr rot und verlegen, trat dann aber doch auf sie zu, um ihr die Hand zu küssen.
Sie lächelte nachsichtig und sagte ih-rn ein paar Worte konventioneller Höflichkeit.
In diesem Augenblick trat auch Reisner hinzu, und Herr von Webenau, als er ihn erblickte, verfärbte sich und bot ein Bild bemitleidenswerter Hilflosigkeit, die sich noch steigerte, als Reisner, der den jungen, eleganten Mann richtig einschätzte, Lucie mit einer nachlässigen Hartdbewe- gung als seine Braut vorstellte.
Herr von Webenau fand, wie die Verlobten richtig vermutet hatten, nicht die Fassung und die Kaltblütigkeit, die nötig gewesen wären, wenn er dem Paar hätte verachtungsvoll den Rücken drehen wollen.
Er stotterte vielmehr einen Glückwunsch, verbeugte sich mit verzerrter Miene und verschwand in der sich drängenden glänzenden Menge.
„Ein gutes Omen," sagte Reisner. „Die Menschen fiixb alle feig, wenn man sie im richtigen Moment fest in der Hand hat. Gegen die banale Selbstverständlichkeit, und wenn sie ihn auch zermalmt, rennt selbst der nicht an, der außerordentlichen Ereignissen gegenüber ein Held ist."
Im Schlafwagen des Nachtschnellzuges legten sie die Reise nach Berlin zurück.
Reisner schlief gut und traumlos. Diese letzte Nacht war für ihn der Vorhang, den er hinter einem nicht sehr beträchtlichen Abschnitt seines Lebens endgültig zuzog und den er nie lüften wollte.
Auch das Berlin, in dem er am nächsten Morgen erwachen würde, war für ihn nicht mehr das alte. Er sah LZ mit neuen Angen. Und sein Boden war ein Grund, der unter ihm nicht mehr wanken konnte.
Zehn Minuten, bevor der Zng in den Anhalter Bahnhof einsuhr, trafen sich Reisner und Lucie im Gange des Schlafwagens. Ihre Gesichter waren frisch, und ihre Augen hatten den Glanz mühsam verhaltener Ertvartung.
Noch ehe der Zug in der düsteren Halle zum Stehen ge- konimen war, öffnete Reisner die Tür des Wagens. Er sprang ab, lachte und hielt ihr beide Hände entgegen, so daß sie gleichsam in seine Arme siel.
Prokop übernahm das Gepäck und sorgte für ein Auto. Sie fuhren zum ,Hotel Adlon', in dem Lucie für die nächsten Tage Wohnung nahm, mrd trennten sich daun.
„Wohin?" fragte Prokop, der mit dem Chauffeur vor dem Portal wartete.
„Nach Hause," ries Reisner, „aber schnell!"
Der Chauffeur fuhr rascher, als ihm erlaubt ivar, und jeder dumpfe Brummer, den die Hupe von sich, gab, erschien Reisner wie ein Signal der Freude.
Er fand sein Haus stumm und einsam, mit verschlossenen Türen und herabgelassenen Rolläden, wie in einem tiefen Schlaf befangen. (Fortsetzung folgt.)
Die ziamme.
Märchen von A. Clara.
Es war einmal eine riesengroße Flamme, die sah vom nnend-, Lichen Weltraum aus die Erde, wie sie so spärlich erhellt und in allen T lugen von der .Sonne abhängig dahinrollte. Mitleidig folgte sie mit ihren leuchtenden Augen der schmalen Spur; da empfand sie, daß vom Erdball ein seltsames Atmen ansging. Sie sah, daß Tinge auf ihm wurden und sich veränderten, daß Städte und Länder entstanden — und das alles von Menschenhand. Tie Wamme wandte sich ab und stand ganz fteil und gerade —• sie dachte nach. „Sie müssen etwas Göttliches haben, diese Menschen," dachte sie; „gleichen sie nicht mir, die ich anch eine Gottheit bin?" —■ Sie verstehen nur nicht zu brennen so ganz urrd gar — so durch und durch, daß sie leuchten, müßten, daß sie stammen müßten wie eine Sonne!"
Tie Flamme bebte, es zuckten blaue Blitze aus ihrer Ge-, statt, so ergriff sie das Wunderbare. Und sie konnte nicht wider-i stehen. Sie eilte zur Erde mtb schritt über sie hin mit dem Evaw gelium ihrer Flammenpredigt ans den Lippen. Und die Menschen entsetzten sich vor ihr, oder sie verkamen achtlos irr ihr oder sie stürzten sich mit rasender Leidenschaft in ihre Arme und gingen,
S igrnnde. Wo die Flamme hinkam, blieben Schutt und rauchende rümmer und Leichen zurück.
Ta hob der Geist des Lebens schützend und zürnend seine Hand: „Halt! — Was tust du? — Wie kannst du es wagen, in meinem Reich zu morden? — Geh! — denn dn bist auch mein Geschöpf; geh — oder ich kenne dich nickst mehr!"
Tie Flamme schlug erschrocken die Augen auf; da sah sie, was sie angerichtet hatte, und ein'grenzenloses Granen vor sich selbst überfiel sie. „Das wollte ich nicht," rief sie und drückte die Hände vor das Gesicht, „ich meinte es gut!" Sie wandte sich flehend nach dem großen Geist, aber er wies sie mit herrischer Gebärde hinweg. Sie senkte ihr strählendes Haupt und schritt langsam in den Weltenraum zurück bis in die dunkelste — fernste Einsamkeit. Hier stand sie still und schlank und leuchtend — sie trauerte.
Inzwischen hatte der Geist des Lebens auf der Erde alles! wieder in den gewohnten Gang gebracht. Nun sah er sich nach der Verstoßenen um.
Es gibt nichts .Gütigeres, nichts Friedestärkeres' als den ! Geist des Lebens. Er duldet kein Zürnen — er versöhnt alles. Und j nur was sich nicht versöhnen läßt — das ist die einzige Härte, die I er besitzt — muß sterben. W!o aber irgend noch ein Hauch der .Hofft


