Die Rächer.
Roman von Hermann Wagner.
(Fortsetzung.)
Eine Utrnreng-e von Winzigem hatte sie in ihn Dasein hineingetragen, und doch hatte diese Vielheit von Kleinem, wenn sie auch noch bunter und reichhaltiger gewesen wäre, nicht vermocht, ihr Dasein ausznfül.en, das nach wie vor im Innersten einsam und leer war uird das nun nach dem Einen, Großen Ausschau hielt, das noch kommen mußte. Wenn sie nicht nur zufrieden, sondern wahrhaft glücklich werden wollte.
Sie lächelte und sagte: „Auf dieses Eine mrd Große warte ich noch. Was wird es sein? Wann wird es kommen?"
Da spürte Reisner etwas wie Unbehagen und Zweifel und antwortete: „Vielleicht ist dieses Ganzgroße und Aus- schließttclre, von dein wir träumen, nur ein Irrlicht, das uns narrt. Oder vielleicht ist es in diesem Leben hier nicht zu
erkennen, sondern nur-"
Sondern nur?"
soirdern erst hinter dem Leben, wenn wir alt sind.'" Und beglückt von dieser Erklärung, die er gesunden hatte, ries er noch lebhafter aus: „Ja, vielleicht sehen wir eines Tages, wenn wir alt sind, daß wir jenes Eine und Große schon in unserer Jugend besessen und nnr nicht gesehen hatten, weil es unseren Äugen zu nahe lag." —
Der Hinrmel hatte sich wieder völlig ansgeklärt, und sie verließen das Dampfschiff bei prächtigstem Wetter. Ein Wagen brachte sie nach Klagenfurt. lieber der Stadt hing die heitere Bläue des Himmels, die Slräucher oer Anlagen, die Bäume der Straßen trieften vor Nässe, wie nach einem Bade. Spatzen rauften sich überlaut in den Hecken, die Wege waren wie blank gescheuert und in den Gärten der Restaurants breitete man schon wieder Decken über die Tische, in Erwartung der Gäste, die der miloe Abend herbeilocken würde.
Prokop erwartete sie im Hotel. Sie verabschiedeten sich für diesen Tag und begaben sich ein jedes aus sein Zimmer. Doch Reisner litt es nicht darin. Als es dämmerte, begab er sich auf den Marktplatz und mischte sich in den Strom der Leute, die den Korso auf und ab bummelten.
Es waren dies ausschließlich junge Leute, Studenten und sechzehn- bis achtzehnjährige Mädchen, die sich All einem Stelldichein «ingesunden hatten, das gar nicht verabredet worden war, weil es einen selbstverständlichen Punkt des Tagesprogramms b ildete. In nichts, fand Reisner, ähnelten sie den jungen Menschen draußen in Deutschlarrd. Eine helle Unbekümmertheit war ans ihren Gesichtern, eine leichtere Art, das Leben dort zu packen, wo es unterhaltend ist; ohne daß doch ettvas von Taugenichtsen an ihnen hastete.
Er sah den federnden Gang der Mädchen, die, sich kokett- sinnlich in den Hüften wiegend, das ungefüge Pflaster nrit
ihren Füßen zn kosen schienen, und mußte im gleichen Augenblick an Klara denken, das erstemal seit dem Tage, da er sie geküßt hatte. Sie gehörte zu jenen Dingen, von deneri er scholl Abschied nahm, ehe er sie recht genossen hatte, wie er ja auch diese Gegend schon morgen verließ, kaum daß sie ihn gelehrt harte, wie wohl auf eine Reihe ununterbrochener Arbeitsnlonate ein paar Stunden der Ruhe taten.
Dis rief in die Nacht hinein saß er in einem Restaura- tionsgarten, etwas abseits, um die Gäste, die sich an denj Tischen drängten, beobachten zu können. Bunte Lämpchen hingen auf Drähten zwischen dicht belaubten Bäumen, ein Mann spielte die Ziether und zwei Mädchen sangen Lieder. Zwischendurch flog lautes Lachen auf, der nächtliche Raum nahm bie wirr durcheinander geführten Gespräche und hitzigen Drspute entgegen und entführte sie in sein friedvolles Schweigell, ganz unmerklich ulld leise, was den bunten Stunden einen Zug des Zauberhaften und Geheimnisvollen gab.
Am nächsten Tag saßen sie im Schnellzug nach Wien, und mit jedem neuen Kilometerstein, den der Zug mit einem kraftvollen Wurf nach rückwärts schleuderte, bröckelte auch aus ihrem Gedankenkreis ein Stück der Erinnerung an die verflossenen Tage ab, diese Erinnerung, die sie mit in ihren r 1 "” 3 'ahmen und die sich doch jetzt schon
anschickte, zu verblassen.
iluji. .... ,o nüchterner und sachlicher, je weiter man sich vom Süden.entfernt," sagte Reisner. „Aber ich finde, daß in dieser Atmosphäre der Nüchternheit unsere Verbindung, unser Bund, erst recht bestehen kann, — ja, erst
„Erft recht," pflichtete sie ihm fremrdsich bei, denn sie spürte das Fragende und Tastende in seiner Stimme.
Als sie den Semmering durchfuhren, umfing sie der Zauber der Berge ein letztes Mal. Sie standen .an den offenen Fenstern und schwiegen beide. Aber beide dachten sie dasselbe. Hinter jenen bewaldeten Kuppen, denen die Abendsonne ein goldenes Bad bereitete, lag die Landschaft, die sie beide zu einem kurzen Spiel vereint hatte. Vom Norden her, sie spürten 6,'s beide, wehte ihnen schon der fiebernde Atem der großen Stadt entgegen.
„Noch zwei Tage Wien, die Stadt des Ueberganges, sagte Reisner, „rioch ein kurzes Atemholen, ein flüchtiges Prüfen der Muskeln —"
„Und dann?" fragte sie.
„. . . der Kamps!" . , .
Er sprach es bewußt und zufrieden aus, wie emer, der sich dessen, was andere bange machen könnte, freut.
Aus der Ferne geisterten ihnen schon die Lichter Wiens entgegen. Sie wurden sofort nervös, als sie sie sahen, gingen viel zu zeitig daran, ihr Handgepäck zu ordnen, und fanden dann kaum iroch die Geduld, auf ihren Sitzplätzen zu verharren. Die große Stadt zieht die, deren Heimat sie ist, viel unwiderstehlicher an als einen Bauer das breite Land, wer in ihrer Sphäre einmal gelebt hat, kann auf die Dauer nicht mehr außerhalb ihrer sein.


