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fucfrte vergebens eines krampfhaften Würgens in ferner Kehle Herr zu werden.
Ein grelles Licht erhellte plötzlich seine Seele. Und eine Stimme rief ihm zu: Nun weißt du, wer du bist, nun hast du dich gefuiiden, — der du dich nie verloren hattest!
Er stöhnte.
Gott, war all die Kraft des letzten Jahres nutzlos ver tan, stand er nun wieder dort, wo er vor Jahren gestanden hatte, damals, als er sich voll Wiirdheit und Schwäche zu einer Tat entschlossen hatte, die auch nur ein Versuch geblieben war, — ein stümperhafter, lächerlicher, tragikomi- scher Versuch?
Er suchte im Finstern ihre Hand und bebte, als er sie gefunden hatte, so heftig, daß sie Mitleid mit ihm fühlte, ein Mitleid, das so warnr war, daß seine Wärme aus ihn über ging.
„Sie haben recht," stammelte er, „ich brauche jemanden,
... aber ich brauche nur einen Menschen,... nur Sie!"
„Nur mich?"
„Nur Sie! Denn ich liebe Sie! Und ich weiß nicht, was von meinem Leben übrig bleibt, wenn Sie mich verschmähen ...""
Ihre Worte streichelten ihn sanft. „Wollen Sie sich mir ganz imb vorbehaltlos übergeben?"
„Vorbehaltlos und ganz, wenn-Nein, ohne jede
Bedingung. Vorbehaltlos und ganz!"
„Und der Briefs" fragte sie.
Er ließ ihre Hand fahren, wie ein Geschenk, von den: er eiirsah, bet# er es nicht verdiente, und das er zu rückgab. „Ich habe gelogen," gestand er ihr, gleichsam glücklich darüber, daß er ihr zeigen konnte, zu welchen Mitteln er in seiner Schwäche gegriffen hatte, „es gibt keinen Brief, den Sie fürchten müßten. Nein."
„Sie sagen die Wahrheit?""
„Ich könnte Sie nicht belügen," flüsterte er, „ich könnte es nicht, — nie, nie mehr!"
Er lag vor ihr auf den Knien, und sie strich leise über fein Haar hin. „Sie armer Mann," sagte sie.
„In, ich bin arm,"" gestand er ihr, „in dieser Stunde ist mir das klar geworden, — in dieser einen Stunoe!"
„Urch der andere,... Ihr Freund,... Ihr Bruder im Gefängnis — ?""
Er erschauerte. Zugleich aber ballte sich ein Gefühl der Verbissenheit und Wut in ihm zusammen, gegen jenen Mann im (Wängnis, der, wie er mit einem Male sah, gar keine Ursache' hatte, sich zu empören, der in Wahrheit rriur die Zinsen einer Dankbarkeit abtrug, die er einem Menschen schuldete, der ihm mehr geschenkt hatte, als er> der nun Bi'ißende, hatte verlangen können.
t „Ich sehe es jetzt anders,"" sagte er gepreßt, „ganz anders..."
„Wie sehen Sie es?"" fragte sie.
Er griff n«t beiden Händen in die Luft, wie nm eine gestalt festzuhalten, die seiner Phantasie vorschwebte. „Sie sind es wert," rief er aus, „Sie sind des Opfers wert, das man um Sie bringt, — ja, jedes Opfers!""
Er suchte nach Worten, und sie wollten sich nur schwer ftnden lassen, er mußte um sie kämpseu. Seine^Gedanken wareir noch verworren, und or brauchte, um sie zu ordnen, Jett.
Doch dann brachte er allmählich Ordnung in sie. Er wandte sie nach aller: Seiten, prüfte sie und setzte sie zu jenem Bild zusammen, das er jetzt brauchte.
Das Bild zeigte sie, doch es hatte jetzt aridere Farben und es stand m einer anderer! Beleuchtung, Helles Licht fiel daraus, während es früher in gewollte Dunkelheit einaehüllt gewesen war. '
• Bor diesem Bilde kniete er nieder, imt es anzubeten. Lr war sein Sklave.
Und in der ttefen Finsternis, die um sie beide war, wurLe es ihr r^t auch leicht, ihm von der Zeit zu erzählen, da das Gräßliche jenes Herbstiiachmittages geschehen war.
Es war Lein Mord gewesen, nein, nicht einmal ein Tötschlag, nur ein Zufall, — ein Zufall freilich, von dem sich dünne Faden nach ernem Willen hinzogen, der schon vor der Tat dageweieii war, der vielleicht, ohne es selbst mehr als dunchf zu fühlen, den Zufall herbeigeführt hatte, — nicht durch Taten, nur durch Gedanken, die wiederum auch nur raunr halb ausgesprochen worden waren, —, in jener Art. wie oft Schlnnmes in uns reift, ohne daß wir es merferrj
so daß wir, wenn wir seine Früchte sehen, überrascht und verzweifelt sind und auf das tödlichste erschrecken.
„Wer kann behaupten, daß ich Schuld habe," sagte sie, „wo ich doch kaum wußte, daß es außer der meines Mannes noch eine Schuld gab? Als es geschehen war, da lähmte mich rrur bleiches Entsetzen, denn ich konnte mir sagen, daß ich es wohl traumhaft erhofft hatte,... so wie wir oft von Dingerl ttäumen, von denen wir mit Bestimmtheit wissen, daß sie sich nie ereignen werden— daß idy es aber nie bewußt gewollt hatte... Und doch war es über Nacht gekommen. Es war ein furchtbares Erwachen."
Dann sprach sie, nach einem Aufatmen, mit dem sie die Erinnerung an dies brutal Gewaltsame von sich abschüt- delte, von. Behrens, und in ibre Stimme kam ein nlilder Ton, ein Don der Dankbarkeit, oie in ihr nachzitterte, und die doch nidfjtt so stark wie ihr Lebenswille war, der sich nicht länger mit etwas verketten wollte, das vorbei, das für alle Zeiten in ihr ausgestrichen war.
„Wir Frauen,"" sagte sie, „können nur leben und gedeihen, wenn uns Zärtlichkeit und Liebe einhüllen, die all unser Ws es verdecken,, die es ersticken^, so daß es nicht wachsen kann... Es war eine Torheit von inir, daß ich mir einen Menschen ansdrängen ließ, wie es mein Gatte war. Er alterte und neidete mir deshalb meine Jugend, in der er seinen Feind witterte und die er erdrosseln! wollte, obwohl sie doch mächtig genug war, sein eigenes Leben zu zerbrechen. Es war ein Kampf zwischen uns, der auf Tod und Leben ging uiid in den dann der andere eingriff, der so sehr Mann, der so stark war, daß ihn sein Alter nicht hinderte, sich vor meiner Jugend zu beugen ... Wenn ich ihn auch nicht liebte, so wärmte ich mich doch an der Liebe, die mir aus seinemj Herzen in lichten Flammen enigegenschlug, denn ich fror in jener Zeit, die niemals Sonne für mich hatte... Das ist jetzt vorbei. Ich bin frei uiid reich und ich fühle, daß ich noch jung bin. Ich habe alle Erinnerungen cm die Vergangenheit in mir ansgemerzt, sie drücken mich nicht mehr und sich fürchte mich vor keinen Schatten... Ich will leben, denn ich bin jung und stark!""
An diesen ihren Worten entzüiidete sich auch seine Phantasie, und er erzählte ihr, was er selbst noch vom Leben erwartete. Die ttefe Stille im Zimmer erschien ihm wie der weiche, endlose Raum eines nächtlichen Traumes vom Glück Altes Unwahrscheinliche blühte hier zur Selbstverständlich- ke:t auf, alle Enge und Schwere war aufgehoben, das Abenteuerliche bekam den Ziig des Natürlichen iind Wahren.
Er beichtete ihr von seiner Sehnsucht, reich zu werden, so reich und mächtig, daß es daiin nur eine wie automatische Folge und Selbstverständlichkeit war, Wenn er sich aus der durstigen Zusammengehörigkeit der plunipeu Masse löste, sich über sie erhob, sie nach, Gutdünken lenkte und gebrauchte, als ein Halbgott, der nur sich selber verantwortlich war.
Der Anfang war gemacht, er stand auf einein Grund, der schon so fest war, daß er es wagen durfte, ein kühnes Gebäude darauf zu errichten, ein Gebäude, das himmelwärts strebte iind das alles andere überragte. Er sei nicht furchtsam, denn er fühle, wie er mit seinen: Ziel wachse, das ihn iiilr um so stärker machte, je höher er es hiuauffchraubte.
„Aber ich bleibe doch arn:,"" sagte er, „und mein Leben wrrd zwecklos, wenn Sie mir nicht die Hand geben-, um inich zu führen!" r
ivai an oer jeuiex* eigenen Worte entbrannt und spurte, wie das Feuer, das in ihn: aufschoß, auch auf sie Übergriff, wie es auch sie in Flaminen setzte, die nur darauf wartete, z:l brennen, in der, wie in ihm, der Wunsch war, alles Alte, Unzulängliche und Kleine von diesem Feuer verzehren zu lassen, das zugleich den Willen nach Neuem und Starkem härtet^.
. ^ trat Hutter sie, legte leicht seine Lippen auf ihr Haar und bettelte: „Wolle:: Siemir helfen?""
Sw zögerte erst lange, zu antworten, doch dann fragte sre: „Was schlagen Sie mir vor?"" Sie duldete dabei seine kaum wahrnehmbare Liebkosung, sie berührte sie sogar an- genehm, denn es entging ihr nicht, wie alles in ihm dahin drängte, sich ihr zu schenken.
„Ich schlage Ihnen vor, mich zum Mann zu nehmen" agte er, wobei sich seine Lippen Tettfam verzerrten, in einem Schmerz, dessen Süße seinem Blut ben Lauf hemmte. „Das schlage ich Ihnen vor, — nein, darum bitte ich Sie!"' „Aboffeu Sie sich viel davon?"" fragte sie.
„Mles erhoffe ich mir davon," antwortete er behutsam.


