Ausgabe 
29.12.1917
 
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Die Rächer.

Roman von Hermann Wagner.

(Fortsetzung.)

Sie sah das im Spiegel und blieb, ohne sich zu rühren, in der gleichen Haltung, sich ihm gleichsam preisgebend, in Wirklichkeit aber diesen rechten Moment packend, in dem er sich in ihre Gewalt gab.

Als sie vom Spiegel zurücktrat, wußte sie, daß sie diesen Mann hatte, daß er ihr nicht mehr entkam.

Er al>er, ertappt, stand aus und ging mit hastigen Schrit­ten durchs Zimmer, ohnmächtig uild gar nicht einmal ernst­lich an den Fesseln rüttelnd, die sie ihm angelegt hatte, ohne Mühe, ohne sichtlichen Willen, nur dadurch, daß sie die war, die sein Schicksal werden mußte.

Sie hatte sich inzwisck>en eine neue Zigarette angezündet, deren Spitze in der Dunkelheit des Zimmers blaß ausblitzte, wenn sie einen ihrer tiefen Züge daran tat.

Und nlit leisen Worten, so, als ob nichts zwischen ihnen vorgefallen wäre, begann sie wieder zu reden. Von Dingen, die dem Alltag entnommen waren, von Reisen, die sie ge­macht hatte und noch machen würde, von Landschaften und von Menschen, und zuletzl, mit einem kaum merklichen Ueber- gang. auch von Herrn von Webenau, der ihr gefallen habe und ben sie doch nie heiraten würde, weil er nicht mehr als ein guter Junge sei.

Und ganz dunkel deutete sie es an, daß es ihr Wunsch sei, eine zweite Ehe einzugehen, eine Ehe, die ihr keine Leiden­schaft, dafür Ruhe brächte, mit einem Mann, den sie gern haßen könnte, ohne ihn lieben zu müssen.

Da sielen ihm die Worte ein, die vor einigen Tagen Dora zu ihm gesagt hatte, und er tat nun die gleiche Frage, die damals an ihn gerichtet worden )var:Gibt es überhaupt jemanden, den Sie lieben?"

Er wunderte sich nicht darüber, daß sie diese Frage ebenso verneinte, wie er es damals getan hatte, und doch stöhnte er laut auf, so daß sie ihn fragte, was er habe.

Nichts," antwortete er finster, um gleich darauf hinzu­zufügen.'Doch, eins: ich möchte Sie etwas fragen. Zuvor aber möchte ich wissen, ob Sie auch einmal die Wahrheit sagen können."

Ich lüge niemals," sagte sie stolz,das dürfen Sie mir glauben."

Ich möchte Sie fragen, ob Sie noch niemals die Sehn­sucht empfunden haben, zu lieben, zu lieben, nicht geliebt zu werden!"

Jede Frau hat diese Sehnsucht," sagte sie einfach, jede ..."

Nicht auch jeder Manu?"

Ja, noch mehr jeder Mann, jeder echte, jeder starke Mann!"

Er verfiel in ein dmupfes Brütet!.Ich sehe, Sie ver­achten nlich," sagte er nach einer Weile.

Verachten Sie sich nicht selbst?"" fragte sie, und das klang weich, fast zärtlich.

Er ballte die Fäuste.Sie haben recht. Ich tue ^s. Ich tue es in dieser Stunde."

Sie tat, als habe sie nicht gehört, was er gesagt hatte. Sie sind ein Mensch, der an sich verzweifelt," sagte sie in bestimmtem Ton,wissen Sie das nicht? Für Sie gibt es nur ein Mittel, das Sie retten könnte, nur eines..."

Welches?"" fragte er.

Sie brauchen einen Menschen, der Sie hält, der Sie führt, einen Menschen, dein Sie glaub-en, weil Sie un­fähig find, sich selber zu glauben ... Einen solchen Menschen brauchen Sie. Er »väre Ihre Rettung.""

Dummheit!" wütete er.Gehe ich nicht meinen Weg? Und bin ich ihn nicht mit Erfolg gegangen?""

Jeder Mensch geht einen Weg, und die meisten Men­schen gehen viele Wege, bald den, bald einen anderen. Es kommt aber darauf an, daß man nur einen Weg geht und daß man an diesen einen, nur an diesen einen, glaubt, denn nur dieser eine Weg ist der eigene... Wieviele Wege sind Sie schon gegangen?""

Haben Sie sich noch nie geirrt?" gab er ihr verbissen zurück.

In den:, was ich wollte, nie im Gegensatz zu Ihnen, der Sie sich nur in dein nicht irren, was Sie können... Und es ist gar nicht soviel, was Sie vermögen, denn beim ersten großen Widerstand werden Sie schwach So zum Bei­spiel jetzt. Oder glauben Sie im Ernst, daß Sie mich be­zwingen ?""

Ich werde es Ihnen beweisen/" murmelte er.

Sie lachte.Was können Sie tun?""

Sie sind in meiner Hand,"" sagte er voll Rachsucht. Es Ijöngt nur von mir ab, ob Sie noch länger in Freiheit bleiben.""

Der Brief?... Sie werden nie Gebrauch von ihn! mack-en. Er hat nur solange Wert für Sie, als Sie ihn als Drohung gegen mich verwenden können. In dem Moment, da Sie Ihre Drohung wahr machten, wären Sie verloren!"

Ich?"

Sie, da Sie in mir den einzigen MensclMi verlieren würden, den Sie brauchen, weil er Sie retten kann..."

Seine Brust arbeitete so heftig, daß sein Atem zu hbreit wiar. Seine Pulse flogen. Und ein roter Schein legte sich ihm vor die Augen.

Nur mit Mühe brache er die Worte heraus:Und... Sie wollen mich retten

In ihrer Stimme zitterte ein verhaltener Triumphe und doch klang sie eher demütig als stolz und war nicht lwrt, vielinehr weich, von einer königlichen und sich doch oiV schmiegenden Weichheit. Sie sagte:Gestehen Sie zuvor, daß Sie es nöttg haben, gerettet zu werden, von mir gerettet zu tverden, von mir!""

Da brach es mit einem Male aus ihm hervor.

Er sprang auf, preßte die Hände gegen dre Schläfen und