Ausgabe 
29.12.1917
 
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so, als müsse er jedec einzelne Wort, das er sa^e, erst v^igerr,alles. Sagten Sie vorhin nicht selbst, daß Sie die feien, die ich brauche?... Und ich? Werde ich Ihnen /nie etwas beideuten? Verachten Sie mich noch?"

Sie hob die Arme und legte sie von rückwärts auf seine Schultern, ihn so tiefer zu sich herabziehend.Nein," jagte sie,ich verachte Sie nicht." (Fortsetzung solgt.)

Zum neuen Iahre

Bon Alexander v. G l e iche n - N n ß, w u r m.

An der Spitze dieses Jahres stehen ein Dank und ein Wunsch. Jtn ersteren ilt ein Rückblick, im anderen der Ausblick enthalten, 'Lu Betrachtungen, wie sie sonst üblich und nutzbringend waren,- Pur Kritik des Gewesenen und einem Kvogrammt für die Zukunift fehlen Stimmung und Zeit. Und trotzdem steht für jeden, der »wischen den Zeilen liest, etwas davon im Tank und im Wunsch.

Wohin wir blicken, »ollen wir Dank. Im Gebet erhebt der Fromme die Blicke zum Himmel und dankt für das Walten der Vorsehung, voll Ehrfurcht streckt die Heimat ihre Hände zum Dank nach, der Front:Ihr habt uns beschlitzt," und schier andachtsvoll sieht der Krieger auf Ebtern, WM. und Kind. Auch er dankt mit! dein schlichten Wort:Ihr habt geschafft." Es sind Tage vergangen, nt denen jeder jedem etwas bohl Bitterkeit vorzuwersen fuchste, es ^u.chte heute ein junger Tag, ein.juitges Jahr herauf, »n dessen! Beginn jeder jedem entgegen trete, offenen Herzens mit dem Biö- kenntnis der Dankesschuld. Tug wir das, so sehen wir uns ganz anders an und nehmen den politischer nnd wirtschaftlichen Kampf mcht mehr neidbeseelt auf, sondern im Gefühl, einen Wettkampf für das allgeineine Beste »u beginnen, wenn auch, der eigene Vorteil voranstehen soll. So kommen wir zu dem Wählspruch:Leben und leben lassen!"

Hier setzt mein Wunsch, ein. Mögen alle, die etwas »u sagen haben, und alle, deren Einfluß, über die eigene Person hinaus­reicht, sich diesen Wahlspruch stets vergegenwärtigen: Leben und leben lassen. Dann wisrd die drückende ^Schwüle weichen, der alles vergiftende Neid fällt ab, und/ dadurch, erleichtert sich die Sorgen­last, die wir schleppen, um ein gewaltiges Gewicht. Wer seine Hand­lungen nach, diesem Grundsatz richtet, hat weder Zeit noch Lust, nur aus Schadenfreude oder nur von der Mfmne des Verbietensl beseelt, kreuz und quer Anordnungen »u treffen, damit etivas be­sohlen wird. (Er gönnt jedem sein Leben, solange es verläuft, ohne offenkundigen Schladen nach außen anznrichten. Damit kvmme'nl wir ans das freie Spiel der Kräfte, wie es vor dem Krieg stattfand Uiid nach, dem, Krieg so schnell als möglich wieder eintreten muß.

Wir wollen in diesen Neujahr slvnn sch keine Prophe.zeiung Verflochten. Solche jGedankensprünge haben sich meist als trügerisch erwiesen, weil der Prophet au,st.seinem! ReitplserdHoffnung" in das Neuland galoppierte. Wenn wir uns vorn-ehnren, wo es immer geht, unser eigenes Leben frei Ml .sichren, den Angeirblick ftuo au&i Mmutzen, aber auch in nt Takt und 'Liebe den Nachbarn nach seinen Faffon selig werden zu lassen, können wir das Träumen und Spintisieren von einer besseren Zukunft aufgeben, dafür aber die Gegenwart Mit Resignation oder Humor, friedfertig oder kampf­bereit, te nach Temperament und Geschick hinnehmen. Rllhe und Fassung m leder Lage, sonst aber Heiterkeit i.m Wesen, läßt das L-eben ertragen und hebt die Seele über den Wechslet der Ereignisse Ohne Humor kommen wir nicht mehr durch. Und gerade in ernster Zeit, tn schweren Tagen, ivie sie verantwortungsvoll nird drückend wohl 'kaum einer Goneration vor uns in ihrer Gesamtheit Mrten geworden sind, sei es erlaubt, mit einigen Worten aus dem 5^0^. des Humors hinzuweisen. Humor liegt »nie eine Perle in der Tiefe der Ereignisse, er ist nicht mit deni Wich n vergleichen des,en Schaum stur die Oberfläche kräuselt, ein Philosoph nannte ly«.Ern slchnecken mit deni Ernst des Lebens". Wer aber zu necken' begrmtt, hat überwunden, seine Seele gleitet üjb-er die Abgründe wld steht über deni Leid. Der Humor stammt nicht ans Herzlosig- er ist eure Gabe des Herzens. Die einfache Mahlzeit lvürzt solcke Gabe, den rauhesteu Weg und die längste Straßenstrecke.

,,. vp** e3 gnbt doch Dinge, wo jeder Humor ein Ende hat. höre ich sagen. Gewiß, doch diese Dinge kommen nicht an uns heran wenn der Staat und ivir und alle, mit denen wir zu tun haben" den Grundsatz ^rseckstan: Leben und leben lassen. Darauf kommt es <m und deshalb stelle ich dies alte Wärt, an die Spitze der diesjährigen Neurahrsbetrachtung. f

Gegensätze, die sich schinerzhaft vor und aufgetan, verschwinden, Front und Heimat erscheinen nicht mehr als getrennte Welten' Stadt und Laich nicht mehr als Gegensatz, die geistige Arbeit nicht mehr im Streit mit der körperlichen, und jeder tut das, wozu er geeignet ist, zann allgemeinen Besten. Hier setze ich den zweiten Teil meines Wunsches an, der dahin geht, daß in diesem Jahre jedev wi^icr zu der Arbeit gelangt, die er gewählt hat, weit sie seinen. Fähigkeiten entspricht. Mtt diesem Wärt ist wohl alles gesagt und das unter eine gemeinsame Formel gebracht, was jeder für sich ein wenig anders ausdrückon ma^. Damit ich, recht verstanden lverde, Mr Seite - Äll,ö ^ nni ^ xm von Heinrich von Kleist

Herzens bloßem Wunsche keimt DeS Glückes schöne Götterpflanze auf.

Der Mensch soll mit der Mühe Pflugschar sich Des Schicksals harten Boden öffnen, soll Des Glückes Erntetag sich selbst^bereiten Und Taten in die offnen Furchen streun.

Für die kommenden Monate läßt sich eine bessere Mahnung schloerlich finden. Wlas uns das Schicksal auch bieten wird, eigenes Tun, eigene Arbeit und eigene Mühe And sür jeden unter allen' Uni ständen Gebot. Ueberall wird von Neuordnung gesprochen, aber erst ist die Ordnung nötig, und Ordnung braucht Arbeit, wo und wer sie auch schafft; wo geordnet wird, gibt's Leine Müßig­gänger, aber auck) keine Leute, die alles angeben und macheil wollen, Gschaftlhuber", wie der süddeutsche Ausdruck sie nennt. Auch bei der Arbeit des Ordn'Ms und Neuordnens darf kein Beteiligter den Spruch, vergesseu:Leben und leben lassen."

Das Uebermaß allen Geschehens hat uns in den letzten Jahren mehr auf uns zurückgesührt und dem ernsten Buch eine wichtiger« Stellung im Alltag als früher gegeben. Ta trat auch Goethes allumfassende Persönlich,Veit wieder mehr in den Gesichtskreis und das Leben des Dickfers bot mancherlei Vergleich 'mit dem Leben heutiger Menschen. Ta sehen -wir, daß Goethe trotz des Wider­spruchs verschiedener Perücken und Pedanten Minister wurde, lohiw die Stufenleiter der unteren Posten und Postchen durchlaufen zu haben. Großlzügig und weitherzig schrieb Karl August!über diesen Fall an -einen, der ihm Vorwürfe machte:Sie werden selbst einsehen, daß ein Mann wie dieser nicht würde von unten aus zu dienen aushalten. Einen Mjanp von Genie nicht an dem Ort ge- branck-en, wo er seine außerordcsttlichen Tstlcnte gebrauchen' kann, heißt denselben mißbrauchen." Nach Karl Augusts Beispiel an maß-gebenden Stellen zu verfahren, sei diesün als Neujahrs­wunsch ausgeschrieben, wenn er auch nicht immer lein Goethe fein muß., dem der rechte Platz also ohne Meid und Mißgunst zuteil! würde. Auch hier sollte es in .Zukunft kheißen: Leben und leben lassen! Tann kann es auf politischem!, sozialem »und gesellschaftlichem! Gebiet in Zukunft nicht fehlen.

Aus der Enge hinaus in die Weite dringe der Blick, das Her» öffne sich. Dank und Wunsch schließen sich «in ein Gefühl, in ein Wollen zusammen und fester Mut durchdringt alle, dev. Zeit ohne Furcht ins Ajuge »u sehen. Ms Stammbuchvers sei dem neuen Jahr der Vierzeiler geweiht:

Kannst du geben, sollst du geben;

Doch, du nimmst auch, bringe Tank.

Willst du leben, lasse leben Dann begräbst du Streit und Zank.

Silvesternacht.

Bon B o- B e r g m a n n.

Übersetzung aus deni Schwedischen von Marie Franzos.

Es war eine furchtbare Kälte.

Tie Ebene lag wie eine endlose weihe Platte da. vom Winde poliert. Ein Schilitten fuhr über den Weg, es knirschte unter den Kufen, und die kleinen, mageren, zottigen Pferdchen waren vom! Reiffrost eingehüllt, wie von erfrorenein Seifens-chanm. Ter Bauer war in seinen Schafpelz gewickelt, man hätte seinen Bart abbrechcn können. Dahinter saß der heilige Petrus und blickte »n den Sternen/ aus.

So, von hier imten nimmt es sich besser aus," sagte er. . w ?lrch entern alten russischen Mnsckstk, halb blind und vergeßlich. Aber es war nicht so schlinim mit ihni bestellt. Mer- dings l>atte er seinen Platz im Himmelreich aufgesagt, aber wie d:e meisten anderen Hausmeister hatte er ficf^ ein schönes Stück Geld zurückgelegt und kam jetzt wieder auf die Erde herunter, um niit den Menschen zu plaudern. Er plauderte gern. Und ans seine alten Tage war er ganz anders geworden. Das lvar nickst mehr der wnge Petrus, der lösen und binden konnte, Ecksteine und Felsen. Sem Amt an der Himmelstür hatte ihm Gelegenheit zuni Nach­denken gegeben; und es war ihm gegangen, wie es eben manchmal geht: er ioar ans seine alten Tage freisinnig geworden und da-^ mit milder von Gesinnung. Früher hatte er nicht mit sich reden lailcn ; er hatte dem Unwürdigen die Türe gerade vor der Nase zu ge Magen, da hatte kein Bitten und kein Weinen geholfen, die Gerechtigkeit mußte ihren Lauf nehmen.

Aber jetzt lvar es anders. Er war alt und gedächtnisschwach gewordenund erinnerte sich, nickst mehr so genau an den Unter-, schied zwilchen Recht und Unrecht worüber er in seiner Jugend jo gut Bescheid wußte. Die Bergeltungstheorie, die doch di« Staatsverfa|sung des Himmels ist, bebanu ihm ins Wanken zu ge^ raten: und da sah er eu« datz eS für ihn Zeit war ju gchen. Unser Herrgott mochte sich nach einem arideren Pförtner und Premiermmilter umsehen.

Eine alte Jugendliebe zog ihn zur Erde, und jetzt saß er also hinten auf einem Schllitten und ftihr über die große lveiße Ebene über sich lauter Sterne. Und es lvar in der letzten Nacht des Jahres, lvv die Erde iksten Lauf verlaugsamt und im Weltcnraum sttlllieht, wahrend der ZwölfMag hinausdrölmt. v , Es inochtc jetzt gegen zehn Uhr sein. Der Bauer hielt an und drehte sich im Schlitten um: er hatte eine Flasckv aus der Biust. taiche gezogen.

Trrnt eins," sagte er zum heiligen Petrus.