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„Ich habe nur meinen Mann gehaßt, — das war alles » . . Der andere hat mich von ihm befreit. Dafür war tcf) lhm dankbar. Wir sind quitt."
„Sie sind kalt und grausam," sagte er mit pochendem Herzen, denn ihm war, als müsse es ihn: gelingen, sie zu Überzeugen. „Denken Sie nickst daran, was er leidet?"
„Er büßt, was er getan hat."
^Wlaren Sie es nicht, die ihn dazu getrieben hat, es zu tun?"
>Sie wurde rot und ballte zornig die Fäuste. „Hat er Ihnen das gesagt?" ■ „ ...
„Mehr noch," versetzte er und hatte die Empfindung, daß er eine Wolfsgrube bereite, in die sie unrettbar hinein-, stürzen mußte, „er hat mir Beweise gegeben."
Sie biß sich auf die Lippen. „Beweise?"
Seine Haltung nahm etwas Hinterhältiges an. „Es existiert ein Brief von Ihnen, der beweist oder es zum mindesten wahrscheinlich macht, daß Sie bei jener Tat damals die treibende Kraft waren . . . Ja, dieser Brief ist vorhanden. Zu Ihrem Glück lag er dem Gericht, das damals gegen Sie verhandelte, nicht vor. Sonst säßen Sie" — er lächelte düster — „jetzt wohl nicht hier!"
Ihr Gesicht war verzerrt und sie kämpfte mit dem Atem. „Wo, ... wo ist dieser Brief?" flüsterte sie.
„In meinem Besitz," sagte er langsam und kostete diese Minuten ihrer Angst voll au^, „in meinem sicheren Besitz."
„Und er, . . . er hat Ihnen . . . diesen Brief gegeben?"
„Er befand sich. an einer sicheren Stelle," antwortete er ruhig, „an erneut Ort, von dem ich ihn, als ich in Freiheit war, abzuheben hatte . . . Das habe ich getan. Mein Auftrag ist es, ihn zu verwahren. Ich erfülle meinen Auftrag."
Sie schrie plötzlich auf, so laut und in einem Ton so tiefgründiger Qual, daß er bis in seinem Innersten erbebte.
Sie war aufgesprungen und hatte sch, wie um ihm zu entfliehen, zur Tür gewendet, war aber vor dieser wieder jäh umgekehrt und hatte sich auf die Ottomane geworfen.
Sie lag mit dem Gesicht nach unten und schluchzte. Ihr Weinen erschütterte ihren ganzen Körper. Es rang sich stoßweise aus ihr empor, es Überflutete sie, wie ein tosettd her- vorbrcchendes Gewitter eine lechzende Landschaft überflutet.
Er trat zu ihr und berührte mit beit Fingerspitzen ihre Schulter. „Hören Sie," sagte er und spürte dabei eine große Trockenheit in seinem Gaumen, „Sie dürfen ncht so weinen, — man wird sonst aufmerksam auf uns!"
Hatte sie das Tastende, unsicher Suchende in seiner Stimme wahrgenommen, jenes,'vor dem er jetzt selber erschrak, da es lote ein Versuch klang, den er unternahm, um ihr näher zu kommen?
Sie hob den Kopf und stützte ihn mit der Hand. „Gehen Sie," sagte sie, „ich will Sie nicht mehr sehen . . ."
„Fürchten Sie sich vor mir?" fragte er. „Das sollen Sic nicht."
„Nein, ich fürchte mich nicht vor Ihnen, — aber Sie flößen mir Ekel ein, — Sie und der andere, ... ja. Sie alte beide!" *
Er erblaßte. 5 ,Warum?"
„Weil, . . . weil Sic ein Reptil sind, — ja,, ejin Reptil, das sich nachts anschleicht und das, wenn man es auf der bloßen Haut spürt - kalt, lüstern und gransant —, das einem dann Entsetzen -einjagt und Ekel und Granen, so daß man sich schüttelt ..."
Eine Wdge von Erregung stieg in ihm hoch. „Sie lügen!" schrie er sie an, „Sie lügen, Sie verdrehen die Wahrheit! . . . Weshalb bin ich hier? Nicht um Sie anzugreifen, bin ich hier! Um den Dolchstich abznwehren, den Sie gegen einen anderen führen, — gegen einen, der wehrlos ist, den Sie verraten wollen!"
Sie lachte ihm höhnisch ins Gesicht. „Lügner! Nicht deshalb sind Sie gekommen! Soll ich es Ihnen sagen, welches der wahre Zweck ist, der Sie zu mir führt? . . . Fangen- wollen Sie mich! Besitzen wollen Sie mich! Und weil Sie zu schvach sind, mich zu erobern, so steigen Sie, wie ein Dieb, nachts durchs Fenster, um mich zu stehlen!"
Er starrte sie entsetzt an. „Sie . . . wollte . . . ick)—?!"
Sie sprang auf, stellte sich vor ihn hin und hob beide Arme. „Sehen Sie mich an, wenn Sie es können!"
Er hob den Kopf, ließ ihn aber sogleich wieder sinken, trat zur Seite und warf sich in einen Stuhl. „Sie sind ein Teufel!" flüsterte er.
„Sehen Sie es, merken Sie es, daß Sie mich wollen,... mich, nur mich?!"
ES überrann ihn kalt und heiß zugleich, denn er hörte es, daß in ihrer Stimme keine Drohung mehr, sondern unverhaltener Jubel war. „Ich habe . . . nie daran gedacht," murmelte er.
„Aber jetzt, . . . jetzt denken Sie — doch daran?!"
Er schwieg.
Da brach sie unvermittelt, tief Atem holend, das Gr- sprach -ab, und als besinne sie sich, in welchem Zustande ihr Haar sei, ging sie an den Spiegel, um es hochznstecken.
Er wollte es nicht und mußte es doch tun: er verfolgte sie mit seinen Augen, umfaßte sie mit ihnen, ließ, einem gebieterischen inneren Zwang folgend, den Zauber ihres biegsamen Leibes voll auf sich wirken.
(Fortsetzung folgt.)
Walls.
Kriegserinnerung eines alten Heidelberger Korpsstudenten.
Von Max Treu.
(Nachdruck verboten.)
Eines schönen Abends im Juli 1914, als ich gerade vom „Seppel" heim ging in meine Wohnung-, war er mir nach-elanfen, genommen. Ich sah ihn erst etwas erstmmt an, aber das kümmerte ihn nicht. Dann versuchte ich, rhu fvrtzufcheuchen, aber auch bas half niästs —> er lief unbeirrt hinter mfo her und tvottetH bald getreulich au meiner Seite. Ich warf ihm emige bedenklich« Blicke zu, der 'klassische Pickel ans „Faust" fiel mir ein, aber da ich mir 1>ewußt tvar, keinerlei Wünsche an Herrn Mephistopheles zu haben -oder jeweils gehabt zu) haben, so verschwand dieses drohende Spukbild alsbald, nnd ich ließ Nlir die Begleitung ge. fallen. Und mein Begleiter schien auch aar nicht willens, davon abznst-ehen. Ms ich die Haustür aufschloß, war er schon drinnen, bevor ich überhaupt mir recht überlegen.Sonnte, ob ich ihn denn nun wirklich mitnehmen sollte oder nicht. Er löste die Frage einfach dadurch, daß er die Treppe hincrufsprang, als habe er es schon tausendmal getan, und vor meiner Tür anhielt, als sei chm das etwas ganz Mltäglichtes'.
Kurz und gut, ich war in dieser Nacht der Besitzer eines Hundes geworden. Nicht gerade eut Prachtexemplar seiner Rasse Ziemlich ruppig und struppig — Staat Sonnte mau nicht mit ihm machen. Eine Art Schäferhund, offenbar etivas verwildert, von gMer Sitte nur sehr wenig beleckt. Aber als ich daS alles nun! beim Sckstmmer der Lampe fest stellte, da legte das Tier seinen Kops aus mein Knie, sah mich so treuherzig rnrd gutmütig an, alS lootlc er sagen: Jag mich doch nicht wieder fort, ich habe ja keinen Menschen, der es gut mit mir meint, und <— wer tveish ob ich dir nicht mal vergelten kann, tvas du an nlir tust —
Ich hätte ein Barbar sein müssen, wenn ich diesen treuen Blick aus den gutmütigsten Angen nicht verstanden hätte. Ich wies meinem zugelaufenen Freund eine Lagerstätte an, auf der er sich schveifwedelnd niederließ, nnd am anderen Tag gab ich eine Anzeige an die Tagesblätter, daß mir ein Hund zugelaufen sei, der ehrliche Besitzer möge ihn abholen.
Mer niemand luoüte der ehrliche Besitzer sein, nieinand meldete sich — und das mar mein Glück, denn dieser Unehrlichfeit verdanke ich mein Leben-
Der geneigte Leser oder noch vielmehr die freundliche Leserin werden hier sehr ärgerlich mir zu rufen: „Hör mal, du »vilkst. uns hier wohl einen Bicrnlk aufbinden?" Ich bitte um Verzeihung — ich erzähle die Wahrheit, nur ein ganz klein wenig Geduld, nnd es kommt Licht in diese dunkle Geschichte.
„Wallo" so taufte ich deir Hund, da jeder ehrliche Hund doch einen Namen haben muß — erwies sich sehr bald als das Muster eines- Hundes. Er war treu, folgsam, zuverlässig und hielt - und das war sehr ordentlich — mit unseren Korpshnndan gute Kameradschaft. Zuerst zwar fa.hen ihn die Letztgenannten! ein wenig scheel an. „Wer bist denn du?" Aber schon nach wenigen Tagen duldeten.fie^ daß er aus ihrer S^ussel fraß und sich auf ihre Strohmatten zur Ruhe niederstreckte. Alles also atmete Frieden.
Nur die Welt nicht; die geriet außer Rand und Band, und Krieg! nnd aber. Krieg! donnerte es durch Europa. Tie Mobilmachung kain, ich eilte zu beit Fahnen. Hinter mir versank Bur* schenliist und Burschenherrlichkeit, versank Heidelberg mit seiner Poesie, seinem frohen Leben, seinen lieben Mell schien 'und seinen! vertranten, alten Gaststätten auf den Bergen mrd im Tale, und in das Rollen des Zuges hinein klang mir aus tiefstem Herzens> gründe die Frage: „Werde ich euch Wiedersehen?"
„Wan, wau!" sagte Wallo, der 511 meinen Füßen lag, uild ich übersetzte mir das in mein geliebtes Deutsch: „Ja, ja?" Wo« oder übet hatte ich den Hund mitnehmen müssen — niemand wollte ihn haben. Ihn totschießen, dazu ist immer noch Zeit, badyte ich, ivonn es notlvendig sein sollte. Jni Gegenteil, der Hairpt- manll drückte alle beide Angen.zu, als ihm sein jüngster Unter--, ossizier einen vierbeinigen Genossen mitb rackste: „Na, ja, ioenn


