Ausgabe 
24.12.1917
 
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Werden Sie noch, heute reisen?" c>n einer Stunde. . ."

^Geben Sie mir Ihre Ha^ld! Sie ftrt-b brav! Ich werde Kit Dankbarkeit an Sie denken!"

(Sie schritten auf den Seehof zu und begaben srch ein ;e- ber auf sein Zimmer.

Lucie Blümner war nickst zu sehen. .

Hast du aufgepatzt, was sie mach.t?" wandte sich Rers- ner an seinen Diener.

Seit drei Stunden ist sie in ihrem Zimmer, das sie Verriegelt hat," antwortete Prokop.

Reisner war unruhig. Bald trat er auf den Balkon Linons, bald warf er sch in einen der Stühle. Die Zeit schlich wie auf Krücken. Endlich schlug es sechs.

Ein Wagen ist unten vorgefahren," meldete Prokop.

Reisner stürzte auf den Balkon.

Er sah es, wie Herr von Webenau einstieg, der Wirt verabschiedete sich mit gekrümmtem Rücken von ihm, Haus­diener, Stubenmädchen und Kellner nahmen ihr Trinkgeld bt Empfang.

Im rechten Flügel des Gebäudes wurde ein Fenster ge- -fstret . . . -

Der Kutscher knallte mit der Peitsche, die Pferde zogen an, der Wagen arbeitete sich aus dein knirschenden gelben Kirs heraus.

Da rief aus dem Fenster, das im rechten Flügel des Hauses geöffnet worden war, eine weibliche Stimme ein paar Worte. . .

Doch die Worte verhallten ungehört, der Wagen fuhr weiter, und nur der Wirt mit seinen Leuten wandte sich dem Fenster zu.

Prokop," sagte Reisner zu seinem Diener,geh und melde der Dame drüben, daß ich dringend mit ihr zu reden habe!"

14. Kapitel.

Reisner trat ein und zog verächtlich die Mundwinkel frxfy. Er sagte sich, daß es voit dieser Frau doch albern sei, albern und geschmacklos, ihn in diesem Kleide zu empfangen.

Lucie Blümner lud ihn ein, sich zu setzen.Sie wollen mich sprechen?" sagte sie in einem ehrlich liebenswürdigen Ton, der bewies, wie unbefangen sie war.Bitte, was haben Sie mir zu sagen? Weshalb sind Sie hier?"

Zunächst deshalb, um Ihnen Empfehlungen von Herrn von Webenau zu übermitteln, der abgereist ist."

Ich danke!"

Wissen Sie auch., warum er abgereist ist?"

Weil Sie ihn fortgeschickt haben," lachte sie,natür­lich!"

Ich habe ihn fortgeschickt, ja!"

Fürchtete er sich so sehr vor Ihnen, der Arme?"

Nicht vor mir, doch vor Ihnen!"

Oh, ich hätte ihm nichts getan," rief sie aus und griff nach dem Zigarettenetui, das neben ihr auf dem Tisch lag. Haben Sie Feuer?"

Hier," sagte er.

Doch Sie, nicht wahr?, Sie kennen keine Furcht, am wenigsten vor Frauen?"

Nein," sagte er.

Sic zog den Rauch ein und stieß ihn durch die Nase wieder aus. Es war zu sehen, daß sie viel rauchte. Doch stand es ihr gut und nahm ihr nichts von ihrer Weichheit.Das ist recht," sagte sie,mir imponieren Männer, die sich nicht fürchten . . . Rauchen Sie nicht?"

Danke," sagte er und bediente sich.

Sie kreuzte die Beine und gab dem Schaukelstuhl einen erneuten Stoß.Wissen Sie, daß es zweierlei Arten von Männern gibt, die behaupten, sich, vor den Frauen nicht zu fürchten? Sehr naive und sehr erfahrene ... Ich zähle Sie zu den naiven!"

Das sollten Sie nicht," sagte er ernst.

Wieder warf sie mit einem Ruck den Kopf hoch.Oh," rief sie lachend aus,mein Haar!"

Sie eilte zum Spiegel, um ihre Haare, die herabgefallen waren, wieder lose aufzustecken.

Er sah im Spiegel ihr Gesicht, das in einer stummen Sprache zu ihm redete, in einer Sprache, die er verstand und um derentwillen er diese Frau verabscheute.

Bin ich schön?" fragte sie.

antwortete er,aber ich. begreife doch nicht, wie- fe Sie jemandem zum Verderben wMd-e" konnte" "

Sie blieb vor seiner Beleidigung unberührt und blickte überlegen über ihn hinweg, so, als ob er ein Scl)wätzer wäre, der sie im Augenblick amüsierte.Ich. glaube es Ihnen, daß Sie das nicht begreifen. Ihre Formel ist sehr einfach. Sie sind kein Mann."

Oho!" drohte er ihr.

Kein Mann," wiederholte sie, ihn unter einem mit einer graziösen Gebärde besänftigend.Ihr herrisches Ge­baren täuscht mich nicht. Es bestätigt mir nur, daß Sie im Innersten schwach sind."

Er lachte rauh auf.Oh, ich würde es schon auf mich Nehmen, Sie zu zähmen."

Sie wandte sich ihm zu, ließ beide Arme herabsinken und sah ihn, sick). ihm gleichsam wehrlos preisgebend, voll an. Das würde Ihnen nie gelingen. Ich fürchte Sie nicht. Nein."

Vielleicht werden Sie es noch lernen, mich zu fürchten!"

Ihre Augen schimmerten in feuchtem Glanz.Wie, . . . wie wollten Sie das zuwege bringen?" fragte sie leise.

Er forderte sie mit einer Handbeweyung auf, sich zu setzen und rückte seinen Stuhl nahe an den ihren heran.Ah­nen Sie es noch «nicht, daß ich Ihre Vergangenheit kenne?" fragte er.

Ich weiß es," sagte sie mit einer Ruhe, die ihn seltsam packte.Ich wußte es von dem ersten Moment an, als ich Sie sah, und doch fürchte ich Sie nicht. Was können Sie mir tun?"

Ich. kann Ihnen überallhin folgen, wie ein Schatten."-

Ich fürchte auch keinen Schatten," sagte sie,nein, Ihr Schatten würde mich nie erschrecken, nie!"

Mein Schatten würde zu Ihrem Gewissen werden," mahnte er sie.Schreckt Sie auch Ihr Gewissen nicht?"

Sie schüttelte den Kopf.

Ein Mann sitzt für Sie im Gefängnis," fuhr er fort, und büßt dort Ihre Schuld, noch zehn endlose Jahre muß er büßen, muß er warten und sich, sehnen, Tag für Tag, Monat für Monat, Jahre hindurch. . .. Wissen Sie., was das heißt?"

Wissen S i e es?" gab sie zurück.

Ich weiß es," sagte er mit abgestorbener Stimme, oh ja."

Ihre Augen weiteten sich, wuchsen in einem trüben Staunen.Sie?" '

Da verlor seine Stimme mit einem Male alles Drohende, sie wurde leise und war doch voll eines maßlos Schweren.Ich war mit ihm zusammen, verstehen Sie mich?: mit ihm! . . . Und es gab keinen außer meiner, den er hatte, wie auch er der einzige war, der mir geblieben war. Er war mehr als mein Freund, denn was bedculeu an jenem Ort Begriffe wie: Freundschaft?!... Er war ein Stück meines Körpers, meine Seele war ein Teil von ihm. Es gab keine Falte in dem Herzen des einen, die der andere nicht kannte, wir liebten einander, wir waren eins!"

Er bedeckte sein Gesicht mit beiden Händen und schwieg eine Weile .Und dann durste ich plötzlich gehen, ich war frei . . Nie werden Sie das begreifen, was cs heißt: frei

sein! Es heißt, wieder leben dürfen, wo man doch schon tot war, wieder atmen können, wo sich einem doch schon eine harte Faust für immer nur die Kehle gelegt hatte . . . Ich durfte gehen, und er blieb zurück, blieb allein zurück, wie auch ich allein gehen mußte und bis heute allein ge­blieben bin!"

Er löste die Hände wieder vom Gesicht und sah sie an. Verstehen Sie jetzt, wer ich bin und wie ich zu ihnl und zu Ihnen stehe?"

Ich weiß «nur, wie Sie zu i h m stehen," sagte sie.Aber wie stehen Sie zu m i r?"

,',Jch bin Iba, um Sie an ihn zu mahnen, um Ihnen zu sagen, daß er noch lebt, daß er sich nach Ihnen sehnt unb daß Sie auf ihn zu warten haben."

Wie lange noch," sagte sie traumhaft^noch zehn lange Jahre? Dann bii^ ich alt."

Ja," sagte er,und doch, müssen Sie warten, denn er hat soviel für Sie getan, wie kein zweiter Mann für Sie tun würde!"

Sie legte die halb verglommene Zigarette in dep Aschen­becher und drückte sie aus.Er hat mich geliebt," jagte sie, deshalb hat er es getan ..."

..Und Sie? Haben Sie ihn nickst geliebt?"