Die Rächer.
Roman von Herrn ann Wagner.
(Fortsetzung.)
Was war ihm geschehen? Eine Frau hatte ihn betrogen . . . Was lag daran? Frauen waren billig, und man hatte genug Gelegenheit, sich an ihnen zu rächen. Aber von einer Frau verraten zu werden und dabei zur Ohnmacht verdammt zu sein, — hatte er dieses erduldet? Nein!!
Neisner ging mit hastigen Schritten das Seeufer ab. Die Wellen bellten ihn an. Bellt nur, dachte er, ich fürchte mch nicht, ich tue doch das, was ich wünsche! In mir ist eine Kraft, die nicht überwunden werden kann: die des Hasses!
Neisner schlug, ohne aufzusehen, den Weg zurück nach dem Seehof ein.
Ein kleines Mädchen, das spielend mitten auf der Straße saß, hätte er beinahe getreten. Es schrie auf und kroch furchtsam auf die Seite. Neisner merkte es gar nicht.
Leute blickten ihm verwundert nach, von dem Drohenden in seinem Antlitz sonderbar berührt. Ein Mann grüßte ihn, doch Neisner dankte ihm nicht, da er seinen Gruß nicht hörte.
Da schlug Plötzlich ein helles Lachen an sein Ohr.
Noch immer sah er nicht auf, denn er hatte den merkwürdigen Gedanken, daß dieses Lachen aus jenem finsteren Traum käme, den er träumte.
Allein das Lachen wiederholte sich, und so hob er, wie erschreckt, den Kopf.
Er stand vor der Freitreppe des Seehofes.
Auf den mittlerer! Stufen aber hatten drei Menschen eine kleine Gruppe gebildet: eilte Dante in einem hellen Kleid, mit einem blaßgrünen Seidenschal um den Schultern, ein junger Mann, der seinen Panamahut in der Hand hielt, und der Wirt.
Neisner regte sich nicht, ihm war, als habe sein Herz aufgehört, zu schlagen: die junge Dame, in deren.vollem, rotblondem Haar die Sonne ein goldenes Feuer angezündet hatte, wandte ihm das Gesicht zu und betrachtete ihn schon eine Weile auf eine Art, die doch über ihn hinweg oder durch ihn hindurch zu sehen schien.
Und aich der junge Mann war aufmerksam auf ihn geworden. NeiSner sah sein harmloses, hübsches Jünglingsgesicht, in dem ein Paar lebhafter Augen fröhlich lachten. Er konnte kaum älter als zweiundzwanzig Jahre sein.
Neisner nahm alle seine Willenskraft zusammen. Die Entschlüsse jagten sich in ihm, sie kamen und er verwarf sie. Was tue ich? fragte er sich, wie soll ich mich benehmen? Plötzlich brachte er es fertig, zu lächeln und höflick) den Hut zu lüften. Nur ganz leicht war sein Gesicht noch verzerrt.
Aber schon kam ihm der Wirt zu Hilfe. Er eilte ihin entgegen, machte eine Geste, die die beiden Parteien verbinden sollte, und sagte: „Gestattet! die Herrschaften, daß ich un
seren neuen Gast vorftelle: Herr Neisner aus Berlin--
Frau Blümner, Herr von Webenau!"
Neisner hatte sich endlich in der Gewalt. Er sah Lucie Blümner fest an. streifte Herrn von Webenau mit einem leichten Gleiten seiner Augen und verbeugte sich.
„Aus Berlin?" sagte Lucie Blümner, „oh, dann sind wir ja Landsleute!"
„Mehr als das," sagte Neisner mit einem Ernst, der grell von der Situation abstach, „wir sind sogar aus der gleichen Stadt: ich bin Hamburger, gnädige Frau!"
Er sah es, wie sie sich verfärbte, und ein immenser Jubel sck)wellte seine Brust, so stark nnd süß. daß er seinen Kitzel in allen Nerven spürte und sich erschauernd fragte, woher er käme.
Lucie Blümner sah ihn tastend oit. „Kennen Sie. mich?" fragte sie, durch ein Unerklärliches an ihm unsicher gemacht.
„Nein." antwortete er mit vollkommener Ruhe, „aber ich hoffe, daß ich Gelegenheit haben werde. Sie kennen lernen, grindige Fr an!"
Selbst Herr von Webenau merkte jetzt, daß irgendein Unerklärliches in der Luft lag. „Es ist noch ganz bot hier," meinte er, nur um überhaupt etwas zu s-agem ,/vir komnren von Meran ..
„Ebenso wie ich/' erklärte Reisner.
„Ah!^ entftchr es Lucie Blümner.
„Auch Sie?" fragte Herr von Wsü-encru, durch den Ans«- ruf Lncies erschreckt.
„Gewiß," sagte Neisner, „oder finden Sie, daß daran etwas Ungewöhnliches ist?" Er maß beide mir einem flüchtigen Spott und.setzte sodann hinzu: „Darf ich dsn Herr* schäften verschlagen, noch ein wenig in den Garten zu gehen'?"
Es gab eine Pause, in der die beiden zu. überlegen schienen.
Aber da lachte Lucie Blümner plötzlich auf. ,Marrnn nicht," rief sie aus, „gehen wir in den Garten!'
„Ja," sagte mit einer geschmeidigen Geste der Wirt, „der Abend ist w-underbar mild!"
13. Kapitel.
Es klopfte, und Prokop erschien lautlos im Rahmen der
Tür.
Reisner erhob sich rasch, griff nach seinen! Hut und fragte: „Ist er fortgegangen ?'
„Ja," antwortete Prokop. „Er geht zum See hinunter. Er will rudern."
Wenige Minuten später tvar dieisner am der Seite des Herrn von Webenau, der seinen Gruß förmlich erwiderte, und nicht geneigt schien, eine Unterhaltung anzuknüpfen.
Reisner indessen klemmte sich mit der Kaltblütigkeit des Aelteren und Erfahreneren, dem die Ueberlegenheit etwas Selbstverständliches ist und der sch daher nichts vergeben kann, an ihm fest. „Sie wollen rudern? Es würde mir Spatz mack>en. Ihr Partner zu sein. Nehinen Sie mich an?"


