L-LLL. JtlMäte ,
„YZar keine Güste?" fragt« Reisner enttüuseh«.
" „Doch, -tvei."
„SSen?"
„Eme Dame unb ditttt Herrn. Sie ivohneii im rechten Flügel."
„Ein Ehepaars fragte Reisner.
„Rem," antwortete harmlos der Kellner, der den Sinn der Frage nicht verstand, „die Dame ist aus Hamburg und der Herr ist aus Wien."
ES war unschwer zu erkennen, daß er gern noch mehr geschwätzt hätte, dock) Reisner winkte ab, da er sein Interesse an den beiden nicht vorzeitig verraten wollte. Es war ihm genug, daß er noch erfuhr, drc Herrschasten hätten einen ge ineinsamen Ausflug auf eine nahe Alm hinauf gemacht.
Er verzehrte, was ihn: der Kellner brachte, und schleuderte sodann planlos durch das Städtchen, ging an den See hinunter, warf sich auf eine Bank und starrte über das Wasser hin, dessen Wellen unruhig das User anliefen.
Seine Gedanken, plötzlich zur Ruhe gekommen, waren seltsam schwer und düster. Sic richteten sich auf einen einzigen Punkt, der vor seinen Augen dichter, breiter und dunkler wurde, bis er sich schließlich zu einer finsteren Wolke zip- sammenballte, die droherrd den sonnigen Himmel verdeckte.
Behrens. . .
Reisner verspürte einen eisigen Schauer.
Jener Mann saß nun tut Gefängnis und wartete, legte einen Tag zum anderen, fügte die Tage zu Wochen, die Wochen zu Monaten und die Monate zu Jahren und mußte doch ttoch zehn Jahre warten, bis der Tag anbrach, an dem sich seine Wünsä-e erfüllten . . .
Ein heftiges Grauen packte Reisner, das ihn schüttelte und würgte, mit solcher Wucht, daß er sich die Augen reiben mußte, um wach zu werden, um wahrznnchmen, daß er in sonniger, milder Gegend, in schrankenloser Freiheit war.
Gut, anch die zehn Jahre würden vergehen, — einmal, ja, würden sie um sein, und eines Tages, gewiß, würden sich jenem Mann die Tore des Gefängnisses offnen . . .
Aber würde dann der, der die Kraft gehabt lxrttc, so lange zu warten, nicht ein alter Mann sein, verbraucht, müde inib innerlich zerbrochen?
Reisuer stöhnte laut auf, denn er spürte in dem, !vas er selbst erlebt harre, einen Teil dessen, was, nur schauriger und trostloser, fetter andere erdttldele.
Und eine blttt.de Wut, ein tödlicher Haß fticacit in ihm aus gegen die, die es vergessen hatte, wer um sie litt, und cs schien ihm mit einem Male, daß er ein Recht hätte, sie, wenn sie nur aufmuckte, zu erschlagen.
Wie dum nt war jener Alte in Meran, der da glaubte, er, Reisner, sei nur sein Werkzeug!
Was wußte dieser Schwachkopf davon, lote stark der Haß tn einem Menschen werdet: konnte, dent matt durch Jahre die Fesseln knirschender Ohnmacht angelegt hattet (Fortsetzung jolgt.)
valtische Jnselweihnacht.
Bon He dda v. Schm i d.
(Nachdritck verboten.)
Bort .Insel zu Insel, vom Rigaischm bis zum Finnischen Meerbusen schreitet der Frost. Schneeuncheu hüllen die Inselwelt just um die Mihnackstszeit in eine stille, iveiße Lldgrschlosscn-- hrit, märchmgleich, inib trennen sie uhu Festlande. Doch gerade zum Christfest darf der Berühr über das Ers nickst stocken, tmd so gilt es beizeiten Brückeit zu Magen. Wiilmachksbrückett. So nrancher tmter den Insclbeivohnetm tvill ttock; flugs hinüber nach Riga, nach Reval oder itach Pcrnan, nach Hasval, kiu zum Fest einzuimlfcn. Tie Städter wieder habett die Tage bis zum Weihst a äst s fest gezählt, unr den Mauern zu entfliehen, mit die Ferien inmitten der großen, schjöncn freien .Ju,elnutnr zu verbringen.
den leichten, filmischen Einspänncrsä litten, die mit kleinen, flinken Trabern von den Inseln Ocscl und Mvon besannt sind, fährt man pfeilgeschwind über das blinkende Eis der -Ostsee. Tie Mehrzahl der Leute aus dent Festlande ahttt ja überhaupt nickst, was' solch eine InselWeihnacht, ob sie nun im Schloß oder m der Fischer- Hütte gefeiert toird, Schönes intb Besonderes bietet. Temt gerader im Winter, lvemt das N^eer^ ran scheu sich in die Tannenn'älder geflüchtet hat, und die Wiirtersdille aus locichen Sohlen schreitet, wirkt die weite ersnntschossene Einsantkeit mit seltsam märchenhaftem Reiz. In den Festtagen toird sie zu besonderer Weihe er> hoben, wenn >Lonnenglitzern, über dm weißen Feldern blinkt.
Ter Inselbauer liebt seine Feiertage und hält sie hoch, tvie er es von alters her gewölsttt ist. In den Dörfern herrschen zum Teck noch die alten, ans der schvadischen Zeit stammenLen Bräuche. Lchon vom 9tovetnber cm beginnen auf den Inseln die vortveih-
tftt das ^rriW \«tbcc geüan.. «m 307 R»<v«nber. bem Andreas-
abend, stellen sich die Jungen und Heiratslustigen in den Fischerdörfern atr d«t Strattd oder aus die Felder und lauschen, bir Hand am Ohr, angestrengt tn die Wütterkälte hinaus. Ter Frost hat am Meeres Horizont ein Nordlicht angezündet. das slimniert auf dem blanst.it Eisspiegel und flackert über detn l-ohen Felsenufer, dem Pmti aus Oesel. Die Lichter eines über tmd übet« vereisten Leuch!turmes blintert rvie die ^tttgen eines Drachen an§ sagengrauer Vorzeit, da es hier auf den Inseln noch keine friedlichen Hütten gab, in denen Weihnachtschioräle gesmtgen wurden, da das arme, verängstigte Insel volt nicht tvnßte, wen es mehr fürchten sollte: den Gott der Christen. der ihm mit Feuer und! Schwert gepredigt wurde, oder die Meergeister und Meerunge-; tüme, die Skrate und Zauberer, oder die tvilden Seeräuber, die von Oesel aus die benachbarten Küsten verheerten und branb-, schätzten.
Tie jungen Burschen tmd Mädckstn lauschen am Andreasäbenb auf das. tvas der Seewind ihn eit zu trägt, die Mädcken mit Pock-endem Herzen, die Burschen weniger errrsthaft. Klingt es aus dem Wehen intb Sausen des Windes tvie tanz frohe T adel sack- musik, danti gibt es im kommeitden Jahr Hochzeit; vernimmt man jedoch die getragene. Melodie eines Kirchenliedes, dann ntnß man beizeiten die tvciße spitzenbesetzle Sarghaube zurechtlcgrm« Meist ist St. Andreas jedoch den Heiratslustigen wohlgesinnt, wenigstens hören die Lausck-endcn mir Borliebe dos bekannte alte Hvchzeitsiied heraus, das Lied vott den roten Insel rosen, mit dmen der Bräutigam und seine Gesellen d.ie Benvandtschnft der Neuvermählten Frau itach Hanse geleiten von der Hochzeitsfeiert „Lebt tvvhl, o, rnckre Mädchn,
Wir fahren zu anderen Dörfern,
Wir fahren nach dem Hügel von Hullo,
Ta bekonnnerr wir rote Rosen."
Auf dem Hügel von Hullo der Insel Worms liegt ein voit ^ckweden betr-ohntes Torf, das vmr jeher als Pas reichste des,' ganzen Eilandes galt. Frü^r — so geht die Sage — soll der Hügel von Hnllo, zu dem die Burschen am lichst-rn pilgern^ weck dort die retchsien Erbinnen zu Haute sind, ein aus oer See emporragendes gefährliches Riff gewesen sein.
Der 4. Dezember ist der Tag der heiligen Barbara, der „Gestrengen". Weil sic so heftig und lmrt ist, darf man sic 12 nicht erzürnen, und an ihrein Namenstage darf man auf den Inseln stine Arbeit verriästen — <$ ist etwa so, tvie in alter Jett N b^n baltischen Provinzen am Buß- und Bcttagc. an dem kein ^rchLot rauchit durfte und inatl das Essen am Tage zuvoo zubercircte. Wer cnn Barbaratage^ strickt, naht oder gar spinnt, den kneift die Gestrenge zur Strafe. Am Tl?oma§abend, der aus den 20. Dezember fällt, inachle man in früherer Zeit kleine Kränze aus Bogelbeerzweigeit uttd befestigte diese über bat Türen und Fenstern. Nach alter Sitte tvcrdat al- Avcndgericht Schveine- süße gegessen. An diesan Tage ist auch überall „Großreittemack)an", besonders dort, ivo^ ente Hochzeit beoorsteht. Ter Borabettd des Thonta^mges ist heiltg, und in man chm Jnselhütkert brennt dann die ganze Nach! hindurch Licht. Das Weihnachtsbier muß damr strtiggebrmlt sein, und die Miitibcr stcl, n, geistliche Lieder singend, durchs Torf ttnd lassen sich bewirlrit.
Am Heiligabend verhattgt ntan die Fenster und streut Stroh auf den Fußboden. Eigentlich ist es ein Wunder, daß bei dieser Gelegenheit nick-t öfter Feuer entsteht, demt mit dem Lickst wird nickst sottdcrlich vorsichtig nmgegangen, und die Kinder wälzen iick) int Stroh und bewewsen sich tntter Lachen und Scherzen nitt ben Halmen. Ter Wirt des Hauses aber tvirft eine E^rrbc voni diesem Weihnack'itt.stroh das auch auf dem Festlande in keinei,r Baucrnhanse felstt — gegen die Stubendecke. Rach der Zahl der am Teckbalttn hänge.ngebltebeiteit Halme wird batiu die Ernte des Vommetldcn Jahres vorausgcsagt. Dieses sog-etuuntte stwh" wird sorgsältig aufgehoben: man leist es uvt Hopsen pflanzen oder um Bäume und streut cs auch aus dem Acker. Tem Bich gibt matt es jedoch tticmals, weil einem alten Aberglauben nach, die Tiere dattn !^ild tverdett tmd in den Wald laufen iÄt-ttttit. Auf der Insel Runö bäckt tnatt zu Weihnachk-'n ein Brot atts Gerstenmehl in WtdLk'rforrn. Tiefes Brot IjcifU der „Inttock" unb wird am Sännst des Weihmachlsfestes, aut 13. I-muar. dem Knutstage, verspeist. Rach dent Weihnackstsesstn am heiligen Abende, ränckert die Hausfrau das ganze Haus, selbst die Ställe, mit Wachstdov aus. damit sich, so hieß es früher, ..kerne Hexen an schleichen". In aller Frnlx tvallfahrtet alles in die Kirck*-. deren Fußboden mit scingebackten Tanuenzweigen bestreut ist. Zwei Reihert junger Tattnen smd mit Licnterit geschmückt, jedes nstlZöji im Kitckspiel hat eüt Lickst hierzu ctzipatdet Beim Berlassrn der Kirche sucht jeder eilt Endchen abgebramtte- Lickst zu crhasck ett, obtoohl manj sonst aus dent Gotteshaus ttickst einmal eine gefundene Stecknadel, mitnehmen würde, tveil sie, eittenr alten Jnselabcrglauben zufolge, Krankheit ins Haus bringen könnte, aber der Weibnackst^ltckst- lalg bient mm einmal als sicher jmrkcndes Ein reibe mittel bei Krankheiten für Menschen und Vieh. Tie jungen Leute in den Dörfern bcnmtntmcit sich ant Ebristabend. machten sich aus Stroh Hörner, .ziehen eine bnngewebte Sästittendecke über bett Kopf, brechen in eine Stube eilt zntd ergreifen einige Kinder, die sich zeternd dagegen ivehren. IN freu Häusern brennen Ehriftiiäum«.


