Ausgabe 
15.12.1917
 
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ander hatte Uivt Hindernisse zu überwinden. Es war einfach so: sie nahmen einander und gaben einander wieder frei

Morgen gebe ich wieder," sagte Neisner,immer wei­ter, iNtd weiß doch nicht, wohin. Aber ich werde immer gern -an dich denken . . . Hattest du schon einen Schatz?"

Nein," sagte sie, gleichsam verwundert darüber, dost cS so war, wie sie sagte. c ,

Aber du wirst bald einen bekommen, denn du bist schön_sehr schön!"

Sie lachte lautlos, und in diesem Lachen lag etwas Schmachtendes und etwas, das für den Augenblick doch satt war, weil sie ja nun wußte, wie die Liebe war, von der sie zum ersten Male gekostet hatte.Du sahst heute früh so bös aus," gestand sie ihm,ich fürchtete mich vor dir!"

Und jetzt? Bin ich bös?"

Nein, nein. .

Und fürchtest du dich vor mir?"

Gar nicht," faßte sie und schlang beide Arme um ihn, und er erkannte in ihrem warmen, pochenden Blut dieselbe Mahnung, die ihm jüngst nur die Blumen zugerufen hatten: grüble nicht, lebe!

Er setzte am nächsten Morgen seine Fußwanderung fort, aber er tat es jetzt mit einer genießerischen Langsamkeit, wie einer mit Bedacht bei einem Genuß verweilt, der chm ur­plötzliche aufgegangen ist und den er bis zu den letzten Zügen ausschlürfen möchte.

Noch nie in seinem Leben hatte er getrunken. Er erfuhr jetzt, welche verfeinernden und das Lebensgefühl steigernden Wirkungen der Wein haben konnte, wenn man es verstand, ihn zur rechten Zeit und an rechter Stelle zu trinken.

Er kam nach Terlan und nach Eppau und saß stunden­lang in kühlen Gärten, das Glas vor sich und einer sinnen­den Zufriedenheit hingegebeu.

Träume umgaukelten ihn und führten ihn in ein Land, M dem cS wohl war, leben. Alle Dinge verloren ihre Schärfen und Härten, ein lieblicher Schleier hüllte sie ein, der nur ahnen ließ, wie schön sie waren, und den man in begnadeten Stunden lüftete, um sich mit dem Zauber, der hinter ihm war, zu verschmelzen.

ES war etwas Wundervolles, nichts zu tun, nur zu ruhen. Auch sein Verstand, seine Vernunft, sein Wille leg­ten sich hin und taten einen langen Schlaf. Und nur seine Phantasie war wach und begann ein Spiel, an dem sie nie ermüdete, weil die Farben und Formen, die sich wie im Danz vor ihm drehten, unablässig wechselten und immer neue und immer kühnere Ueberraschungen boten.

, Die Zeit «litt langsam vorüber und nickte zufrieden, weil sie sah, oaß sie m Wahrheit ausgenützt, nicht ver­schwendet war. Unermeßlich sind die Möglichkeiten, die die Zeit bietet, und nur der ergreift sie, der die Zeit scheinbar mit Nichtstun vertut. Nur der Beschauliche genießt die Stunde, der Tätige hetzt blirrd an ihr voriiber, einem Ziel nach, das ihn narrt. Denn er stirbt eines Tages und weiß nicht, daß er gelebt hat.

ReiSner wurde braun, und in seine Augen kam Leben. Er um der Speisen Witten, er machte Fnßrvandernnaen, well seine Glieder danach verlangten, und er gab sich dem Schlaf hin, weil eine wohlige Müdigkeit ihn dazu drängte.

Er hatte es für einige Zeit überwunden, sich sein Leben durch überflüssige Gedanken ya komplizieren und sich auf diese Weise künstliche Hemmungen zu schaffen, die in Wirk­lichkeit gar nicht da waren. Gr sah, daß es zuweilen not-, tat, wie ein Tier zu leben.

Ein triebhaftes Verlangen drängte ihn jetzt immer wie der zum Weibe. Es. verging kaum ein Tag, an dem er ihn nicht nachgab. Er fand jederzeit offene Arme. Es lvar, al; ob die Natur, die sich untere diesem Himmel verschwendete hier auch die Mädchen zur gleichen Verschwendung trieb Und über alledem schwebte eine heitere Selbstverständlich keit. Man litt hier nicht, »venu man liebte.

Und diese Leichtblütigkeit schien sich auch auf Fremdl zu übertragen, die, selbst wenn sie aus dein 'Norden kamen bald bereit waren, ihre Kälte, unter der sie hier nicht frol wurden, fallen zii lassen.

Neisner traf auf seinen Wanderungen eine Dame, die wie er bald erfuhr, ans Schleswig stammt« und die mi ihren züvei Kindern hierhergekorninen war, um einen zeitige! Frühling zu genießen, während ihr Mann, der nicht meh )ung M sein schien, daheim nrit Eifer und Liebe, die beid echt waren, Men staub schluckte.

Sie hieß Dora und bat ihn, sie nur mit diesem Namen zu nennen, nrit kein ein arideren, sie iiberhaupt nicht alsl Dame zu behandeln, sondern als eine zufällige, aber doch liebe Bekanntschaft, ettva als «irr Mädchen, das man trifft, küßt und vergißt. Denn sie sehne sich maßlos danach, irach- träglich, wenigstens für Stunden, jene Jugend zu genießen, die sie, als sie jung war, doch, nie gekannt habe. Sie war ungefähr dreißig Jahre alt und durchaus nicht häßlich.

Neisner erlebte mit ihr acht Tage, die ohne Leidenschaft dafür voll niilder Wärme- waren. Nicht im mindesten glich sie jenem Typus von Frauen, die genießen wollen, weil der Genuß für sie das Leben ist.. Sie lvar im Gegenteil eine von denen, die ihr Leben lang hungern und die, erst wenn sie alt geworden sind, erkennen, daß sie es getan haben. In diesen Frauen glüht das Verlangen, das Dasein wenigstens ein- nr a l zu packen, ein einziges Mal, eh« sie sterben, rmd sis verjüngen sich dann, wenn die Gelegenheit sie findet, nur Jahre.

An einem Maimiorgen nahm Neisner von Dora M- schied. Es war ausgemacht zwischen ihnen, daß keines voll beiden dem anderer! mehr nachforschen werde, und sie wuß­te!: beide, daß sich ihre Wege nie mehr kreuzen würden. Ein solches Bewußtsein macht inild und dankbar.

Dora geleitete Neisner ein Stück Weges, bis an den Rand eines Waldes, hinter tvvlchem er dann verschwinden mußte, ohne daß sie ihn je wieder sah. Obgleich sie sich trennten, umreit sie heiter.

Bon dein nrnß ich nun leben," sagte Dora,von dem, was mir die paar Tage an Lebensinhalt gegeben haben,* diese wenigen, die jetzt dahin sind."

Sie hob die .Hand über die Augen und blickte in die sonnige Landschaft.Und Sie? Für Sie lvar das eine Epi­sode, lvas für mich ein Ausschließliches, ein Definitives lvar. ititt> doch beneide ich Sie nicht. Sie werden sich in vielem zersplittern, während ich für alle Zeiten immer mit von einem zehren werde. Ihr Leben wird bewegter, meines glück­licher sein."

Glücklicher? Mi Ihrem Mann?"

Nickt mit, sondern neben meinem Mann, dafür mit meinen Kindern... Lieben Sie Kinder?"

Darüber habe ich nie nachgedacht..."

Gibt es überhaupt jemanden, den Sie liebend

Nein," sagte er.

Ich dachte es mir. Und ich? Was haben Sie für mich empfunden?"

hJhnen lvar ich gut," sagte er freundlich,aber nur, nreil unsere Bekanntschaft wie im Traum geschlossen war. Der, der ich hier bin, bin ich in Wirklichkeit gar nicht. Mein echtes Ich ist daheim geblieben. ^em, der hier ist, ist erlaubt worden, zu träumen. Er hat Sie im Traum liebt gehabt."

Er ging fort und sah sich, nicht mehr nach ihr um. Hinter alles, lvas er hier erlebte, setzte er, nachdem es vorbei lvar, einen Schlußpunkt. Hub mit Spannung blickte er schon wieder nach Neuem aus, das er ohne jeden Uebergang genoß, in der Art, wie es in der Tat mir Menschen können, die träumen.

(Fortsetzung folgt.) »

Zagen vom Apfel.

Bon I u 1 ut s K ii o p f.

Wenn der Mihnachitsbauin, festlich geschnrückt, im Zimm-eL prangt, und ferne Zweige den.würzigen Harzdnst ausströmon, die den weiten deutschen 3M> in den engen Wohnranm zaubern, dann tverden unter dem Zierat, daS mc Verschönerung seines Aussehens dient, außer den üblichen Pfefferkuchen und Nüssen auch die Aepfel nicht fehlen, allerdings in dieser Zeit der Teuerung irickxt in.großer Anzahl. Entweder hängen sie am Baum mit raten und gelben Backen, wie Gott sie wachsen ließ, oder sie sind mit Gold- und Silberpapier fein säuberlich umwickelt.

Und doch während der Weihnachtsbauin in: Zeichen des Friedens sieht, kann man bcn Apfel, der ihn ziert, geradezu als Sinnbild der Zwietracht, des Hasses und des Unglücks betrachten. Nicht umsonst wird von einem Zankapfel gesprochen. Wenn man der Geschichte des Apfels nachfpürt, so will es einen dünken, als wenn gerade dieses geschätzte Obst so gar nicht zn dem geruhigen und friedlichen Charakter des Christbaums passen will.

Ar Um mit der Urgeschichte der Menschheit zn beginnen der «Wl ist es gervesen, der die Menschen aus dem Paradiese ver­trieben und diesem irdischen Jaminertale überwiesen l-at. Wenn Adanl und Eva nicht vom Apfel gegessen hätten wie glücklich und lerdciisfrenid, lvie sündlos und ttigeirdsaur würden wir Menschen