Ausgabe 
15.12.1917
 
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Samstag, den J5. Dezember

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Die Rächer.

über

Vornan von Hermann Wag ner^.

(Fortsetzung.)

Dritter Detl. >

Lucir.

A. Kapitel.

Reisner machte seins Reise, nicht um sich zu zerstreuen, so-itLern um sich zjn sammeln, nicht un: sich zu vergessen, son­dern um sich »visderLnfinden.

Alles, was er say, Menschen, Orte, Dürge, betrachtete er mit einer stummen Erwartung: würde es ihm sagen, was er nicht wußte: wer er ivar?

Er suchte in den Augen der Menschen \u fefeat, was sie t ihn dackten, und er las nur Gleichgültigkeit. Eiw i>r.cllglicher redeten schon die Dmge auf ihn ein. E>s »rar, als ob sie pu ihm sagten: grüble nicht, leb-s! Und gav. non den Landschafteil enlpfing er mrmer wieder die erhabene Mahnung: Sei wie wir, sei ohne Sck-uld! Wir atnren, wachsen, blühen, tragen Früchte und walken und uns be­drückt keine Erinnerung an die Berg an gen heil und uns schreckt keine Furcht vor der Zukunft!

Dock^ er wurde um so unruhiger, \e ruhiger der Rahmen war, in den er sein rreuss Lebert hineingesetzt hatte. Er sah es, daß ec vor sich selber floh, wo er doch ausgezogen war, sich zu finden. Er war das Gegenteil von Peter Schlemihl: der Schatten, dem er zu entkommen trachtete, blieb einig bei ihm!

Er fuhr nach München und tv-nßte, dort angekommon, nicht, was er dort wollte. Er schleuderte planlos durch die Straßen und hatte das Gefühl, verkauft zll sein. Er be­suchte Cafss und Theater und langweilte sich tödlich. Er knüpfte auch, von einer grauen Verzweiflung gepackt, galante Bekanntschaften an, löste sie aber schon wieder, kaum daß sie ein paar Minuten gedauert hatten. Mit keinem Menschen kam er in Fühlmtg, immer gähnte zwischen ihm' und den anderen ein toter Raum.

Er kam nach Innsbruck. Es entging ihm nicht, daß Wne und Färber: hier mrders waren, und er blieb auch eine Weile neugierig, atu bald darauf doppelt enttäuscht zu iver- den, da er dem Neuen in dieser Staot um keinen Schritt näher kam. Er merkte es, daß die Menschen in seiner Gegenwart stiller wurden oder gar verstummten, sicher aus dem instinktiven Verdacht heraus, einer: vor sich zu l-aben, der ihnen irger^lvie feind war. Und er dachte mit Erbitte­rung an das Mal auf seiner Stirn, das, ohne sichtbar m sein, doch immer fühlbar blieb.

Er schickte Prokop n:it dein Gepäck über dm Brenner voraus uiid tvandbe sich selbst in tagelarrgen Fußmärschen: Mrwarts. Die Einsarnkeit tat ihm schließlich doch wohl. .1e Merrfchenhasser. um des tu ifuum. brach liegenden lieber-

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schnsses an Liebe ledig zu »verden, sich oft mit einer für sie erstaunlichen Zärtlichkeit Tieren und der Natur zuwenden, so l^bte es auch Reisner jetzt, stundenlang im Walde dem. Rauschen der Bäume zu tauschen, seiner: Buck voll nachdenk­licher Melancholie an den Wolken Hänger: zu lasser: urü> mit

Hunden, Vögeln. Käfern stille Gespräche zu führe::.

Er kam allmählich bis Brixen und darin muuer südlicher nach Bozen. Dort erwartete chn Prokop. Er schickte ihn abermals voraus, diesmal bis Meran, um ihm auch ein zweites Mal als Fußgänger zu folgen, jetzt ein sonniges, warmes, blühendes Tal durchschrervend, das, von einem tief­blauen Hirnrrrol überwölbt, ir: der lleppigkeit seines saftigen Grüns einem paradiesischer: Treibhaus glich.

Ueber dienern neuer: Himmel stahl sich ganz jäh eine ihm noch neue Heiterkeit in sein Herz. Er erwachte eines Mor­gens in einem Landgasthof, von der summenden Wärme draußen geroeckt, die durch die offener: Fenster in breite« Weilen zu tf>m herein floß

Er sprang aus dem Bett, wirsch sich kalt urck> saß dann

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uttten in der Veranda beim Frühstück, von einem jurmen Vtädchen bediertt, dessen blerrderrd rveiße SclKrze alle Strah­ler: der Sonne auf sich zr: riehen schien.

Das Mädchen lachte ihr: freundlich an uub begann ein Gespräch mit ihm, in dessen Verlauf er erfuhr, daß dieses Kmd kaum siebzehn Jahr alt war, Klara hieß und ans einem Dorf in der Nähe Klagenfurts hierher in Stellung getont men war. die ihre erste war.

. Klara sprach ein reines Deutsch, in dem der weiche Dia- lekt der Kärntnerinnen kaum wahrzunehmen war. Sie hatte lene biegsame Schlankheit, die nicht ohne beginneiche Fülle ist. Ihre Augen und ihre Haare waren braun und sie hatte kleine, flesichtge Hcnche, die noch nicht schwer gearbeitet hatten.

Reisner bat sie, sie möchte mit ihm eine Stunde spazie­ren gehen. S:e sagte auch zu. Hub des Abends schritten sie wirklich nebeneinander auf einem Wiesenpfad, der durch Büsche und Gestrüpp zu einer uralten Ruine hinaufführte, m bereit düsteren, zerfallenen Toren, Bogenfenstern und Mauern ein romantischer, kühler Moder hing.

Es wurde dunkler, und sie säße:: nebeneinander auf einer Bank, ohne mehr als dann und wann einen halben Satz zu reden. Es war auch nicht nötig, daß sie sich mit Worten ver­ständigten, denn etwas ganz anderes war zwischen ihnen, das sie einander nahe brachte und sic eng miteinander ver- band. Es war dies die geheimnisvolle .Kraft eines dunklen Verlangens, das aus ihnen beiden aufwuchs und das sich danach sehnte, von dem andern gefühlt und gestillt zu werden So legte Reisner nur stumm den Arm um Klara und küßt: stark" den Mund, der ihm cntgegenblühtc, jung, durstig uni

2lls wäre damit alles zwischen ihnen ins reine gckom men, fanden sie nun auch Worte, um sich zu sagen, daß einander gern hatten. Das ,du' fiel zwischen ihnen und rif

h Ä!?^ n l tn fort. Sie spürten daß sie jung mnrtr imb das Recht halten, iung zu (ein. Ihre Zuneigung juettv

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