Ausgabe 
8.12.1917
 
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Ja, er beschloß, morgen zu fliehen.

Prokop öffnete lautlos die Tür und ließ Frau von

Reisner erhob sich langsam, sah erschöpft aus und küßt« ihr die Hand, dte sie ihm mit einer Geste, bie halb gewahrte, halb abwies, überließ.

Sie sah blaß und gequält ans. Da er sich tti# ent­schließen wollte, zu reden, schwieg auch sre. Etwas Fernd- seliges hing zwischen ihnen, das sre beide spürten, das aber nur eines von ihnen zu überwinden wünschte: sie.

Da sie sah, daß er zu apathisch war, um aus frch heraus- LLgehen, nahm sie selbst einen Anlauf und sagte:Ich brn gekommen. Haberr Sie mich wirklich erwartet?"

Ich habe nicht darüber nachgedacht,"" gestand er rhr.

Man sah ihnt den Widerwillen an, den er zu übernnn- deu hatte, um ihr zu antworten, um überhaupt zu reden. Tr bereute es jetzt, sie empfangen zu haben. Immer wieder fragte er sich: wozu? Das Spiel war ans für rhu, sre sah es an seinem gereizten Lächeln. . ..

Von den Gedanken, die unausgesprochen m ihnen lagen, ausgehend, sagte sie trotzig:Ich muß trotzdem mit Ihnen sprechen. Ich bestehe daraus. Sie werden sich! mir nicht entziehen."

Wozu'?"" fragte er nun laut.

Weil Sie nicht nur ein Betrüger sein können! Des­halb!"

Gr st jetzt bemerkte er, daß sie jene Papiere, dre er thr vor acht Tagen verkauft hatte, wieder mitgebracht hatte. Sie warf sie ans den Tisch. Die Gesellschaft, deren Aktien sie waren, hatte gestern liquidiert. Sie rvaren wertlos.

Sie maß mit erregten Schritten das Zimmer, ihr Taschentuch gegen die Lippen pressend, die zuckten, als känipfe sie mit den Tränen. Sie sagte:Sie haben es gewusst. Ihnen war genau der Tag bekannt, an dem die Gesellschaft ihren Bankerott erklären würde Und doch-"

Da nicht genug Spannkraft in ihm war, sie zu ver­spotten, begnügte er sich damit, sich zu wehren.Das müß­ten Sie mir erst beweisen/" sagte er.

Pfui!" rief sie aus.

Sie sind ein Weib,"" lächelte er.Sagte ich Ihnen nicht, daß ich das Spiel, das Sie mir aufzwangen^ aus- rrehknen würde? Sie haben verspielt. Nun meinen Sie... Sie sind ein Weib!""

Sie drückte das Tüchlein gegen den Mnnd und weinte wirklichIch bin ein Weib, ja. Deshalb weine ich nicht bpm Geld nach das ich verloren habe. Das würde ein Mann tun . . . Ich weine Ihnen nach Sie habe ich verloren!""

Er wandte sich ihr zu, plötzlich ans das höchste inter­essiert. Er schickte sich an, in den verborgensten Fältchen ihres Gesichtes zu lesen, gierig, jede unbeherrschte Bewe­gung zu erhaschen, die sie etwa mackste.Erinnern Sie sich?"" fragte er. ,,©ie machten mir jüngst einen Antrag. Ich oat Sie, acht Tage zu warten und mir dann zu sagen, ob Ihre Gesinnung noch die gleiche sei . . . Ich frage Sie jetzt: Wiederholen Sie Ihren Antrag?""

Nein!"" rief sie heftig aus.

Nein?"" fragte er, und es war schwer zu sagen, ob in dein Don seiner Stimme Enttäuschung oder Freude oder beides zugleich lag. Er trat rasch vor sie hin und nahm ge­waltsam die Hände von ihren Angen.Ach,"" sagte er, nitd sie spürte das Ungewisse in seiner Stimme noch stärker, Sie lieben mich!"

Ich hasse Sie!" schrie sie ihn an.

Er schüttelte den Kopf mit einer Bestimmtheit, gegen die ihr Zorn nicht anfkam.Nein, darin irren Sie sich,"" sagte er zärtlich.Am Anfang, als Sie zu mir kamen, um mich zu versuchen, meinetwegen, da haßten Sie mich! Viel­leicht ohne daß Sie es selbst wußten, aber da haßten Sie mich! Jetzt . . . lieben Sie mich!""

Ihre Augen Umreit mit einem Male trocken. Auch ihr Zorn war verraucht. Allein sie war tief traurig und in ihren Worten lag eine Bitterkeit, die wußte, daß sie niemals wieder zu beheben war.Sie sind ein Narr," sagte sie. Ein Narr, der nicht lveiß, daß er es ist. Sie leben in einer Welt von Hirngespinsten, die Sie eines Tages so verstricken werden, daß Sie hilflos sein werden... Sie behaupten, daß es meine Absicht war, mit Ihnen zu spielen? Nein, daran dachte ich keinen Augenblick. Aber ich wußte, daß Sie sich ein Spiel daratts machten, andere zu verderben, aus Gründen, die mir dunkel waren, hinter denen ich aber

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ein Unglück vermutete, das Sie verbittert hatte... Des­halb kam icd zu Ihnen!"

Um mich zu retten?'

Ich sagte Ihnen schon, daß Sie ein Narr sind. Wenn, Sie nicht wären, dann würden Sie nicht eine Frau höhnen, die Sie lieb hatte, um des Unglücks willen, das «m Ihrer Stirn haftet wie ein Mal..

Er wurde aschfahl.Ein Mal?"" fragte er.

Instinktiv erkannte sie, daß sie ihn getroffen hatte, <üx der einzigen Stelle, wo er verwundbar war.

Sie sah ihn lange an. Und er ertrug ihren Blick, ohne sich zu rühren, als wäre das eilte Genugtuung, die er ihr schuldete und die er ihr nicht länger weigerte.

Was war es?" fragte sie weich, schon bereit, ihm zu verzeihen.

Ein dunkles Fieber brach aus ihm empor, gewaltsam, jäh, schüttelte ihn und machte seine Augen glühen.Gut,"' sagte er,Sie haben ein Recht, es zu erfahren. Nur Sie! Aber Sie haben auch die Pflicht, es zu verschweigen. Ich weiß, daß ich Ihnen vertrauen darf. Hören Sie mich an!" Er wartete, vor Gier bebend, nun eine Last von seinem Her­zen zu schleudern. Dann stieß er hervor:Was glauben Sie, wer vorLhnen steht?"'

Wer?"' fragte sie atemlos.

Ein entlassener Sträfling!"

Ein Sträf?"

Ja!"

Sie erkannte ihit nicht wieder.

Er war tiefrvt, seine Züge verzerrten sich, während er sprach, seine Brust arbeitete heftig. Alle Beherrschtheit war von ihm genommen. Es stand ganz unerwartet und deshalb überraschend einer vor ihr, der nur Mensch war, nur Mensch, sonst nichts, mit allem Guten und allem Bösen.

In raschen Worten, die einander jagten, in abgehackten, stoßweise hervorgewürgten Sätzen berichtete er ihr die Ge­schichte seines Lebens. Er verschwieg und er beschönigte ihr nichts, er zählte nur Tatsachen auf.

Aber diese Tatsachen würfen in ihrer harten Nacktheit einen grellen Schein auf einen .Hintergrund von Hoffnnn- gen, die einntal in Reisner geblüht hatten, ntrd von Ent­täuschungen, die das Gute seiner Jngetrd erwürgt batten.

Ueber dem Ganzen lag, schwer unb drohend und finster, die Rache. Er war schlecht, weit er schlecht feilt wollte. Ja.! Er rächte sich.

- Währettd sie znhörte, brach alle Liebe von neuem ans ihr hervor, stärker, selbstloser und reirter.

Sie verfolgte jede seiner Bewegungen mit brenttendeir Angen. Uttd sie näherte sich ihnt, legte die Hättde aus seine Schultern und flüsterte feilten Nattten.

Er ftthr sich über die Stirn, als besinne er sich, daß er von keinem Traum tim fang en sei.

Er sah sie. Er sah ihre Liebe und wurde Unsicher.

Aber er stand döchl auf, trat von ihr zurück und schüttelte der: Kopf.

Warunt?"" fragte sie ihn.Wollen Sie niemals auf- hören, zn hassen?""

Ich wüsste nicht,"' antwortete er erschöpft,daß ich Grnitd hätte, zu lieben."

Glauben Sie nicht mehr an die Liebe? Können Sie nicht mehr an sie glattben?"

Ich glaube nur an mich, llnd in mir ist keine Liebe. Keine Spur vott Liebe ist in mir.""

Ich liebe Sie,"" sagte sie dentütig ttnd vor Scham er- rötettd,fühlen Sie es nicht, daß ich Sie liebe?""

I ch liebe tt i ch t,"" beharrte er yart.

Dann werden Sie immer leideit..

Ich werde nur nie Ursache haben, ntich zu freue tt., Oder doch. Es macht Freude, wenn matt sielst, daß man die Menscheit beherrscht... Kennen Sie das Geheitnnis? Daß nur der herrsckst, der nicht liebt? Denn die Lrebe unterjocht ja, die Gefühle sind es, die unterjochen!"

Liebe bindet, ja. Mer nur unser Böses. Unser Gutes wird ftei. Liebe bindet unser eit Willen und erlöst urtser Herz . . . Wissen Sie nicht, daß man an nichts mehr leidet als an seittem Willen?""

Er schüttelte schon wieder gleichmütig den Kopf.Und dennoch: ich will. . .!""

Und wohin wollen Sie?"

Er war plötzlich wieder sehr ernst ttnd ruhig.Ich weiß es nicht. Ick) weiß nur, daß ich den Weg, den ich gehe, bis an sein Ende, bis arts Ziel gehen mitß. llnd ich denke, daß