$cm$ ag, den 8. Dezember
vis Reicher.
Nomari von Hermann Wagner.
(Fortsetzung.)
10. Kapitel.
Es war März geworden, und ReiSner hatte sich ent- schlossen, einige Wochen in die österreichischen Alpen zu reisen. Es war nicht allein Erschöpfung, was ihn trieb, der Arbeit d-en Rücken zu kehren. Er wollte einige Wochen wieder einmal der sein, der er früher gewesen war, ein harmloser Mensch, der dem Lebei: nicht mir dunklen Absick)- ten zuleibe ging. In Berlin war das nicht möglich, hier galt allein seine dNaske. Ob er di^e Maske wirklich würde abwerfei: können, darüber war er sich freilich noch nicht ganz klar. Oft dünkte es ihn, als ob ec mit ihr schon verwachsen wäre, oder als ob das, roas er für feine Maske hielt, in Wirklichkeit doch er selber war.
Prokop bereitete die Reise vor.
In ihm hatte Reisner einen Diener gefunden, lvie ihn ein Mensch, der nicht für und nicht mit, sondern gegen und ohne die Mitmenschen lebte, brauchte. Es wäre nicht leicht gewesen, zu sagen, lvie alt Prokop war: man konnte ihn ebenso gut ans dreißig wie ans vierzig Jahre schätzen. In seinen: glattrasierten, gelben Gesicht regte sich kann: je eine Falte. Die Haltung seines langen, geschmeidigen Körpers war jederzeit gerade, sein Gang, seine Bewegungen drückten Bestimmtheit aus und waren doch leick>t. Er sprach nnr, wenn man ihn fragte, und feilte Antworten klangen knapp, sachlich und treffend. Er war immer zur Stelle, wein: man ihn brauchte, und verschwand sofort, wenn er sah, daß er zu verschwinden hatte. Er war ein bis ins Vollkommenste aus- eführter Automat, der geräuschlos arbeitete und der doch achte.
Reisner zahlte ihrn mehr als jedem anderen feiner Angestellten. Prokop war der einzige, dem er wohlwollte und von dem er mit Bestiinmtheit wußte, daß auch er an ihm hing. Er war Reisners Schatten. Er las seinem Herrn die Wünsche von den Augen ab und er fand immer die richtige diskrete Form, sie zu erfüllen, ohne daß mau eigentlich sah, tvie er es machte. In viele intime Angelegenheiten seines Herrn war er eingeweiht, in die ihm dieser oft mit drei, vier hingeworfenen Worten Einblick gewährte. Dabei verstieg sich Prokop doch nie dazu, eine Meinung, ein Urteil zu äußeru. Er hatte wohl ein Ohr, das aufnahm, dafür keinen Mund, der zurückgab. Und sein Dienen lvar keine Arbeit, sondern eine Hingabe. Er liebte seinen Herru.
Prokop füllte die zwei Koffer, die Reisner mit sich nahm. „Morgen mit dem Nachtschnellzug fahren wir," sagte Reisner zu ihm. „Mer heute kounnt noef) Besuch Fuhre ihn tu mein Zimmer."
Reisner lvar abgespannt. Er warf sich in seinem Zimmer in der: Klubsessel und raUcbte. Ich bin müde, und eö ist
Zeit, daß ich fortkomme, dachte er. Er fühlte sich als Kämpfer. Und er brach jetzt den Kampf klug ab, so lange, bis seine Kraft sich völlig wieder erholt haben wurde. Kn Untergründe seines Bewnßlstins regte sich freilich sogar so etwas wie eine Sehnsucht nach Frieden. Mer gerade das war die Schwäche, deren er Herr weiBen mußte. Deshalb dräugte es ihn fort.
Er schalt sich jetzt, daß er nur einen einzigen Augenblick aus den Gedanken verweiidet hatte, sich mit Frau von Marisch zu verbinden. Was konnte ibm diele Verbindung bringen? Eine Festigung seiner gesellschaftlichen Position vielleicht — und das war etwas, das er nie erstrebt, auf das er klugerweise von vornherein verzichtet hatte. Einen beträchtlichen Zuwachs seines Vermögens, gleichsam im Spiel errungen,, — und das war erst recht etwas, dessen er sicb hätte schänren müssen, da sein Ehrgeiz doch dahin ging, sich seinen Reichtum und seine Macht ohne Hilfe Dritter zu erringen.
Freilich, er konnte es nicht verhindern, daß die (^danken an diese Frau zulveilen auch in anderer Form in ihm wach wurden, imb nicht nur an diese eiice Frau, nein, an Die Frauen überhaupt, au das Weib, — das er haßte, und sich über seinen Haß doch emporhob, mit einen: dunklen Lächeln auf den Sphinx.ippen, unverwundbar, ihm unendlich überlegen.
So pochte in halbtoachen Nächten ein roter, stürmisch drängender Wille durch sein Mut, oer seinen Hatz höhnte, der seine Liebe hervorlockte, die doch noch da war, irgendwo ini Verborgenen seines Herzens, nnd die er demütig machte und die er sortschickte, arm und hungrig, auf daß sie suchen gehe und betteln.
Die Erinnerung an dieses Zurückweichen und dieses Sichbeug-en im Traume vor dem Feinde, mit dem es für ihn keinen Frieden gab, versetzte ihn am Tage in eine namenlose Wut. Und er sann nach Mitteln, seinein Blut zu gebieten, seinem Blut und seinem Herz, und er fand kein anderes, als daß er einseitig seinem Blut scheinbar nachgab.
Doch dieser List schäm e er sich wieder und gab den Gedanken au >ie auf. All seine Triebe warfen sich dairu mit zehnfacher Wucht und mit hundertfacheni Hunger aus die Arbeit des Tages, die ihn so zerrieb, daß er dam: nachts lvie tot in seinem Bett lag.
Ja, es lvar Zeit, daß er fortgiug, wenn der Gedanke- daß er sich erholen müsse, auch, nur ein Vorwand war.
Denn in ihm lvar ein sonderbarer Glaube erwacht, der Glaube all eine Möglichkeit, die wie ein Märchen nmmit-ete. Es schien ihm, daß es ihn: lvirklich möglich sein müsse, einige Wochen ein anderer Mensch za: sein, — diesen neuen Menschen nicht zu spielen, sondern er zu sein! Daß er dazu nur seine Maske abzulegen brauchte, das glaubte er nicht mehr. Eine große Verlvirrulig war in ihm. Wer war er lvirklich, was war seine Maske? Er wußte es nicht mehr. Mer eine geheime Stimme sagte ihln, daß er es erfahren tvürde, menu er von hier flöhe...


