Ausgabe 
12.11.1917
 
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Die Rächer.

Roman von Hermann Sagnet (Fortsetzung.)

Er stand plötzlich auf, kreuze die Arme über der Brust und ging mit langen, schleppenden Schritten, die der Teppich lautlos machte, durch das Zimmer, in sich versunken und wie im Gespräch mit sich selbst.Das ist das Geheimnis, junger Freund, das Geheimnis, wie man die Menschen in Wahrheit beherrscht: man beherrscht sie, indem man sich von ihnen nicht beherrschen läßt, indem man sie nicht beachtet... Es wird Leute geben, die Ihnen sagen werden, daß Sie, um wieder glücklich zu werden, Ihre Tat bereuen müssen, um sich durch diese Reue die Verzeihung Ihrer Mitwelt zu er­ringen. Das ist Unsinn. Reue freut wohl die Menschen, wie sie alles Leid freut, das ein anderer erduldet, aber sie bringt sie niemals dahin, zu verzeihen. Wer bereut, bleibt für sie ewig der, der Ursache hat, zu bereuen. Sie verzeihen nur dem, der ihnen zeigt, daß er sie weder haßt noch liebt, daß sie ihm vielmehr gleichgültig sind. Dem laufen sie nach, dem drängen sie sich aus, so sehr, daß er, um sich vor ihnen zu schützen, sich, wie ich, von der Außenwelt abschließen muß!"

Er blieb vor Reisner, dessen Blicke mit plötzlich auf- gebrochener Zärtlichkeit an ihm hingen, stehen und legte ihm die kalte Hand auf die 'Schulter.Gehen Sie und versuckicn Sie so zu sein, wie ich Ihnen sage. Nur vergessen Sie nicht, daß eine große Kraft dazu nötig ist, eine Kraft der Selbst­beherrschung, die nie versagen darf, keinen Augenblick. Zeigen Sie nie, daß Sie leiden, zeigen Sie auch nie, daß Sie sich freuen: bleiben Sie unter allen Umständen kalt, Schmeiche­leien wie Beschimpfungen gleichermaßen unzugänglich. Ziehen Sie eine große Mauer um sich hinter deren Schutze es Ihnen leicht werden wird, zu lächeln, wie immer man Ihnen auch begegnet. So werden Sie unverletzlich. Und so bekommen .Sie die Menschen in die Gewalt. Denn jedermann hat nur zweierlei Möglichkeiten: die, zu herrschen, und die, beherrscht zu werden. Und der, der herrschen will, muß sich vor chlem selber beherrschen!"

Er brach ab, ging die Waird entlang und schien in den Anblick zweier Aquarelle versunken, scheinbar mit dem, was er gesagt hatte, nicht mehr beschäftigt.

Mitten in dieser seiner flüchtigen Zerstreuung aber stellte er, ohne den Kopf von den Bildern zu wenden, jäh die Frage:Nun, wofür haben Sic sich entschlossen?"

Für beides," antwortete da Reisner laut und wie befreit.

Der Justizrat schnellte herum.Was heißt das?"

^,Das heißt, daß ich die Stadt verlassen werde, ohne doch zit fliehen."

Reisner erhob sich, streckte sich und lachte.Herr Justiz- rat, ich) danke Ihnen. Es war eine wertvolle Stunde, die Sie mir geschenkt haben. Ich danke Ihnen nochmals. Und ich werde das, was Sie mir gesagt haben, nie vergessen."

Der Justizrat betrachtete ihn spöttisch.Was gedenken Sie zu tun?" ,

Ich will von hier fortgehen. Aber weder Furcht noch Scham treiben mich fort, nein. Ich traue es mir jetzt zu, hier zu bleiben, nach) dem, was ich von Ihnen gehört habe. Aber ich denke mir, daß ich nach den Grundsätzen, die Sie mir entwickelt haben, in der Fremde viel schneller vorwärts kom­men kann. Und mir eilt es..Denn ich muß wieder von vorn anfangen, ganz von vorn ..."

Ja, ja," nickte der Justizrat,ich begreife Ihre Eile."

Reisner ergriff seine Hand.Nochmals, Herr Justizrat, meinen Dank!"

Wofür?" fragte der Justizrat, indem er seine Hand zurückzog.

Für Ihre Freundschaft."

Der Alte schüttelte den Kopf.Sie täuschen sich. Ich bin nicht Ihr Freund. Nicht Ihr, noch der eines anderen. Viel eher bin ich vielleicht Ihr Feind."

Mein Feind?"

t,,Der Ihre mrd der aller anderen. Und vielleicht be­nütze ich Sie, indem ich Sie so gehen lasse, nur für meine Zwecke . . . Oder werden Sie nicht Unheil anrichten, indem Sie so handeln, wie ich Ihnen geraten habe? . . . Ueberlegen Sie es sich wohl! Mir kann es gleich sein. Denn ich hasse die Menschen. Ja!"

Reisner starrte ihn, der mit einem Male aus sich heraus­zuwachsen schien, wie eine Erscheinung an.

Doch der Alte wies mit der Hand auf die Tür.Gehen Sie jetzt," sagte er zornig,ich kann Sie nicht brauchen!"

6. Kapitel.

Als Reisner wiederum auf die Straße trat, fühlte er, daß er sich in vielem gewandelt hatte.

Eine heiße, über schaumende o<eude war in ihm, die sich um seine Sinne wie ein leiser Rausch legte. Und aus seinem Herzen quoll eine junge Kraft, eine Kraft, mit der er sich selber fühlte, die ihm bewies, daß er wohlgerüstet an einem neuen Abschnitt seines Lebens stand.

Er war voller Ungeduld. So vieles in seinem Leben war gut zu machen, so viele Fehler und Jrrtümer waren auszuwischen, so viele verpaßte Gelegenheiten nachzuholen, daß er wahrlich Eile hatte, damit zu beginnen. Gerade jetzt war es noch Zeit. Jetzt, wo er eben davor stand, sein Leben neu einzurichten, leidenschaftslos, mit Verstand und! kühler Berechnung.

Tenn gerade dieses eine war es, dessen Mangel bisher seinem Glück im Weg gestanden hatte: Kalte!

Wie dumm tnrd primitiv war es doch im Grunde, zu glauben, daß man seine Mitmenschen entweder lieben o-der hassen müsse. Beides, Liebe ebenso wie Haß, machte be­fangen, und darin, daß der Mensch befangen war, lagen alle Wurzeln seiner Niederlagen.und Jrrtümer. Nur wer irmerlich kalt ivar. durfte hoffen, zu herrschen, weil er ja der