Ausgabe 
10.11.1917
 
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Die Rächer.

Nvman von Herrn ann Wagner.

(Fortsetzung.)

5. Kapitel.

«'Reisner besaß errre Kraft der Selbstsuggestion, die frei­lich eine Schwäche war: er war imstande, sich jeder ver­änderten Lage, mochte diese auch nach so sehr zum Schlim­men ausschlagen, nach kurzem Schrecken innerlich anzu­passen und sich ihr zu fügen, auf welche Weise es ihm gelang, sc^inbar Herr jeder Situation zu sein, während er doch in Wirklichkeit chr blindester Sklave war.

In dem Augenblick, wo er seinen Fuß auf das Ham­burger Pflaster setzte, tat er es als ein Kämpfer wie er dachte, als ein Mensch der gesonnen war, sich zn wehren, ohne dabei erst den Angriff abzuwarten, als einer also, der durch seine Abwehr gleichsam den Kampf erst heraufbeschwor und heraufbeschworen wollte, diesen Kampf, den er von vornherein als etwas Gegebenes und Selbstverständliche- annahm.

Nicht im entferntesten kam ihm der Gedanke an die- Möglichkeit, daß es vielleicht Merrschen gab, die ihm die Schande feiner Strafe verziehen, imd dieser Gedanke lag ihn: deshalb so fern, weil er als ein Schwacher, der völlig im Bann der Dinge lag, diese Schande selbst noch nicht überwunden und sich verziehen hatte.

Hier in Hamburg, dachte er, trage ich mein Mal für alle Zeiterr auf der Stirn.

Und dies erftillte ihn mit einem ohnnrächtigeil In­grimm, der sich mit Hochmut wappnete und der scheinbar Schläge austeilte, wo er doch jederzeit bereit war, Schläge zu empfangen.

Er suchte vor allem den Mann auf, der ihn in seinem Prozeß verteidigt hatte, den Justizrat Doktor Eberhard Lorm, einen Bekannten feines verstorbenen Vaters, einen weißhaarigen Herrn, der in dem Rnfe eines Sonderlings stand, weil er in einem sonderbaren Starrsinn alle und jede Gesellschaft mied und, von einer alten Wirtschafterin und einem ebenso alten Diener betreut, als einsamer Junggeselle in einer allen Besuchen unzugänglichen Billa in Harveste­hude hauste.

Reisner, der die Absonderlichkeit des alten Herrn kannte, machte^ dennoch den Versuch, in seinem privaten Heim vorgelaffen zn werden, und er gab dem Diener, der ihn am Garteirtor abfertigen wollte, seine Karte mit den Worten:Melden Sie mich nur: der Herr Justizrat wünscht nrich zu sprechen!"

In der Tat kehrte der Diener gleich darauf zurück und meldete:Der Herr Justizrat läßt bitten!"

Reisner fand den alten Herrn in einem tiefen Klub- ^sel^rtzen, der seine hageren Gliedmaßen gleichsam ver-

Während Reisner ein paar Worte der Begrüßung stanv- melke, machte der Justizrat eine Bewegung mit sein« knöchernen Rechten, als bitte er um Entschuldigung, daß er sich nicht erhebe.

Auf einen Stuhl zeigend, sagte er krrrz und nüchtern.» Da sind Sie ja. Es freut nrich. Bitte, nehmen Sie Platz."

Dieser absonderliche Empfang, dessen.er sich gerade hier nicht versehen hatte, machte Reisner stutzig. Fast ohne eS zu wollen, nahm er eine Kampfstellung an.Ich komm« nicht als entlassener Sträfling," sagte er höhnischich komme, sveil ich Geschäfte mit Ihnen abzuwickeln Hab«. Sagen Sie es nrir ruhig, weniges Ihnen incht paßt."

Der Justizrat wiegte den Kopf.Eigenllich kommt mir in meiner Privatwohnung jeder ungelegen, besonders daun, wenn er Geschäfte zu haben vorgibt."

Es war mir peinlich. Sie in Ihrem Bureau aufzu­suchen," mn reite Reisner.

9hm a.o," rief der Justizrat aus,wenn Ihnen daS peinlich war, dann kommen Sie doch als enklaffener Sträf­ling!"

Reisner wurde rot. Zorn und Scham nahinen ihm die Stimme.Nrrn, so gehe ich wieder," sagte er rauh.

Der Justizrat sah ihn uiit einem unbeschreiblichen Lächeln an und machte ihm ein befehlendes Zeichen.Bleiben Sie," forderte er ihn aus.Es ist inrbediugt nötig, daß Sie bleiben!"

Warum?"

Weil es nötig ist. Weil Sie gerade jetzt jemaicderh brauchen, der Ihnen das sagt, was Sie erfahren müffen. Und der es Ihnen so sagt, daß Sie es verstehen."

Er hatte sich erhoben und zwang den Unschlüssigen auf einen Stuhl nieder. Er bot ihm eine Zigarre an und ver­söhnte ihn halbtorgs wieder, indem er ihm mit eirngen Scherzrv-orten Feuer gab.Gestehen Sie es doch," drang er noch halb scherzhaft mrf ihn ein,daß Sie voller Hatz sind. Wie?"'

Reisner sah schroeigend zur Seite.

Aber voller Haß, der kein Ziel hat. Oder doch eines, das absurd ist. Denn Sie hassen die ganze Welt."

Durchaus nicht," warf Reisner widerwillig ein

Nicht die ganze Welt? Also wen? Wen lmffen Sie?"

Mer der andere schwieg.

Also doch: die ganze WM! Ich toeiß es. Sie sind, nicht der erste, der aus dem Gefängnis kommt und dein ich das sage. Mer Sie sind ein Besonderer, denn Sie such reich und haben die Mittel, Ihren Haß in die Tat umzu^ setzen. Und das wäre vielleicht bedauerlich Bedauerlich filr die Menschen und noch bedauerlicher für Sie!"

Sie täuschen sich," sagte Reisner spöttischich loill nicht kämpfen. Ich hasse die Menschen nicht, sie inter­essieren nrich nicht einmal. Ich will nur nreine Ruh«. Sonst nichts."

Ja, das glaubten Sie! Das glaubten Sie die erste Stunde, als Sie aus dem Gefängnis in# Freie traten uudl