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der Gedanke an die plötzliche Frei speit Sie berauschte... Diese erste Stunde! Diese Dankbarkeit! Diese Liebe, die zunächst auch gar kein Ziel hat Und die sich doch in blinden Haß verwandelt, bei dein ersten hämischM Blick, der zwi:^ kerud zu bcnt Entlassenen sagt: Ja, dich, — dich kenne ich!"
Der Justizrat sah Reisner scharf an. „Es ist innner dasselbe. Ich renne das. Sie siiw nicht der erste!"
Reisner kreuzte die Beine übereinander und irraß den Justizrat mit schadenfroher Erwartung. „Nun gut, wenir Sie daü alles wissen: was raten Sie mir-'"
>Der Justizrat knift die Augenlider zu sammelt, strich sich die glattrasierten faltigen Wangen rmd sagte: „Ich kann Ihnen zweierlei raten, etwas Gutes und etwas weniger Gutes. Der Rat, den Sie weniger ernst nehmen sollen, lautet: Verreisen Sie! Verlassen Sie die Stadt! Für immer oder für eine lange Zeit! In der Fremde werden Sie der sein, der Sie sein wollen!""
„Und Ihr zweiter Rat?"
„Men: zweiter Rat, den Sie nur befolgen sollen, wenn Sie sich stark genug dazu fühlen, lautet: Bleiben Sie da! Meiden Sie da uiid fürchten Sie sich> nicht! Denn die Gesellschaft verachtet Sie nur so lange, bis sie sieht, daß Sie sie selber verachte::!""
Der Justizrat beschrieb mit den Händen einen Kreis, der die Abgeschlossenheit seiner vier Wände anderllete. „Gehen Sie mich an,"" fuhr er fort. „Seit einem Menschenalter lebe ich zwischen diesen vier Wänden und gestatte nie- mcnrdem, der mir nicht paßt, hier einzutreten. Schassen Sie sich einen gleichen Raum. Einen Raum, den zu betreten niemand das Recht hat. Was geschehen ist, ist geschehen, es liegt hinter Ihnen und Sie müssen fertig damit sein. Run beginnen Sie ein neues Leben. Da es andere Voraus-« setzungen hat, darf es dem alten nicht gleichen. Sie sind ein neuer Mensch, Sie müssen es sein! Sie müssen sich, neue Beziehungen suchen. Sie werden sie auch finden. Wenn Ihre Armen streng nach vorwärts gerichtet bleiben, dann werden Sie das, was hinter Ihnen liegt, nicht mehr sehen. Die Vergangenheit wird ausgelöscht sein, und die Zukunft wird das werden, was Sie aus ihr machen!""
„Kann man das?"" ftagte Reisner zweifelnd.
,-Ob Sie es können, weiß ich nicht,"" antwörtete der Justizrat. „I ch habe es gekonnt.""
„Sie?""
„Ich! Und wenn mein Fall auch äußerlich mit bem
a en keine Aehnlichkeit hat, so war er ihm innerlich, rm so verwandter.""
„Das... das müßten Sie mir beweisen," stammelte, Reisner unbeherrscht, mit der Gier eines Menschen, der, im Begriffe zu ertrinken, sich an einen Strohhalm klam- mert.
Der Justizrat versank noch tiefer in seinem Klubsessel rrnd schwieg zunächst.
Dann überfiel er beu anderen plötzlich mit der Frage: »Was ist nach Ihrer Meinung schlinimer: von der ganzen Welt oder von einem einzeliren Menschen verraten m werden?"" ^
„Wie?" ftagte Reisner.
„Nun," fuhr der Justizrat, indem er die Frage überhorte, rasch fort, „Ihr Fall liegt so, daß Sie sich,'von der ganzeir Welt verraten glauben. Jeder einzelne Mensch, glaube:: ©tc, xft Ihr Feind... Ich ftage aber: kennen Sie mrc einen Menschen, von dem Sie mit Bestinnntheit wissen, daß er Ihr Feind ist?""
gab Reisner nach einer Weile zu.
„Und umgekehrt: kennen Sie einen Menschen, von dem
'vissen, daß er Ihr Freund ist, -h I hr wiMicher Freund?"" u '"
weif; ich/' sagte Reisner langsam, „einen, — j'ia!" f Ä er,,ei1 **3 Alten krumpften sich zu
hitzigen Fausten zusammen. „Einen? Gut. Und glauben Sie an seine Freundschaft?""
„Ja, ich glaube daran."
„Fest?""
„Fest. Ganz fest."
scb^^H^Ä^at lachte. In feinet:: Lachen war ein un- schäner, blecherner Don. „Uird wenn dieser Freund... dieser
bertiete?' ^ ^»"d - Sie doch eines Tages
mühjan. Verhaltener Wut hervor- gestoßen worden. Sie klang in einen heiseren Schrei aus,
Und dieser Schrei blieb in einem langen und schwülen Schiveigen stecken.
Reisner stvcckie ein wenig den Kopf vor, um den Alten zu betrachten. Dessen Kopf war zur Seite gesunken und lag bleich und schlaff auf dem braunen Leder des Klubsessels. Die Lider waren wächsern und greisenhaft schwer über die Angeil gefallen.
dumm/" silhr der Alte nach einer Pause der Er- ichäpfung nlüde fort, „zu glauben, daß man zu. seinem Glilck und!unr leben zu können, die Menschen notig habe. Jchj brauchte volle ztveiunddreißig Jahre, um einznseheii, daß das dnnim ist. Genau so lange war ich ein Narr, der gewisse Dinge, die nicht wichtig sind, für äußerst wichtig hielt. Der, wie so viele andere, glaubte, ohne eine bestiminte Frau nicht leben zu können... Oder ist Ihnen nicht bekannt, daß ich einmal verheiratet war'?""
„Nein," sagte Reisner bestürzt.
„Ich lvar es. Ich war es genau ein halbes Jahr. Nicht langer. Denn im siebenten Monat meirrer Ehe stelle es sich heraus, daß..."
Der Justizrat lachte trocken lind ließ den Satz mwoll- ^^ lam iuit einenr Male Lebten in ihn, das von alten Erinnerungen gelveckt schien. Seine Augen funkelten lebhaft inid lustig. „Kurz,"" ergänzte er heiter, „es war mein Freund. Der, ans den ich jeder: Eirisatz gesetzt hätte. Gerade Nuu, imd ich bin doch alt geworden, alt und glückt ltch, glücklicher, als ick: es in der ersten Halste nieines! Lebens war! Und ich bin es geworden, weil ich nicht mehr der Narr lvar, mein Leben von dem Dasein eines arideren; abhängig zu machen. Weil ich hinter die Empfindsamkeit memer Jugend einen Striche gesetzt und es gelernt hatte, kalt und nüchtern meinen eigenen Weg zu gehen."
(Fortsetzung toigtj J
Martini (((. November).
Edmund Gallus. -
St. Martin, der gewaltige Heilige, beffen Fest- und Nantes Uiq der 11. November ph und der in zahlreichen Vokkssittnr. die mrt seuum Namen verbunden sind, in allen diMschien Landen! hoä)gefeiert wird, war zirka 316 in Steinamanger in Panmmten
* n inngerr Jahren bekannt« Glaubeir, lveshalb er mit seinen! Vater in Feindschaft kam, welcher ihn zwang, im ramijd>eii Heer Dienste e ' ^ ail f ^jbs-e Weise sich das Herz seines Sihnes dm alt«: Götter:: wieder zuwenden wurde. §o diente derm Martins als Eenturiv m dem in Gallien stationierte:! Heere des ^lldanus, des Apostaten, des bekannten letzten christenfeindlichen ^'lä?en Kmsers. In der ckwiillichen Kunst wird daher der Heiftge E als frommer Bischof, der er später wurde, daraestellt, s<mdern
Kriegsmann hock)j.zu Rost mid daher in katholischen Ländern auch alö ^chutzpatvon,der Soldaten verehrt. 9tach mancherlei Reisen und wundersame:! Begebenheiten wurde Martins, des KriegsÄnÄ
Jwff' r en ^ 1 ^ re? Mschof zu Tours, ioo er im Jahre 400 starb, hoch tn Ehreu und groß Mi Richn!
nach Einführung des Christentmns in Deutschla.ch Gebrauche, welche der Verehrung der altgermanischeu Götter bien^ dft' neuen Lehre übergingen, so lvar dies auch bei dem heil!g«! Martin der Fall. So gingen beispielsweise manche ^.otansinisthe außer auf Christus und Petrus auch ouf St. ..Kartm über, und wie einstens Wvtan auf loeistein Rosse und in weitem Mantel durch die Lüfte fuhr, so reitet nun St Mar- bmem^wmmen ^chiminel am Marlinstage durch alle Gaue ^}V l ^ m Schlesien um Martini schneit, so heißt e^> daher dast <^ rtm aus seinem Schimmel geritten komme. Währschcinllch ist auch die Martmsgaus, die an Martini verspeist loird, aus ftül e° ren Wolansopfern hervorgegangen, die an den alten, dem Wotan! um diese Znt gewechten Herbftdankesfesten dargebracht wurden Zu Lnzern belustigte nian sich ehedem am Martins^ tage nnt dem sogenannten „Gans-abe-haue", wobei die Teilnelmier
m einen? Seil aufgehängte
-Zriftstelter, „wollen auch einige ^«nb infonbevl>cit bie Sömtern v 1 ' öbm Brustbein einer gebratenen Gans am ..ro.rtinsabbnd erkennen, vb ein kalt«- Winter einsallen werde oder Nicht. Wenn es durchscheinend ist, so sagen sic' von seiner (des Winters) -schärfe; ist aber dunkel, .so soll ein unbeständiger
^Vte Cl b''iD° b or V , 1 111 ^' das Braune am Brustbein soll
totln ^entMr, „doch?", spottet der Bericht»
-Mutmaßung nur denen eiiisältigen Leute:! und derg-letchen Bauernstände überlassen. ' Früher opferte nian ^m heiligt n Martm auch Gänse und Hühner zur Heilung von
Tosselbe gescljäeht in Böhinen noch E bei Hochkeit«:. Ern schoarzer .Hal/n ,mrd unter Musik und


