Ausgabe 
5.11.1917
 
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getragen, niemänden vorzulasscn, da er die ganze Nacht ar­beiten werde. Daraus habe er sich in feinem Zimmer ern- geschlossen, in dem in der- Tat wahrend der ganzen Nacht Licht gebrannt habe. Erst am nächsten Morgen sei er wieder -um Borschein gekommen. Er sei zwar übernächtig gewesen, habe aber sonst den Eiirdrnck großer Ruhe gemacht. Er habe ihr einen versiegelten Brief übergeben und ihr aufgetragen, dtesen unverzüglich zu Frau Lucie Blümner zu bringen und ihn ihr persönlich ztt übergeben. Daraus habe er telephonisch ein Automobil bestellt, das ihn mit einigem Gepäck zum Dammtorbahnhos gebrmht habe. Seit dieser Stunde habe sie ihn nicht mehr gesehen, noch habe sie etwas von ihm gehört.

Und der Brief?" fragte der Untersuchungsrichter ge­spannt.Haben Sic ibn der Empfängerin eingelMdigt?"

Ja, nock) in derselben Stunde. Die gnädige Frau nahm ihn, ohne ihn sofort zu öffnen. Sie sagte, ich könne gehört, es wäre gut."

Weniger als eitle Stunde später stand Lucie Blümticr wiederiun vor dem Untersuchungsrichter. Sie war totenblaß, zugleich aber von eisiger Ruhe.

Haben Sie," fragte sie der Ulltersnchungsrichter,an dem Tage, da Ihr Mann ans dem Wasser gezögert wurde, mH zwar kurz bevor man seine Leiche in Ihre Wohnung brachte, durch eine Botin einen Brief erhalten?"

Ja," gab Lncie Blümner zu.

Bon wem war dieser Brief.?"

Die Wangen der Zeugin färbten sich mit einem leiseit Rot.Muß ich das sagen?" fragte sie.

Es liegt in Ihren: Interesse, wen«: Sie es sagen," redete ihr der Untersuchungsrichter freundlich zu.

Die Zeugin zögerte. Es mar zu sehen, daß es sie eine übertnenschliche Anstrengung kostete, sich zu beherrschen. Doch es gelang ihr. Die Röte auf ihrem Antlitz wandelte sich da­bei zu zwe: hektischen Flecken.Der Brief toar von einem meiner Bekannten, von Herbert Behrens."

Besitzen Sie den Brief noch?"

Rein."

Haben Sie ihn vernichtet?"

ich habe ihn verbrannt," antwortete die Zeugin mit einem Ausalmen, so, al^ habe sie etwas, sehr Schweres

endgültig überwunden.

Wollen Sie mir nicht sagen, ivas in dein Brief stand?" fragte der Untersuchungsrichter weiter, aufmerksam, ruhig imd liebenswürdig.

Nein," antivortete die Zeugin.

Ich mache Sie darauf aufmerksam, daß Sie großen Unannehmlichkeiten, ja sogar dein Verdacht, an dem Mord Ihres Mannes beteiligt zu senk, entgehen, wenn Sie es sagen."

Die Zeugin schien wie aus Stein. Keine Wimper zuckte an ihr.Nein," wiederholte sie, ohne auch nur einen Augen­blick zu überlegen.

Die Augen des Untersuchungsrichters richteten sich groß und ermahnend auf sie.Säger: Sic es «auch dann nicht, wenn ich Ihnen bei weiterer Weigerung mit sofortiger Verhaf­tung drohe?"

Auch daitn tlicht."

Dann," rief der Untersuchungsrichter, und sein Gesicht veränderte nch plötzlich,tut es mir leid. Ihre sofortige Ver- haftnng verfügen zu müssen, wegen dringenden Verdachtes der Mitschuld an der Ermordung Ihres Mannes." a..., lächelte leise. Dieses Lächeln halte etwas

Rührendes, cs sah aus. als ob es schon seit jeher ans ihren Lippen gelegen habe.Wie Sie wollen," sagte sie fügsam, m:r ist es recht." .

Eme Haussuchung, die soforr in der Wochtung der Ver- hafleLen vorgenouiinen wurde, ergab nichts, das für Lucie Blümner belastend gewesen wäre. Jener ominöse Brief, der r?' ^^^/ochen zweifellos in einem Zusammenhang Mnd, schien alw :n der Tat vernichtet zu sein. So blieb, da ein neuerliches Verhör Lncie Blümners gleichfalls ergeh

^»^b^ltef, nichts atideres übrig, als zu warten, bis matt des Taters habhajt würde, der zweifellos geflüchtet mar.

l m ihn zu bekommen, ergriff man unverzüglich alle- ttgen Maßregeln. Lewer gelang es nicht zu ermitteln, wohitk er sust gewendet hatte. Er war wie voin Erdboden verschwun- den. Man telegraphierte nach allen Richtungen, unterrichtete alle Dampserlknien und erließ einen Steckbrief hinter ihm Dann wartete mnit ab. *

Es vergingeti vierzehn Tage, und m^n hatte schon jede Dvssnnng aus eme rasche Klärung der geheimnisvollen An­

gelegenheit aufgegeben, als die Lösutig ans höchst über- rasch'nde Weise plötzlich ganz von selbst zustande kanr.

Eines Nachmittags ttämlich meldete sich beim Unter­suchungsrichter ein vornehin gekleideter Herr zu einer dring­lichen Unterred trug.

Er stellte sich als Herbert Behrens vor und erklärte mit knappen, nüchternvn Worten, ,t:an möge die Unschuldige, die tuan verhaftet habe, sogleich in Freiheit setzen, denn er, er allein, fei der Täter und schuldig.

Der Untersuchungsrichter, von dieser Wenduttg der An­gelegenheit auf das höchste überrascht, starrte den Mann, der sich hier so ruhig der Gerechtigkeit überlieferte, wie eine Er­scheinung an. Nur allmählich gelang es ih:n, seiner Ver­wirrung Herr zu werden, die erforderlichen 'Formalitäteil zu erfüllen und das Verhör, das sehr kurz ivar, zu proto­kollieren.

Bor allem eins," fragte er Herbert Behrens.Wie kommt es, daß Sie nach begangener Tat die Flucht er­griffen, da Sic sich doch heute init solcher Ruhe dem Gericht stellen? Warum stellten Sie sich nicht gleich?"

Ich bin nicht geflohen," antwortete.Herbert Behrens in einem Ton, der erkennen ließ, daß er die Wahrheit sprach.Ich brauchte nur einige Zeit, um meine Angelegen­heiten zu ordnen. Jetzt, wo das geschehen ist, bin ich hier."

Und er schilderte die Vorgänge jenes Nachmittags, wie sie sich zugctragen hatten: Wie er, nicht zum ersten Male, Justus Blümner zu einer Ruderpartie eingeladen nnb wie du'ser angenommen hatte. Wie er dann, was auch die zwei anderen Boote auf der Alster bemerkt hätten, mit Justus Blümner über Dinge, bezüglich deren er jede Auskunft ver­weigern müsse, in Streit geraten sei, wie Justus Blümner es gewesen sei, der ihn angegriffen habe, so daß er, Behrens, sich \n der Notwehr seiner habe entledigen müssen, wenn er nicht selber ertrinken ioollte.

^Sie behaupten also, ans Notivehr gehandelt zu haben? Und^te fanden, als Sie sahen, daß der andere ertrank, nicht den Mut, ihn zu retten?"

Herbert Behrens schien aus diesen Einwand gefaßt zu oJ!' " vS T nct)c öM daß dies feig von mir war," sagte er. ,^Aber ich war in jenen Augenblicken nicht Herr meiner ^vlnne und dachte nur daran, n:ich zn retten."

Als der Untersuchungsrichter auf den Brief zu sprechen kam, den Behrens vor seiner Abreise an Lucie Blümner hatte befördern lassen, lehnte dieser es in einem bestimmten Ton, der eine kalte Unerschütterlichkeit verriet, rundweg ab, über dessen Inhalt etwas auszusagen.

Dabei verharrte er auch, als ihm der Untersuchungs- richtel vorytelt, daß eine solche Weigerung seine und Lucie Blümners Sache nur verschlimmere, anstatt sie zu bessern, und daß, solange über diesen Punkt nicht Klarheit herrsche, an eine Haftentlassung der Frau nicht zu denken sei.

toie werden die Frau doch schließlich freigeben müssen " sagte er ein ivenig spöttisch,da ich doch alles auf mich nehme und da für ihre Schuld auch nicht der Schein eines! Beweises vorliegt. Ich erkläre klipp und klar: Der Streit Mmrn hatte nicht sic zum Gegenstand, und sie

blieb er, soviel ihm der andere auch' zusetzen % ne ? dle Angelegenheit juristisch vollkommen zu Nherrschen. Er sagte da, was er wollte, und kein Mort mehr Und so führte mau ihn schließlich ab. 9 '

Man schloß bald darauf die Untersuchung und erössnete das Hauptversahren.

(Fortsetzung folgt.)

Sonja.

B«ou .H e r t a T r i e. p e f.

-Naclsdrnck verboten.) .

2nt mehr als zSvri Jahren lebte die Vleinv Sonja nnn in Groß­mamas wtTtMigem, altem Hause, das für sie immer noch qehkimnis-, voller Herrlichtviten die Frille barg. Rußland, das Hunte, luftige Treiben dohc-mr in Petersburg, alle die früheren Eriun.-rungrm ver-, schwammen ihr schon MM imgeiocheu, ruenu auch iriürchenbast glauzeiiden Bilde. Nur die Gestalt des Vaters mitten darin stand derrtttch und statt vor ihr, mit den recht unbändigen Augen, die er hatte, und die doch so ernsthaft tvnrden, als er von Sonja .'lchctned nahm. s.as hm ilicht lange, bevor der Krieg ausdrarl> qe- weien.

Vater kämpfte irt der russrscl^n Armee. Er rpurde in Sonjas Vorstellimg allmählich Mn .Helden, aber seltsanierrneise losg«k lost von seinen MiMinpfern und' losgelöst von allem Nationalem.