Die Rächer.
VLoman von Hermann Wagnev.
(Fortsetzung.)
Die Untersuchung, die über den Fall sofort aufgenom- Men wurde, förderte nichts zutage, das den Mord aufgeklärt hätte.
Ein Raubmord kam nicht in Frage, da dem Getöteten, der eine beträchtliche Summe in Papiergeld bei sich gehabt hatte, nicht ein einziger Schein fehlte.
War Rache der Grund?
Nichts bot auch dafür einen Anhalt. Lucie Blümner, die in dieser Richtung verrwmmen wurde, erklärte, daß, soviel ihr bekannt sei, ihr Mann keine'Feinde gehabt habe. Und andere sagten das gleiche aus.
Das Verhalten der jungen Frau während der Einvernahme berührte freit Untersuchungsrichter sonderbar.
Sie schien voll Trauer und wie niedergeschmettert, und doch ging aus manchem, das sie sagte, hervor, daß ihr Schmerz nicht der Ermordung ihres Mannes galt.
Sie war in maitchen Augenblicken wie versteinert, um gleich darauf, vor einem Nichts, zu erschrecken und zu zittern.
Sic weinte heftig. Aber sie lachte auch einmal. Das tat sie, als der Untersuchungsrichter sie fragte, ob ihre Ehe eine gute gewesen sei. Da lachte sie, und ihr Lachen klang bös und zufrieden zugleich, so daß der Untersuchungsrichter vor ihr erschrak und davon überzeugt war, eine Kranke vor sich -u haberr.
Einen Augenblick hatte es den Anschein, als ob ein wenig Licht in die Angelegenheit kommen sollte, als die Schwester des Ermordeten vernommen wtlrde, ein altes Mädchen, das in seinem Aeußeren recht unsympathisch wirkte, infolge seiner groben, harten Züge, seiner stechenden Augen und seiner tiefen, tnännlichen Stiinnie.
Diese Zeugin war wahrend ihrer Einvernahine sehr erregt tmd deutete mit unbestimmten Worten an, daß sie wohl wisse, tver in einem engen Zusaurmenhang mit der Untat stehe. ^
Als der Untersuchungsrichter sie daraufhin aufforderte, in bestimmter Form alles zu sagen, was sie wisse, lehnte sie dies freilich ab und wurde verlegen.
l,,Sie müssen es sagen," setzte ihr der Untersuchungsrichter zu, „denn Sie haben geschworen, die Wahrheit auch nicht zu verschweigen."
Da wurde die rauhe Person zaghaft und stotterte: „Das; es die Wahrheit ist, kann ich nicht behaupten."
„Also eine Vermutung?" drang der Untersuchungsrichter in sie.
„Auch das nicht. Aber ich habe so meine Gedanken."
„Welche Gedanken?"
: Das grobe Gesicht der Zeugin verzerrte sich iu Hast.
,Hch denke, daß s i e mit Schuld darall hat . . ."
„Welche „sie"?"
„Sie, — seine Frau. .
Doch als sie ihren Verdacht sachlich begründen sollte, war sie dazu außerstande.
„Wenn wir schon annehmen wollen," sagte der Untersuchungsrichter, „daß Ihre Schwägerin an dem Mord irgendwie beteiligt ist, so liegt die Vermutung doch nabe, daß sie es in dem Sinne war, daß sie jenen unbekannten Mann, der der Täter ist, zu seinem Verbrechen angestiftet hat . . . Glauben Sie das wirklich?"
Bei dieser direkten Frage wurde die Zeugin blaß und antwortete zitternd: „Nein."
. „Ist Ihnen überhaupt bekannt, ob Ihre Schwägerin Beziehungen zu. fremden Männern hatte?"
Hier wechselte die Zeugin abermals die Farbe. Sie wurde rot. „Nein," sagte sie hastig und beschämt.
'„Aber es verkehrten doch manchmal Herren in dem Hause des Ermordeten, Freunde oder Bekannte?"
„Mein Bruder hatte keine Freunde. Nur Herr Behrens kam manchmal."
„Wer ist-Herr Behrens?"
„Ein Bekannter meiner Schwägerin, schon aus deren Jugendzeit her, ein reicher Junggeselle ohne Beruf, der eilt- zige, der in das Haus meines Bruders immer freien Zutritt hatte und der gern gesehen war."
Der Untersuchungsrichter beobachtete die Zeugin, die die Auskunft in verbissenem Don gab, eine Weile scharf und fragte dann unvermittelt: „Hatten nicht auch Sie jederzeit freien Zutritt in das Haus Ihres Bruders?"
„Nein," antwortete die Zeugin.
„Warum nicht?"
„Meine Schwägerin liebt mich nicht."
Hier unterbrach der Untersuchungsrichter die Befragung der Zeugin plötzlich, denn er hatte das Gefühl, eine wirkliche Spur gefunden zu haben, deren Verfolgung sich lohnen mußte.
Er ließ an Herbert Behrens eine Ladung ergehen, unverzüglich vor Gericht zu erscheinen, um als Zeuge eine Aussoge zu machen. Doch der Gerichtsdiener, der die Ladung überbringen sollte, kehrte nach einer Stunde unverrichteter Dinge zurück.
Er berichtete, daß er in der Villa des Zeugen, die draußen rn Uhlenhorst lag, nur dessen Wirtschafterin an- getroffen habe, die ihm mitgeteilt habe, daß ihr Herr seit einigen Tagen verreist sei, ohne das Ziel seiner Reise und
Lag seiner Rückkehr angegeben zu haben.
Der Untersuchungsrichter lud nun die Wirtschafterin des Herbert Behrens vor und erfuhr von ihr das Folgende:
Genau vor sechs Tagen — das war der Tag, an dem )raußen auf der Außenalster der Mord begangen worden war —, berichtete die Wirtschafterin, habe ihr Herr kurz nach der Mittagstunde die Villa verlassen. Er sei erst in den Abendstunden zurückgekehrt, und zwar, wie deutlich zu sehen gewesen sei, in großer Erregung. Er habe nur wenige verworrene Worte mit ihr gewechselt und ihr schließlich gu5-


