3n Sturm und Stille.
Roman von Max Treu.
(Fortsetzung.) —
Hans Joachim legte den Weg von Hohenbergen nach Lin an, wo sein Besitztum lag, in flottem Trab in einer- halben Stunde zurück. Die Sonne stand hoch am Mittag, als er heimkam, und in flimmerndem Glanz gehüllt lag die flache Ebene. Auf den Feldern sproßte die Saat, und das Buschwerk zeigte allerorten den ersten Anstrich frischen jungen Grüns. Hoch oben in der sonnenglänzenden Luft schmetterte eine Lerche.
„Schön bist du, meine .Heimat, du weites, flaches Land, und mein Herz hängt an dir!" sprach Hans Joachim vor sich hin, als der Braune auf die heimatliche Pforte zutrabte. „Wenn doch erst die alten schwarz-weißen Farben wieder über dir wehten! Aber wie sagt Riezler: „Tomen, bloß'» immer töwen! Der Tag kommt ooch noch!" Mer erleben will ich ihn noch, diesen Tag!"
Er ritt in den großen Wirtschaftshof ein. Ein Stallknecht kam ihm entgegen und nahm ihm das Pferd ab. Aber wegführen durfte er es. erst dann, nachdem Hans Joachim dem treuen Braunen die üblichen Leckerbissen in das Maul geschoben hatte, die es nach jedem Ritt absetzte. ^
Dann ging Hans Joachim in sein Zimmer. Der Tisch war gedeckt, und die alte.Haushälterin trug das Essen auf.
Aber es schmeckte ihm heute nicht.
„Um Gott, Jungherr," sagte die^Alte^erschrocken, als sie das bemerkte. „Sie essen ja nicht! Sind Sie krank!?"
„Ach, Mutter Martens, freilich — es fehlt mir was."
„Gleich soll Fritz zum Doktor fahren —"
Sie wollte eilends hinaus.
„Lassen Sie Fritzen ruhig -essen, Mutter Mertens? Und der Doktor soll mir vom Leibe bleiben. Mir fehlt etwas anderes."
„Aber um Gott, Jungherrchen, was denn?"
„Eine Frau, Mutter Martens!" ^
Und dabei schlug er mit der Hand auf den Tisch-, daß die Teller klirrten.
Mutter Martens stemmte die Hände in die Seiten. „Das ist recht, Jungherrchen! Das habe ich ja immer gesagt: in Linau fehlt bloß ne Frau, dann ist alles im Schuß. Und jetzt sag ich: nehmen Sie sich eine!"
Hans Joachim lachte.
„hm, Mutter Martens, Sie haben gut reden. In diesen Zeiten, wo's jeden Tag losgehen kann, und Säbel und Büchsen 271 der Wand immer so seltsam klirren, loollendie Ho<^- zeitslieder nicht klingen. Und dann — ich kenne ja niemand, komme ja fast gar nicht von meiner Scholle weg —"
Mutter Martens setzte eine geheimnisvolle Miene auf und trat dicht an ihn heran.
„Jungherrchen —"
„Na, Mutter Martens, was denn?"
„Ich weiß was!"
„Man los!"
„Drüben in Hohenbergen sind seit ein paar Tagen nWt bloß alte Damen —"
„So? Wissen Sie das auch schon?"
„Natürlich! Hab sie doch gestern spazierengehen sehen! Und hübsch ist sie, Jungherrchen, hübsch wie der lichte Maitag -"
Hans Joachim hatte sick) erhoben.
„Na ja. Mutter Martens, wir wollen mal sehen!"
„Nee, Jungherrchen, nicht bloß sehen — nehmen, nehmen, nehmen, Jungherrchen, nehmen!"
„Wenn sie nun aber nicht will?"
„Was, nicht will! Die nröchte ich erst noch kennen lernen, die den Jungherrn von Sormitz nicht will. Alle wollen sie?"
„Schon gut, Mutter Martens!"
Damit schloß Hans Joachim das Gespräch, denn es sing an, verfänglich zu werden. Er ging ins Nebenzimmer und setzte sich an den Schreibtisch. Aber seine «Gedanken waren nicht bei den Papieren, die vor ihm lagen, i' flogen über die grünenden Felder zu einem Paar blauer Au t i
Der alte Diener trat ein. Er hielt ein ;• Schreiben in der Hand.
„Do is all wedder so'n Düwelsbreef", sagte er, seinem Herrn das Schreiben überreichend.
Auf Hans Joachims Stirne zeigte sich eine Falte. In den Augen blitzte es.
„Was wollen die Herren schon wieder?"
„Jo, ick kann dat nich weeten, Jungherr!"
Hans Joachim ritz den Brief <mf und las:
„Auf Befehl Seiner Majestät des Kaisers. In Ergänzung des Ihnen von Seiner Majestät dem König von Westfalen übertragenen Offizierpatentes hat Seine Majestät der Kaiser Sie zu seinem Ordonnanzoffizier ernannt. Sie werden daher den Borzug haben, den bevorstehenden.Feldzug in der unmittelbaren Umgebung Sr. Majestät des Kaisers mitzumachen. Ich ersuche Sie, sich nicht erst binnen drei Tagen, sondern unverzüglich im Gouvernement zu Magdeburg einzusinden."
Das Schreiben war vom Gouverneur persönlich unterzeichnet. Aergerlich warf es Hans Joachim auf den Tisch.
Die haben es ja sehr eilig. Na, denen werde ich von Riezlers Rezept zu kosten geben:
„Töwen, man immer töwen!"
Er nahm die Feder und schrieb:
„Ich sehe mich außerstande, die mir zuteil gewordene Gnade Sr. Majestät des Kaisers uni> Sr. Majestät des Körrigs von Westfalen anziurrehmen. Denn da ich mein Gut selbst bewirtschafte, und da ich ferner die Ab sicht habe, in nächster Zeit zu heiraten, ist es mir unmöglich. einen Dienst anzunehmen, der mich aus lange Zeit vom Hause weg- führt. Ich muß daher so frei feilt, von meinem Privileg,


