Ausgabe 
29.9.1917
 
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Sn Sturm und Stille.

Roman von M a x Tre u.

(Fortsetzung.)

?Gewiß, Tante. Selbstverstäridlich. Wir nehmen keine Unade von fremden Räubern. Aber"

Aber?" fragte die Tante, da er stockte, und sie trom­melte wieder einen Marsch aus dem Deckel ihrer Tabaksdose.

Hm, Tante, siehst du denn die Angel nicht, die da liegt? Wenn ich die Gnade zurückweise, wird man mir wegen Maje­stätsbeleidigung den Prozeß machen. Man sperrt mich ein, setzt mich hinter Schloß und Riegel, wie den Poplitzer Kro­sigk, und erreicht das gewünschte Ziel besser und sicherer als auf dem ersten Wege: man trennt mich von meinen Bauern."

Mit scharfem Klappen fuhr der Ebenholzstock der Do­mina aus btc Diele nieder.

Das sollen sie wagen!"

Und wenn sie es wagen, Tante?"

Hm-dann--, nun wir werden ja sehen. Vor­

läufig ist es noch nicht so weit. Man soll keine Geister zitieren. Sie drehen einen! schließlich den Kragen uni, wenn man sie nicht Mehr los werden kann."

Eine kurze Panse. Jetzt führte die Domina bedächtig eine Prise tzur Nase und sagte:

Willst du nach Magdeburg?"

Es wird nichts anderes übrigbleiben, Tante. Ich werde ihnen schon den Standpunkt auseinandersetzen. Und wenn sie mich wirklich einsperren-"

Heftig fuhr die Domina auf.

Hand an dich legen? Sie sollen nur kommen! Du wärest nicht der erste, der aus den Kasematten einer Festung den Weg in die Freiheit fände trotz Kerkermeister und Schildwache."

Die Mauern sind dick iM Magdeburg."

Die altmärkischen Schädel sind dicker. Weißt du, wie der Schulze im Salzwedelschen gesagt hat, als sie ihm droh­ten, sie wollten ihn totscheßen:Scheet man tau, Döö- köpp! Minen Schädel kreegt doch nicht kapott!" Und" die Domina erhob sich, und ihre große, hagere Gestalt rich-- tetc sich stolz emporsie kriegen uns eben doch nicht kapnt!"

Es 'wurde an die Tür geklopft.

Herein!" rief die Domina.

Ein junges Mädchen trat ein. Verwundert sah Hans auf die blühende Erscheinung, nur deren reiches, blondes Haar die Sonnenstrahlen spielten, als ob sie einen Heiligen­schein darum weben wollten.

Wie kommt denn dieses junge Leben in diese alters­grauen Räume?" dachte er und betrachtete immer erstaunter das seingeschnittene Gesicht, aus dem ein paar große, tief­blaue Augen ihm halb schüchtern, halb neugierig entgegen- blickten.

Die Domina löste das Rätsel, nachdem sie dem jungen Mädchen die Hand gedrückt.

Mein Neffe Hans Joachim von Sormitz Fräu­lein Beate von Hassow," stellte sie vor und setzte dann er­klärend hinzu:Fräulein Beate ist bei uns zu Besuch. Ihre Mutter ist schon lande tot, und ihr Bater fiel in österreichb- scheu Diensten bei Aspern."

Hans Joachim verneigte sich. Und die Augen der jungen Leute tauchten einige Angenolicke inenander.

Dann nahm die Domina wieder das Wort:

Komm doch iu einer halben Stunde wieder, liebe Beate. Ich habe noch mit meinem Neffen zu reden,i |e£ dauert nicht lange"

Beate neigte das schöne Haupt. Und wieder trafen sich die Angen der Jugend-

Du wunderst dich," sagte die Domina, als Fräulein Beate das Zimmer verlassen hatte, und ein leises Lächeln svrelte um ihre scharfgeschnittenen, energischen Züge.Hier sind sonst nur alte Damen, meinst du? Jawohl, das haben wir nämlich selbst gemerkt, und als wir es merkten, waren wir uns einig, daß etwas fröhlicher Sonnenschein uns altert nichts schaden würde. Und kurz entschlossen, ließen wir Beate kommen. Ich habe ihren Vater gut gekannt und ihre Mutter auch. Das junge Mädchen twu bis jetzt in Kasseli und das das ist nicht der Ort für eine Beaute eS stich zu viele Schürzenjäger da, das weißt du ja besser als Ich Aber nun sag, willst du wirklich noch nach Adagd-ebUrH gehen?"

Einen Augenblick überlegte Hans Joachim. Dann enb" gegnete er ruhig und entschlossen:

Nein."

Er hatte aber der Tante nicht gesagt, weslmlb er feiltest Entschluß so plötzlich geändert.

Ein paar blaue Augen hatten seine ursprüngliche sicht umgestoßeu. Und diesen blauen Augen begegnete er jetzt, als er durch den Klostergarten hindnrchging, weil er, wie er selbst ernsthaft glaubte, sich überzeugen müsse, ob denn da die Frühjahrsbestellnug auch richtig im Werk und Werdau war. Daß er durch das Fenster hindurch Fräulein Beate, int Garten entdeckt hatte, wäre natürlich ganz und gar kein Grund für ihn gewesen, in den Garten zu gehen.

Und nun standen sie sich gegenüber. Ihre Augen suchen sich, und dann senkte Beate schnell das ihre, und eine leichte Röte husche über die feinen, ausdrucksvollen Züge

Fräulein Beate-.

Er erschrak. Mein Gott, wie durste er sie denn mit ihrem Vornamen anrcden! Aber das kam ja so selbstverständlich heraus. Und auch beim zweiten Male als ob sie gar keinen anderen Namen trüge:

Fräulein Beate." Was

__ ii tun Sie denn hier, Fräulein Beate, in der kühlen

lrärttuft und auf den feuchten Wegen?"