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„Die klugen Leute in Magdeburg."
„So?" faßte die Domina, klopfte mit der knöchernen Hand heftig auf den Deckel ihrer goldenen Schnupftabaksdose und nahm dann langsam eine Prise heraus.
„Ja, Tante. Ich habe ein Schreibelt vom Gouverne- ment bekommen. Das lautet so: „Ich ersuche Sie, sich binnen drei Tagen bei mir einzusinden. Se. Majestät bietet Ihnen eine Stellung als Offizier in der Armee an. Ich erloarte, daß ^sie diesen Gnadenbeweis zu würdigen wissen werden." So steht da drin, Tante."
Fräulein Lndovika Aemiliane von der Nott vergaß die genommene Prise zur Nase zu führen. So erstaunt war sie.
„Auf diese Leimrute wirst du doch nicht gehen, mein Junge?" fragte sie.
„Nein, Tante, aber sie werden mich holen."
Die Domina trommelte einen Marsch auf dem Dosendeckel.
„Meinst du?"
„Sicher. Sie wissen, lver hinter den Bauern steckt, und den wollen sie unschädlich machen. Und weftn ich nicht hingehe, werden sie zu mir kommen."
„Hm. Der Adel kann nicht zum Militärdienst gezwungen werden — das Privileg haben sie uns lassen'müssen —"
* „A.anz recht, liebe Tante, aber so liegt die Sache nicht. Man will mich ja gar nicht zwingen, inan bietet mir eine Gnade an-"
„Und die wirst du zurückweisen."
In den klaren, braunen Augen der Domina blitzte es auf.
(Fortsetzung folgt.)
Zche-Zo.
Skizze von Eugen H e l t a i.
Einzig berechtigte Uebertraguug aus dem Ungarischen von Stefan I. Klein.
^ Ter berühmte Sch.istßeller saß gedankenversunken an seinem Schreibtisch. In sehr schöner Pose saß er dort, genau so, loic er sich seinerzeit barte photographieren lassen. Ten Kopf in die Hand gestützt, den Blick aber in die FerM schweifend, irgendwo .w-eitab, jenseits der Mauern und HäusekDubcr die farbensatten Wiesen der Phantasie, durch des Märchenlandes grünende Wälder.. Bor ihm leere Pikpierblätter und volle Aschenbecher. Er hatte eine Legion wn Zigaretten verheert, bevor er- endgültig herausbekam, daß ihm heute nichts einfalle.
So saß er denn dort, mißmutig, [a sogar Gram im Herzen. Und bedauerte augenblicklich- sehr, daß ihm nicht.- entfallen wolle. T-och hing dieses Bedauern beileibe nicht mit feinem St-eben nach der zu erringenden zukünftigen Unsterblichkeit zusammen, sondern vrxl eher mit einem sehr gegenrvärtiaen Geldmangel. An diesem Abend besaß der berühmte Schriftsteller keinen r-oici Heller. Er suchte Zigarren hervor, fand aber keine, sondern bloß dicke, betäubende Havannas, mitjxnen er sich noch in besseren.Zeiten versorgt hatte. Der Not gehorchend, zündete er sich eine schöne und teure Zigarre an, wie sie selbst Novelle.-holden bloß des Sonntags rauchen. Und fluchte in der «echea Trete feiner Seele l'ü'e, denn es gelüstete ihn nach einen! billigen Kraut. Er hatte das Geftihl, es würde ihm sofort ein glänzender Einfall körn men, wenn er eine Brrtannlka in den Mund stecken könnte, und stehe, durch die Mißgunst des Schicksals muß er sich ein .Havanna leisten, denn er hat "ein Geld sü^eiue Vritannika. Er wetterte gegen das Schicksal der ungarischen Schriftsteller und erwog traurig, wieviel vernünftiger Z. gewesen wäre, zufällig als' Deutscher oder Franzose ans die Welt 7 >n kommen.
„Ich wäre jetzt ein reicher Mann !" sagte er zu sich. „Draußen" (dieses „Draußen" begleitete eine nnllare Geste, aus der sich schwer geographische Folgerungen ziehen lassend ..draußen mstve
in ihrem Himmelbett und süßes Lächeln spielt mrr ihre Lippen. Sie träumt. Und sieht innTvaume Engel, die -ans blauen Höhen nieder- steigen und unter leiser Atnsikbegleitung auf einer silbernen Platte ihr etilen großen Hut überreichen, einen viel größeren, als ihn eine sehr liebe Freundin besitzt. Auch meine Kinder ruhen sanft und träumen süß. Sie scheu die gleichen Enget, die auch meiner geehrten Ehehälfte ihre Answw'ing machten, und ihnen bringen die EngÄ Schlittschuhe und ein Avonueinent für die Eisbahn. Dann fliegen die Engel fort, ich aber bleibe hier und rann die Schulden der Eugsst zahlen. "Wäre es 'nicht'besser, auch ckch kröche ft cs Bett und ließe auch nur etwas von den Engeln bringen?"
Tie Uhr des Speisezimmers verkündete in diesem Augenblick mit dumpfen Schlägen Mitternacht. Ter berühmte Schriftsteller crrrar/jt? wieder und konstatierte mit wachsendem Schrecken, daß er noch immer keinen Buchstaben niedergeschrieben. .Hingegen hatte er neuerdings sechzig Minuten vergeudet. Traurig rauchte er sich eine neue Zigarre an, die ausnahmsweise nur drei Krone:: vierzig Heller gekostet hatte. Mit mörderischen Augen maß er das leere Pavier, das blaß, weiß, feindselig den Blick erwiderte, Hie haßten einander ungefähr gleich.
„Einst, in alten Zeiten," erinnerte sich der berühmte Schriftsteller, „besaß ich ein kleines Büchlein und verzeichnete darin meine Themen. Ich war doch in den Tagen des Reichtums eine fleißige Thnnenameise, es üann nicht sein, daß schon alle Schätze verbraucht- sind, die ich in -diesem Büchlein angehänft habe."
Zu neuer H-osfum.'g erwacht^ begann der berühmte Schrift- steiler eifrig in den Läden seines Schreibtisches zu suchen. Vielerlei gerie-: ihm da in die Ho .d: bezahlte Rechnungen, hei deren Anblick er gerührt, altbackene Liebesbriefe, bei deren .Anblick er zornigj wurde, und allerhand alte Schriften. Bloß das .gewisse richte
wo immer es auch sich^erb-arg. Er fand es auch in: letzten Lädchcn. Tiefes Lädchen gab ihm besonders viel Arbeit, es ließ sich nämlich bloß vis zu einer gewissen Grenze öffnen. iDamr leistete es Widerstand (uMd^gab nicht nach, lote immer er auch daran zerrte. Ter berühmte Schriftsteller lächelte gequält, er kannte diese Lädchen- scherze zum Ueberdrnß. Sie entstehen, wenn sich ein Stück Papier Mischen den Teckel und die Rückwand schiebt und jedem Fort- schreiten Hindernis bietet. Geduldig kramte er ans dem Lädchen alles heraus, entwirrte die gestauten Papierschichteu und bewert w schließlich mit Genugtuung, daß eben das gesuchte Büchlein w hartnäckig gegen das Herausziehen des Lädcheus protestier^, diach langer und heldenhafter Verteidigung kam das Büchlein hervor, gekrümmt, zerknüllt, mit zerrissenen Blättern, den im
., ... lassen st , draußen lailrc
-ict> layort Icutnif am Ziel. *5cf> wurde in meinem eigenen Landhaus wohnen, nur arbeiten, wenn es juL beliebt und was mir beliebt ttfli müsste mich nicht umS Brot plagen und die b'rclichstc'l Dich- tun gen, Dramen und Romane flössen mir aus der'Feder."
Tietthr im benachbarten Speisezimmer verkündete in diesem Augenblick nnt dnmpwu scistagen die elfte Stunde. Ter berühmte Miwstücktellcr.crrvachte aus leinen Träumen und kehrte mit dem hochn bequemen Schnellzug der Gedanken sofort ans dem Mstande henn. Erschrocken betrachtete er das noch immer leere Papier und begann sein Gehirn abznqnälen. Streng, unerbittlich und ohne ihm^edi^ örterte, er es, doch alles war vergebens und nichts siet
p!-- peinliche Geschichte," sagte er verzagt. „Gott
h t i*k4 a*<a ... .* i ^
ec- hatte sämtliche Themen längst verarbeitet.
Tie Uhr verkündete in diesen! Augenblick mit duinpsen SchlL- gen die erste.Stunde nach Mitternacht. Und der berühmte Schriftsteller, der bisher wenigstens -zu sick selbst gesprochen, versank letzt in düsteres schweigen. Einige Angenöl icke schaute er ratlos vor sich hin, dann zum Plafond hinauf, als. erwarte er nur noüz von dort Hilfe. Doch fiel ihm beizeiten ein. daß oben ein Getteidehändlcr.wohnt, von dein er keine Hilfe erwarten könne. Beschämt raffte er also seinen Blick vom Plafond fort und schaute auf den Fußboden. Zetzt fiel ihm ein, daß unten der Hausherr wopnt, von dem er ebenfalls nichts zu erwarten habe. In seiner Verbitterung fuhr er vom Sessel aus, trat aus Fenster und schaute aus 'die Straße, all wo Leere und Stille finster dräuten. Und dort, beim Fenster, begann der Schriftsteller wieder das Selbstgespräch.
„Ich könnte jetzt vom Herrgott ein ausgezeichnetes Tramen- thenw verlangen. Ein Thema, sensationell und dreißigtausend Kronen cmOriiigeno. Doch verlange ich derlei nicht, denn ich bin
' vrbrnt. griffe, nicht,
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ui> rem Zrp-eitauieiw-, ja Nicht einmal Eintausendkronenlh.ma, iondern alles in allem ein Einhnndertlronenthema, in runder sinnme; es tonnten auch achtzig Kronen sein, aber zumindest sechzig Kronen ninß ich unbedingt haben. Ties verlange ich vom Herr- 6 .vtt, ein gutes, kleines The «na, mit viel Liebe jutb ivenig Mühe em Tlst.'ma, daß ich noch nachts verarbeiten könnte, damit ich in der o-ruhe me me fünfzig Kronen bekomme. Tenn der Hut meiner -lieben Frau kann schließlich warten und auch meine Kinder müssen mmt unbedingt schon morgen Schlittschuh laufen! . . . ."
Bei diesen Worten überwältigte die Rührung heu hervorrag
den 'unrtiffMfpr imh «w s..r. v:_. r_ r.r
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fru fagen habe unb stürbe, wenn ich Nicht gleich mederschriebet was mir m der Seele wühlt. O nein! Im Gegenteil ich sitze Ey un 001-^1 ent in EkA hier, indes zn-ei Stuben weiter meine Seme Familie arglos schlummert. Meine liebwerte Gattin ruht
s-sndling aus himmlischer Höhe nicht, die Engel mit den Mb«.
m dres« Nacht ausschließlich mir Ta men hüte, Schliltschiihe iinh Eisbahn<vbomiemento auszutragen, aber reine Themen, weshalb fetzte sich der hervorragende Schriftsteller an den


