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Stift Hohenbergen hatte einen ausgedehnten Landbesitz, zu dem -auch weite Waldungen gehörten. Und hier stand die Jagd in Blüte, ein großer Wild best and mit Prachtexemplaren voll Hirschen, und bot ein Paradies für den Weidmann, und da die Kvnventualinnen, wie die Insassen des Stiftes hießen, ihrer Weiberröcke wegen nicht selbst auf die Jagd gehen konnten, so lud die Domina, das war der übliche Name der Vorsteherin, die auch den Titel „Frau Aebtissin" führte, von Zeit zu Zeit eine Jagdgesellschaft ein, die aus Herren aus Kassel, ans Braunschweig und Magdeburg bestand. Daß die Domina das nur widerwillia tot. um firft doä Mild mrfvt
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Domina das nur widerwillig tat, um sich das Wild nicht über den Kopf wachsen zu lassen, und um großen Schaden für den Ackerbau zu verhindern, das sagte sie zwar., nicht. Aber man wußte es.
Man wußte in Kassel und Magdeburg ganz genau, daß das hoch edel geborene Fräulein Ludovika Aemiliane von der Rott, derzeitige Aebtissin des-Stistes Hohenbergen, mit der Patriotenpartei und dem Tugendbund in Berlin und Königsberg in Verbindung stand, und wußte ebenso genau, dag, wenn die französischen Gäste Stift Hohenbergen verlassen hatten, ihnen von dort ein stiller Abschiedsgruß nady gesandt wurde, der dem Wunsche, den vorhin Hans Joachim auf dem Elbdeiche geäußert hatte, so ähnlich war wie ein Ei dem andern. Aber man karir*Dennoch^)eiiU die Jagd war ausgezeichnet, die Jagddiners im StiM hervorragend und die Domina die tadelloseste Gastgeberin, die zu denken war.
Und dann — man wollte es mit der mächtigen Dame nicht verderben. Man kannte den begeisterten Anhang und das große Ansehen, das sie in der ganzen Altman hatte, und inan fürchtete sich, etwas zu tun, wodurch eines Tages vielleicht diese dunklen Kräfte gegen die fremde Herrschaft m die Schranken gerufen werden korruten. So hielt man sreundnachbarlich Frieden, wenn es auch auf beiden Seiten zuweilen in den Augen blitzte und in der Faust zuckte.
Das war aber in der letzten Zeit öfter der Fall gewesen. Die ruckfichtowsen Proskribtionen Napoleons, der zu seinem bevorstehenden Feldzuge nach Rußland sein Heer zu nie gerannter Höhe bringen wollte, und der besonders in bcn eroberten Ländern alle waffenfähige junge Mannschaft, deren er yabyaft werden konnte, in die Armee ein stellte — letzteres auch aus politischen Gründen, um in den von Truppen entblößten Ländern keme Gefahr für sich aufkommen zu lassen -hatten böses Blut in der Altmark wie anderwärts 'ge- macht und mehrmals ein Zeichen war geschehen, das man iil Kassel und Magdeburg mit ernster Besorgnis wahrgenommen hatte. Kuriere mit wichtigen Depeschen waren überfallen und spurlos verschwunden, einzeln reisende Ossi- ziere und hohe Beamte ebenso; kleineren Militärabteilungen, die die Verbindungen zwischen den einzelnen Garnisonen aufrechterhielten und in Dörfern untergebracht lvaren, wurden von den Bauern rundweg, jede Lieferung der ihnen zustehenden Verpflegung verweigert, es sei denn-gegen sofortige Bezahlung, und wenn die Soldaten Gewalt anwendcn wollten, um zu dem Ihren zii kominen, hatte es Mord und Tot- schlag gegeben, bei denen das Militär vor der großen Uebcr- macht, der man sch gegenübersah, immer den kürzeren gezogen hatte. Wo Uten die Behörden die Ncbeltäter greifen/so waren diese spurlos verschwunden xtnb nirgends aufzusinden.
S ln ganzes Dorf oder gar mehrere gemeinschaftlich vorzugehen, wagte man nicht; man wollte sich kein zweites Spanien schaffen, man hatte an dem einen geling, ganz be- onderv m der letzigen Zeit, wo der Ausmarsch nach Rust- oevorstand. König ^erome hatte nicht die eiserne Hand ^ures Bruders; er war kein Freund blutiger Maßregeln und ^ slch m semem täglichen „Jmmerlustik" in Kassel licht gern durch aufregende Mitteilungen gestört. So ließ das Gouvernement m Magdeburg die Diiige gehen, wie sie
[ IIlt Vorsichtsmaßregelu.Kurie^ einzelne Offtg,iere usw. ließ man nur durch schere Land-
da^tünnp ^^ Militär brachte man möglichst wenig auf
Masspn^ %n?r^ nb / UUb ^enu es geschah, nur in größeren Massen. Solche waren unbedingt nötig, wenn man die an- ßeordneten Aushebungen durchführen wollte- denn fast in iws 1 b^kel^ren Falle gab es dabei irgend welchen Wider- stmrd zu bekämpfen und niederzuschlagen. Aber die Proskrib- wurden überall durchgeführt uiid die waffenkäbiae Mannschaft rücksichtslos in französische Regimenter gesteckt.
! ! die Dinge an jenem Märzmorgen, an dern
r? lt * Joachim von Sormitz seine dreimalige freundliche Ein-
auf U %Si}L" ei £ in biß - gerufen halte und jetzt
auf „Kloster Hohenbergen zuritt. Denll „Kloster" hieß das
Stift int Munde der Leute noch immer. Solche Namen sind zah, und umtaufen tut der Bauer nicht gern. Und so diente auch die Bezeichnung „Kloster" zur näheren Kennzeichnung olles dessen, was irgendwie mit dem Stifte zusammenhing. Die Aebtissm war die „Klosterfrau", die übrigen Konven- tualinnen die „KlosterfräuleinG", der alle Kutscher Jochen der „Klosterkutscher" und seine dicken, alten Schimmel, die me anders als in einem behäbigen Zotteltrab gingen» die „Klosterschimmel", und die vom Stift an Kranke und Arme verabreichten Speisen und sonstigen Gaben hießen die "Klostersuppen" und die „Klosterpfennige". Und der Turm- Hahn, der oben auf dem alten, efeuumsponnenen Turme seine verrosteten Flügel spreizte, als ob er wirklich hiueinfliegen wollte ms alte romantische Land, war der „Klostergockel".
Daran änderte niemand was und konnte und wollte auch niemand etwas ändern.
So hielt denn Hans Joachim vor dem „Kloster", und sem Auge blitzte hinauf zu dem alten Spruche, der über dem mächtigen eisernen Gittertor am Eingänge geschrieben stand:
„In Sturm und Stille — meine Heimat!"
Hans Joachim nickte, als er das schon so oft gelesene Wort wieder las.
Der alte Bastian, der „Klosterpförtner", kam herbei und nahm chm das Pferd ab.
„Na, Bastian, geht's gut?"
„So so, Jungherr. Die Beine wollen nicht mehr so richtig Mit —"
.< „Da'müssen wir die Beinchen mal mit Melissengeist einreiben, Basttan."
"dlch Jvtte doch, Jungherr! Dat helpt nu nich mehr! Wenndat Schmalz erst mal aus den Knochen raus ist, dann laßt der Herrgott bald zum Appell blastm, un dann helvt keen schmalz mehr — innen nicht, un buten nich."
„So schnell geht das nicht, Bastian."
„Dat weeß bloß der Herrgott, Jungherr, ob det schnell oder langsam geht. Unsereen muß immer parat sin . . ."
Hans Joachim wischte mit den Händen den Staub von semem Anzüge.
Ä „Ist meine Tante oben, Bastian?" fl „Jawoll, Jungherr."
„?ca, da wilt ich mal nach oben. Legt dem Braunen, emL große Decke über, Bastian, -- er dampft sehr."
„^awoll Jungherr, er soll schon kriegen, )vas ihm zu- kommt."
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rovuujuu Lim tu oen gewowten csang oes Hauses, dem ihni frostige Kühle entgegenwehte. — —
. Das hochedelgeboeene Fräulein Ludowika Aemiliane von der cuod', die Domma, saß in ihrem Zimmer, vor dessen Fenstern nnmergrüner Efeu rankte, in einem reich geschnitzten Lehnstuhl und hatte eilt Wirtschaftsbuch vor sich, zu dessen Notizen sie kurze Randbemerkungen machte. In dem dunkel- getaselten, hohen Zimmer herrschte ein Halbdunkel, das dem Raume, der von emem riegen Kamin behaglich durchwärmt wurde, etwas von der Feierlichkeit einer Kapelle gab Soeben las die Domina in dem Wirtschaftsbuch- <. "Der Försterjunge behauptet, es seien 21 Klafter Holz, die zum Verkauf liegen." '
schrieb die Domiila mit großen, steifen Zügen: ^-orsterttlnge ist ein Esel. Er kann mir nichts weivmachen. Es sind 22 Klafter Holz. Heute nachmittag um
dabeistehem" ^ ^ ll)m vorzahlen, und er soll mit Attention Weiter las die Domina:
kriegt Brauue Stute „Mcerweibchen" hat ein Füllen ge- Und sie schrieb daneben:
daß die Pferde alle Füllen ^ 06 en,denn Sc Majestät der König, unser allergnädigster
nötig I;aben Ü '' 16 ÖICle ® ferbc unb viele Reiter dazu
.Dabei sah sie auf das Bild, das ihr gegenüber hing —
koittg Friedrich Wilhelm IIL von Preußen — und neigte das Haupt wie zum Gruße. "nv ucigre
Hans Joachim trat ein. Die Domina s.,^Mo da^ Buch zu und reichte ihm die Hand, die er ehr- furchtsooll an seine Lippen zog.
„Sei willkommen, Hans Joachim."
„Wie geht es dir, Tante?"
"Aut, gut. Aber dir, mein Sohn?"
„Man will mir an den Hals, Tante."
„Nanu. Wer denn?"


