3n Sturm und Stille.
Roman von MaxTrcu.
. (Nachdruck verboten.)
Hans Joachim von Sormitz stand oben am Elbdeiche, blinzelte mit den Augen in die Märzensonne, sog mit Liefen Zügen die herbe, mit serschem Erdgeruch und Wasserdunst erfüllte Luft ein imb rief mit lauter Stimme, daß eß das Brausendes hochgehenden Stromes überfchallte: „Hol euch alle der Teufel!"
Und er streckte und dehnte die mächtige, breitbrüstige Gestalt, faltete die Hände über dem Hinterkopf zusammen, holte aufs neue tief Atem und rief zum anderen Male:
„Hol euch alte der Teufel!"
In der weiten Runde ringsum aber war niemand zu sehen, an dem der Teufel diesen frommen Wunsch hätte erfüllen können. Und doch rief Hans Joachim zum dritten Male, während er mit einem grimmigen Fußtritt eine in seiner Nähe liegende tote Ratte hinunterschleuderte m den Flnß'
„Ho! euch alle der Teufel bismuf den letzten Mann!"
Danach stieg Hans Joachim den Elbdeich hinunter und gab-einen gellenden Pfiff ab, auf den hin sein Brauner, der in der Nähe gemächliche Auswahl unter frischen Marzgräsern gehalten hatte, schnell herbeigetrottelt kam.
" Sie kannten einander schon, Herr und Roß, und wußten, daß sie sich aufeinander verlassen konnten. Wenn Hans ^oa-, chim sich ins grüne Gras legte oder aus dem Deiche Ausschau hielt, dann ließ er den Braunen ruhig allein machen, was er wollte. Der lief nicht weg, und aus den Pfiff kam er heran. Hans Joachim legte seine Wange an den Kops des schönen, seingebauten Tieres und sagte leise:
„Sie wollen mir an den Hals, Alterchen!"
Und der Braune schnaubte laut, als wollte er sagen: „Laß dich nur nicht bange machen, Hans Joachim! An uns
können sie doch nicht!" . . ... t ~ .
Hans Joachim saß im Sattel, und rn lchlankem Trabe ging es vorwärts. Bald war ein Dorf erreicht. Vor seiner Türe stand der Schmied und hämmerte aus das glühende Eisen los, daß die Funken stoben.
„Guten Tag, Riezler," rief der Reiter und hielt den Braunen an.
„Gu'n Tag ok, Jungherr."
„Na, Riezler, was machen die Lutten?'
Ueber das Gesicht des Meisters flog ein behäbiges
%ant schön der Nachfrage, Jungherr. Geht gut. De een schreit den ganzen Dag, un de anner schreit dreiviertel Dag.
Hans Joachim lachte. ^ „
„Da habt Ihr ja immer Musik, Riezler."
„Un eene kräftige, Jungherr. Will Ihnen wat seggen: Wenn Sie heiraten, sehn Sie sich vor, daß «ie keene Zwil
linge kriegen — bat gibt eenen Mordspektakel, ich weetz dat
jetzt"
„Werde mich schon vorsehen, Riezler. Und das Herramr hat noch gute Wege. Solange die Franzosen rm Lande sind, — kein Gedanke dran!" _
Wuchtig fiel der Hammer des Schmiedes auf den Amboß
nieder. c „
„Dat Dnwelstüg! Verstehen sollen sie alle in der Elbe!
„Ach, Riezler. da kriegen wir sie nicht rin!"
„Rur tölt>en, Jungherr. Bloß immer töwen. Der Dag kommt och noch. 2lber towen. De richtige Oogenblick muß bc sin, *— denn aber rin in die Elbe, wo sie am tiefsten iS!"
„Rin in die Elba!" wiederholte Hans Joachim.
„Adjüs, Riezler!"
„Adjüs, Jungherr!"
„Gebt man gut acht auf die Lütten, damit es em paar Prachtkerle werden."
„Soll'n sie schon. Jungherr. In der nötigen ungebrannten Asche soles nicht fehlen."
Lachend trabte Hans Joachim von darmen. Als er aus der Dorfgasse her anskam, und der Blick ungehindert über das freie Feld schweifen konnte, lag in einiger Entfernung vor ihm am Saum eines kleinen Gehölzes ein großes, stattliches Gebäude, das rechts und links von eurer Anzahl Nebengebäuden stankiert wurde. Darauf zu ritt Hans Joachim.
Es war Kloster Hohenbergen. Es war zwar lcurgst mit „Kloster" mehr, schon seit der Refornration nicht mehr. Ms damals die Nonnen, denen.es bis dahin gehört hatte aus- gezogen waren, hatten die weiten Räumlichkeiten lange Jahre hindurch leergestanden. Niemand hatte sich darum gekümmert, als allerhand lichtscheues Gesinde! die schönen, großen Räume zu seinem Unterschlupf erwählte. Erst als die Reformation in Kurbrandenbnrg eingetuhrt worden war, kam wieder Leben in den stattlichen Besitz. Kurfürst Joachim II. errichtete ein adeliges Fräulemstrft darin, das er mit großen Rechten und Privitegren aus- stattete, und das einer bestimmten Anzahl unverheirateter Damen des kurbraiidenburgischen Adels Haus und Heim bre- ten sollte. Und diese Bestimmung hatte Kloster Hohenbergen bis aus den heutigen Tag.
Das neue Königreich Westfalen hatte an der alten Ordnung der Dinge keine Aenderung vorzunehmen gewagt. Man wußte wohl in Kassel genau, daß, wenn man nt die alten Gerechtsame des „Klosters" eingreifcn wollte, man auf fchlve- ren Widerstand stoßen wurde. Denn in der ganzen Gegend stand das Stift in hohem Ansehen, und die Landbevölkerung hing mit Treue und Liebe an Hohenbergen; denn ste wußte und hatte es durch die Jahrhunderte erprobt, datz für alle ihre Leiden im Stift Rat und tatkräftige Hilfe jederzeit zu finden war, sofern durch Menschenhand überhaupt geholfen werden konnte. Zu diesem Umstande, der jedenfalls em Grund gewesen war, von Kassel aus die Rechte und den Frieden des Stifts nicht zu stören, trat noch ein zweiter.


